Krimikolumne

Helon Habila: „Öl auf Wasser“ In der Todeszone des Profits

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Im Nigerdelta, wo die Ölförderung Natur und Menschen vergiftet, versuchen zwei Journalisten, einen Rebellentrupp und dessen Geisel zu finden.

Im Nigerdelta kämpfen Rebellengruppen gegen Regierung und Ölmultis. In Helon Habilas „Öl auf Wasser“ finanzieren sie sich durch Lösegelderpressungen. Foto: dpa
Im Nigerdelta kämpfen Rebellengruppen gegen Regierung und Ölmultis. In Helon Habilas „Öl auf Wasser“ finanzieren sie sich durch Lösegelderpressungen.Foto: dpa

Stuttgart - Umweltschutz ist der Industrie sehr wichtig. Und zwar überall dort,wo kaufkräftige, boykottbereite Konsumenten kritisch hinschauen. Jenseits dieses Aufmerksamkeitshorizonts lässt man dann wieder Mensch und Natur verrecken. Helon Habilas dringlich empfohlener Roman „Öl auf Wasser“ führt uns in solch eine Todeszone der Gewinnerwirtschaftung. Er spielt im Nigerdelta, wo der Konzern Royal Dutch Shell das Öl so billig wie möglich aus dem Boden holen wollte. Was sonst als zeitlich begrenzte Ölkatastrophe global Schlagzeilen macht, ist hier seit langem Dauerzustand.

Habila, Jahrgang 1967, ein nigerianischer Journalist und mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller, der heute in den USA lebt, erzählt von zwei Journalisten, Rufus und Zaq. Der eine ist noch relativ jung, merkt aber schon, dass Ideal und Wirklichkeit in seinem Beruf weit auseinander liegen. Der andere, Zaq, einst preisgekrönter Star und Lehrmeister von Rufus, ist nur noch ein versoffenes, desillusioniertes Wrack. „Öl auf Wasser“ ist kein optimistisches Buch.

Der Alltag der Geiselnahme

Die Recherche der Reporter führt in den Sumpf, im realen wie im übertragenen Sinne. Sie sollen über das Wohlergehen einer Geisel berichten, der weißen Frau eines britischen Ölingenieurs, die von einer der Rebellengruppen, die gegen Regierung und Konzerne antreten, entführt wurde. Solche Lösegeldgeschäfte sind Alltag in der Gefechtszone rund um leckende Pipelines und unablässig lodernde Gasfackeln. Die Journalisten sind Teil des Systems, ihre Berichte bieten den Zahlenden die Gewissheit, dass die Geisel tatsächlich in der Hand der Rebellen und wohlauf ist.

Diesmal aber geht das Rendezvous in den Mangrovensümpfen schief. Habila erzählt, wie die Journalisten doch noch versuchen, den kurz vorm Treff vom Militär attackierten Guerillahaufen zu finden. Er durchsetzt diese Reise in die Finsternis mit Rückerinnerungen: an Rufus‘ Einstieg in den Beruf, an die besseren Tage von Zaq, an den Beginn der aktuellen Mission, die wir schon auf den ersten Seiten des Buches im Stadium der Auflösung sehen.

Kein Wild, keine Fische, keine Äcker

In manchem erinnert „Öl auf Wasser“ an Joseph Conrads „Heart of Darkness“. Aber Habilas Reise des Schreckens fehlt das Element halbwegs ursprünglicher Wildheit. Die Verwahrlosung hier ist nicht vor-, sondern endzeitlich. Das Militär ist ein gewaltverliebter Haufen, geführt von einem sadistischen Major, und sieht die Bevölkerung als Feind. Einige sogenannte Rebellen sind schlicht Lösegeldgangster, andere haben sich von ihren hehre Zielen weit entfernt, getrieben von den Sachzwängen des Krieges.

Ob ein paar der schwer bewaffneten Gestalten, die Kooperation mit vorgehaltenem Gewehr erzwingen, tatsächlich das Wohl des Volkes als Endziel haben, kann den verbliebenen Bewohnern der Ölpesthölle egal sein. Sie, die Fischer ohne Fische, die Bauern ohne Äcker, die Jäger ohne Wild, zeigt Habila, sind immer die Verlierer.

Nicht gehen und nicht bleiben

Rufus wird demontiert. Er verliert seinen Glauben an Zaq und dann Zaq selbst, seine Ausrüstung und damit riskanterweise auch seine Legitimation als Journalist in einer Kampfzone paranoider, stets Verrat und Spione witternder Kombattanten. Was Rufus bleibt, ist ein sturer Wille, doch noch etwas zu erfahren. Aber den rückt Habila nicht triumphierend ins Zentrum von „Öl auf Wasser“. Dort stehen die Menschen, die ihre Heimat nicht verlassen wollen und doch nicht bleiben können, die mit zähem Widerstandswillen angesichts unmenschlicher Zumutungen nach einem Weg suchen, in Frieden ihr einfaches Leben fortzuführen.

Sie stehen im Zentrum, aber sie machen nicht den Hauptteil des Buches aus. Das ist das Konstruktionsprinzip von „Öl auf Wasser“: Wir folgen lesend Irrwegen, dem suchenden Umkreisen, dem Vor und Zurück in einer Gegend, in der Rufus sich alleine nicht orientieren kann. Das Wichtige, Essenzielle, bilanziert Helon Habila damit, ohne dass er es aussprechen muss, ist aus dem Blick geraten.

Helon Habila: Öl auf Wasser. Roman. Deutsch von Thomas Brückner. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2012. 240 Seiten. 24,80 Euro.

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