Helge Schneider in Stuttgart Man könnte sich Würstchen in die Lippen nähen
Michael Werner, 23.02.2012 07:51 Uhr
Helge Schneider schaut in Stuttgart vorbei. Foto: dpa
Helge Schneider schaut in Stuttgart vorbei. Foto: dpa

Stuttgart - Im August fahren die Leute vielleicht zum Gardasee, im Dezember schlendern sie über den Weihnachtsmarkt, und knapp 4000 Stuttgarter haben in diesem Jahr an ihrem Ritual festgehalten, am Faschingsdienstag oder am Aschermittwoch Helge Schneiders Show im Beethovensaal zu besuchen. Es spricht für den mittlerweile 56-jährigen Entertainer aus Mülheim an der Ruhr, dass das kein bisschen langweilig wird. Es spricht ebenfalls für ihn, dass am Faschingsdienstag einerseits alles wie immer war – und andererseits das meiste ganz anders als zuvor.

Um es vorwegzunehmen: Helge Schneider war diesmal nicht ganz so komisch wie in den Jahren zuvor. Also, komisch war er schon, sehr komisch sogar, man durfte oft und lang eine für einen selbst sehr angenehme, sehr befreiende Form des Lachens lachen. Aber eben nicht so oft und so lang wie meistens in den letzten Jahren. Das Allerbeste aber ist: Der Umstand, dass sie diesmal nicht ganz so komisch war, heißt nicht, dass die Helge-Schneider-Show schlechter geworden wäre. Im Gegenteil: Sie ist vielleicht noch ein bisschen besser geworden, als sie ohnehin schon war.

Denn Helge Schneider gestattet sich an diesem Abend eben auch eine bewegende Ernsthaftigkeit am Klavier, wo er mehr Zeit verbringt als je zuvor. Er hat das oft schon angedeutet, oder vielleicht eher angetäuscht – aber die Hingabe, mit der er diesmal Akkorde im Moment vertäut, und die Leidenschaft, mit der er seine Soli himmelwärts schickt, die sind in dieser Entschlossenheit neu. Es ist, als wenn ein Kreis sich schlösse für dieses Multitalent, das einst als Musiker begonnen hat und erst viel später als Spaßmacher dem Erfolg begegnet ist. Und wenn nicht alles täuscht, dann hört man aus der Wucht und der Zärtlichkeit, mit der Helge Schneider seiner perfekt getimten Kunst huldigt, manchmal ein Fünkchen Melancholie heraus.

Der Quatschkopf muss nicht zu Hause bleiben

Er hat – was die Äußerlichkeiten betrifft – musikalisch abgespeckt. Er hat seinen Gitarristen und die Hälfte seiner absurden Instrumentensammlung zu Hause gelassen. Er dringt stattdessen mit seinen beiden kongenialen Partnern Willy Ketzer (Schlagzeug) und Ira Coleman (Kontrabass) ins Innerste des Jazz vor – mit jener selbstverständlichen Leichtigkeit, mit jener virtuosen Entspanntheit, die auch deshalb bannt, weil sie den Kategorien der Künstlichkeit längst entwischt ist: Wenn Willy Ketzer den Überschwang durchwachter Nächte aus seiner Hi-Hat kitzelt, wenn Ira Coleman halsbrecherische Klettertouren am Bass zelebriert, wenn Helge Schneider schließlich nichts anderes tut, als die ganze Tragweite eines schicksalhaften Augenblicks mit allen einem Pianisten zur Verfügung stehenden Mitteln einzufangen, dann merkt man: hier spielen wortlos drei Männer zusammen, die wirklich zusammenspielen wollen.

Der andere Helge Schneider, der Quatschkopf, muss deshalb nicht zu Hause bleiben. Aber der Komiker fährt dem Musiker nicht mehr fortwährend in die Parade. Nein, der Komiker zollt dem Musiker diesmal Respekt. Auch, indem er sein eigenes Ausdrucksspektrum noch erweitert. Eine Liedzeile des Komikers Helge Schneider lautet an diesem Abend: „Ein Auto spritzt mir eine Pfütze in die Hose. Es sind Winterreifen, die im Sommer auch Gefahren bergen können“. Dann wieder schlendert der Großmeister des Grotesken über die Bühne, sammelt die Überlänge seines Mikrofonkabels ein und erzählt beispielsweise, dass man sich die Lippen dicker machen könne, indem man Würstchen einnäht. Oder er tut so, als sei sein Mikrofon kaputt: „Ee“, faucht er dann, wenn er vom Teekoch Bodo wieder Tee ordert. Und irgendwann fordert ein Zuschauer „Katzeklo“.

„Von mir aus“, knurrt Helge Schneider, „mir doch egal.“ Dann spielt er eine einzige, wüst endende Strophe seines größten Hits am Klavier und lässt keinen Zweifel daran, dass sich auch ein Künstler, der seine Kunstform selber erfunden hat, weiterentwickeln darf. Irre, wie befreit er jetzt klingt.

Kommentare (1)
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FEB
23
Thomas Eilenstein, 17:16 Uhr

Pianeur

Hoffen wir, dass Wolfgang Dauner an diesem Abend nicht in der Liederhalle war. Er hätte sonst sehen und hören können was er alles nicht kann. Der Komiker Schneider ist zu großen Teilen langweilig. Dem Musiker wünsche ich allerdings ein langes Leben mit vielen Auftritten. Schneider gehört mit zum Besten, was das deutsche Tasten-Panorama zu bieten hat. Er ist vor allen Dingen kein kalter Eitelkeits-Exekutor, der sich an mechanischem Redundanz-Tand abarbeitet, sondern ein Musiker, der das Klavier als Ausdrucks-Medium benutzt. Diese Leute sterben aus. Es bleiben dann die Swing-Roboter von den Musikhochschulen, die so austauschbar sind wie Samples auf dem Computer. Helge: Mach mal 'ne Piano-Jazzscheibe. Der deutsche Klimper-Michel wird sich wundern.

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