Krimikolumne

Henrik Siebold: „Inspektor Takeda und der leise Tod“ Teezeremonie und Aikido

Von Georg Patzer 

Ein Japaner in Hamburg: Inspektor Takeda ist etwas anders als seine hanseatischen Kollegen. Er spielt bei Verhören zwar mit dem Gedanken, Verdächtigen den Arm zu brechen, sagt auf der anderen Seite aber „Bitte“, wenn jemand die Klappe halten soll – unterhaltsam aufgeschrieben von Henrik Siebold.

Von Nippon in die Hansestadt: Inspektor Takeda hat so seine eigenen Methoden nach Hamburg importiert. Foto: dpa
Von Nippon in die Hansestadt: Inspektor Takeda hat so seine eigenen Methoden nach Hamburg importiert. Foto: dpa

Stuttgart - „Liebherr schrie auf: ‚Lassen Sie mich los, verdammt noch mal. Sie tun mir weh. Ich werde Sie verklagen.’ Claudia beachtete ihn nicht. ‚Gebrochen? Sein Arm, meine ich?’ Takeda schüttelte den Kopf. ‚Nein, bisher nicht. Soll ich?’“ Um etwas später dem auf dem Boden liegenden Liebherr, der sich immer weiter wehrt und beschwert, zu sagen: „Halten Sie bitte die Klappe“.

Ja, er hat noch viel zu lernen, der Inspektor Ken Takeda. Aus Japan wurde er nach Hamburg ausgeliehen, um bei der dortigen Mordkommission mitzuarbeiten, die deutschen Methoden kennenzulernen. Und auch ein bisschen die japanischen zu zeigen. Sehr irritierend, für beide Seiten. Denn Takeda fängt ein Verhör nicht damit an, dass er die Verdächtigen zum Fall selbst befragt. Er plaudert einfach mit ihnen. So werde das in Japan gemacht, damit sich die Verdächtigten erst einmal entspannen. Zum Kern der Sache kommt man später noch.

Verhältnis mit der Hauptverdächtigen

Eine weitere praktische Methode ist, dass Takeda mitten im lauten Gewühl aufrecht dasitzen kann, die Augen geschlossen. Sodass alle denken, er meditiere. Aber er beherrscht die japanische Kunst, zu schlafen ohne umzufallen. Sehr hilfreich, denn viel Schlaf bekommt Takeda nicht. Das liegt nicht nur daran, dass er und seine unmittelbare Kollegin Claudia Harms gleich zwei Fälle bearbeiten müssen: den des vom Balkon geworfenen Einjährigen und den des überfahrenen Internet-Gurus und Tech-Investors Markus Sassnitz. Sondern es liegt daran, dass er mit Susanne Sassnitz, der Witwe und eine zeitlang Hauptverdächtige, ein Verhältnis angefangen hat und die Nächte mit ihr verbringt. Das ist allerdings keine besondere japanische Methode, das ist einfach nur so passiert.

Mit „Inspektor Takeda und der leise Tod“ hat Henrik Siebold (ein Pseudonym: Siebold war ein berühmter Japanreisender) seinen zweiten Krimi um den Austauschinspektor geschrieben, der in eine fremde Welt geworfen wird, die er, als Außenseiter, neugierig und oft irritiert betrachtet. Eine besondere Antenne hat er zum Beispiel für Hierarchien, denn die sind in Japan sehr wichtig. Außerdem wundert er sich über die Art und Weise, wie die deutschen Polizisten arbeiten – meist unterhalten sie sich während des Diensts über Angeln oder Frauen, und dennoch wird die Arbeit erledigt. Er beobachtet viel, nimmt Details wahr, weil sie für ihn nicht selbstverständlich sind. Und natürlich kann Takeda mit Aikido eine Kampfkunst, die ihm das Knochenbrechen erlaubt, natürlich beherrscht er die Teezeremonie, die er mit Susanne und manchmal Claudia zelebriert. Liebt Jazz, spielt virtuos Saxophon – ein paar Klischees dürfen schon sein. Oder sind es gar keine? Sind „die Japaner“ so? Siebold bringt einen jedenfalls ganz nebenbei zum Nachdenken, denn ganz ungebrochen lässt er seine eigenen Klischees auch nicht durchgehen – man spürt an Details, dass er sich in Japan gut auskennt.

Amüsant und spannend

Abgesehen von ein paar stilistischen Ungeschicklichkeiten sind Siebolds Krimis (auch der Vorgängerband, „Inspektor Takeda und die Toten von Altona“) eine amüsante und auch spannende Lektüre. Die Beziehungsgeflechte werden sehr schön ausgebreitet, weitergesponnen und weiterentwickelt, die manchmal komplizierte, manchmal entspannte Atmosphäre zwischen Kenjiro und Claudia, der manchmal komplizierte Umgang auch mit sich selbst, den beide gut beherrschen: Claudia mit ihren Männergeschichten, die sie nicht so recht auf die Reihe bekommt (oder vielleicht doch noch), Ken mit den Frauen und seiner tiefsitzenden Melancholie - das ist sehr schön und sanft beschrieben. Glücklicherweise sind die Neurosen der beiden nicht, wie so oft üblich bei Krimis, übertrieben gezeichnet: Es sind keine „Dämonen“, es sind normale Allerweltsstörungen, wie viele sie haben.

Der Fall wird recht realistisch beschrieben, inklusive einer Besprechung in schönstem Behördendeutsch, dass es einen graust. Die Drehungen, die beide Fälle machen – es geht um Drogen, Schmuggel, das Internet, das Transportsystem abseits der Taxiunternehmen, Kindsmord, Erpressung und Mord durch das leise Überfahren des Toten durch ein schnelles Elektroauto – diese Drehungen und Wendungen sind allesamt glaubhaft, ebenso die Personen: Schnell sind sie lebendig, reden normales Deutsch und verhalten sich durchaus normal. Einen leichten Witz bekommt die Reihe auch dadurch, dass Takeda noch nicht perfekt Deutsch kann, dass er also „Halten Sie die Klappe“ mit einem „bitte“ ergänzt – aber das lernt er auch noch.

Henrik Siebold: Inspektor Takeda und der leise Tod. Kriminalroman, Aufbau Taschenbuch Verlag, 352 Seiten, 9,99 Euro