Herber Rückschlag für die S-Bahn-Pläne
"Leonberger Kreiszeitung", 19.05.2011 02:41 Uhr
Calw/Weil der Stadt Die Verlängerung der S6 ist nach einer Studie nicht wirtschadftlich und damit nicht förderfähig. Von Gerlinde Wicke-Naber

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit vor 15 Monaten hatte der Calwer Landrat Helmut Riegger die Wiederbelebung der Schwarzwaldbahn, die einst von Calw über Weil der Stadt nach Stuttgart führte, zu seinem wichtigsten Projekt erklärt. "Calw ist der einzige Kreis in der Metropolregion Stuttgart ohne direkten Bahnanschluss an die Hauptstadt. Um unseren Kreis zukunftsfähig zu machen, brauchen wir diese Verkehrsanbindung", wiederholt Riegger mantraartig bei jeder Gelegenheit.

Die Weichen für dieses ehrgeizige Infrastrukturprojekt mit einem Investitionsvolumen von 70 Millionen Euro hat Riegger in den vergangenen Monaten gestellt. Der frühere Sindelfinger Finanzbürgermeister führte Gespräche mit Vertretern von Bund, Land und Region, den Anrainerkommunen sowie dem Kreis Böblingen, durch dessen Gebiet die Strecke führt. "Überall haben wir positive Signale erhalten", sagt Riegger.

Doch nun hat es einen herben Rückschlag für die Pläne zur Verlängerung der S-Bahnlinie 6 gegeben, die momentan von Stuttgart bis Weil der Stadt führt. Denn für die Beantragung der Zuschüsse bei Bund und Land - dies war für den Juli geplant - musste erst in einer sogenannten standardisierten Bewertung der Kosten-Nutzen-Faktor der Bahnverlängerung ermittelt werden - das ist das übliche Prozedere bei Verkehrsprojekten. Dabei werden die Investitionskosten des Projekts dem Nutzen gegenübergestellt. Dazu gehören Werte wie die Gewinnung neuer Fahrgäste und die Einsparung von CO2-Emissionen durch Wechsler von Auto zur Bahn.

Ganz anders als vermutet fiel diese Bewertung aus: "Nach den uns jetzt vorliegenden Berechnungen ist der Ausbau der S 6-Linie unwirtschaftlich", erklärte Riegger gestern. Damit ist das Projekt nicht förderfähig. "Und ohne die Zuschüsse von Land und Bund, die 80 Prozent ausmachen, ist der Ausbau nicht zu stemmen", stellte Helmut Riegger klar.

Trotzdem will der Landrat nicht aufgeben. "Wir bezweifeln die Berechnungen", sagte er. Denn der Hauptbestandteil der Kosten-Nutzen-Analyse seien die zu erwartenden Fahrgäste, die aus der Zahl der Verkehrsteilnehmer ermittelt wird. Dabei habe man sich auf Zahlen aus den Landesverkehrszählungen 2009 gestützt. Diese jedoch wichen stark von denen im Jahr 2002 ab. 2002 wurden auf der Bundesstraße 295, die Calw und Böblingen verbindet, pro Tag 26 500 Autos gezählt, 2009 nur noch 20 000. "Das war auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise. Da gab es bei Daimler und seinen Zulieferern überall Kurzarbeit. Natürlich waren da weniger Menschen unterwegs", sagte Riegger. Auch die Fahrgastzahlen in den Busen seien gegenüber 2002 drastisch gesunken. "In manchen Buslinien zum Teil um 80 Prozent. Das kann nicht sein", meinte der Landrat.

Deshalb hat er veranlasst, dass nun der Kreis selbst den Verkehr zählt. In dieser Woche werden auf allen wichtigen Verbindungsstraßen in Richtung Stuttgart und Sindelfingen die Autos gezählt. In der kommenden Woche gibt es dann Fahrgasterhebungen in den Bussen. Diese Zahlen sollen dann in eine neue standardisierte Bewertung einfließen. Bis zum Herbst, so hofft Riegger, werden die Ergebnisse vorliegen. "Wir möchten noch in diesem Jahr die Finanzierungsanträge bei Bund und Land stellen."

Denn die Zeit drängt. Wenn die Bahnlinie nicht bis zum Jahr 2018 fertiggestellt und ein Jahr später abgerechnet ist, dann gelten vermutlich nicht mehr die bisher großzügigen Förderrichtlinien, wonach 80 Prozent der Kosten erstattet werden. Helmut Riegger ist optimistisch, es bis dahin zu schaffen: "Wir haben eine kleine Zeitverzögerung. Doch die holen wir wieder rein."

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