Hilfe für Bosnien Oase in einer kaputten Stadt
art, 19.02.2012 09:26 Uhr
Eine Frau im Altersheim von Sanski Most. Die Einrichtung gehört zum Sozialzentrum, das von der Stuttgarter Heidehof-Stiftung unterstützt wird. Foto: Martin Tschepe
Eine Frau im Altersheim von Sanski Most. Die Einrichtung gehört zum Sozialzentrum, das von der Stuttgarter Heidehof-Stiftung unterstützt wird. Foto: Martin Tschepe

Stuttgart/Sanski Most - Michael Brenner fährt nach Bosnien. Wieder einmal. Sein Ziel ist Sanski Most, eine geschundene Stadt hundertfünfzig Kilometer nördlich von Sarajevo. Sie hat schon bessere Tage erlebt. Lange her. Der Balkankrieg hat das ehemalige Jugoslawien zerrissen, ungezählte Menschen wurden getötet, viele Familien entwurzelt. In Städten wie Sanski Most sind die Folgen zu sehen. Die Arbeitslosenquote dürfte bei 50 Prozent liegen, mindestens. Die Straßen sind leer. Wohnhäuser und Geschäfte stehen zum Verkauf. Vor dem Krieg lebten hier rund 70 000 Leute. Wie viele es heute sind, scheint niemand zu wissen. Die Angaben schwanken zwischen 18 000 und 50 000. Viele Restaurants öffnen nur im Sommer für ein paar Wochen, wenn ein paar Tausend Exilbosnier die alte Heimat besuchen.

Michael Brenner war schon oft in Sanski Most, der 51-Jährige ist Geschäftsführer der Stuttgarter Heidehof-Stiftung. Bei diesem Besuch bringt er ein Auto mit – ein Geschenk für die bosnischen Partner vom Verein Fenix, der am Stadtrand ein Sozialzentrum betreibt.

Ein bitterkalter Februartag. Eine dicke Schneedecke hat sich über die Balkanstaaten gelegt. Das Leben in Sanski Most ist noch beschwerlicher als sonst. Wer es irgendwie einrichten kann, verlässt die Stadt, um im Westen sein Glück zu suchen – in Deutschland, in Österreich, wo auch immer. Hauptsache weg. Zurück bleiben die Alten und die Kranken, angewiesen auf Hilfe, die der junge Staat Bosnien-Herzegowina offenkundig nicht leisten kann. Deshalb engagiert sich die Stiftung aus Schwaben bereits seit 13 Jahren hier.Viele Bürger beklagen den Stillstand. Die Leiterin des Fenix-Altenheims, Emina Sehic, sagt sogar: „Die Lage wird immer schlimmer.“ Die meisten Politiker dächten nur an sich, viele Beamte seien korrupt. Der Sozialpädagoge und Betriebswirt Michael Brenner erlebt bei seinen Besuchen in Bosnien hautnah, unter welch erbärmlichen Bedingungen manche Bosnier seit mehr als einem Jahrzehnt leben. Fenix, sagt er, sei wie ein gallisches Dorf. „Unsere Oase“, nennt Emina Sehic die eingefriedeten schlichten Neubauten. Die 48-jährige Heimleiterin und die Chefin des Sozialzentrums, die 38-jährige Adisa Hotic, trotzen mit ihren zwei Dutzend Mitarbeitern den widrigen Bedingungen.

1997 wurde das Mutter-Kind-Haus eröffnet

„Hier fühlen wir uns gut und beschützt“, sagt Sehic. Während des Kriegs waren sie wie mehrere Hunderttausend andere Bosnier nach Deutschland geflüchtet. Nach ihrer Rückkehr bauten die beiden Frauen, die fast perfekt Deutsch sprechen, Fenix auf. Das Zentrum solle helfen, dass die Stadt eines Tages aufersteht – „wie Phönix aus der Asche“, sagt Adisa Hotic und lacht.

1997 wurde das Mutter-Kind-Haus eröffnet mit Angeboten für Schwangere und Stillende, dann wurden die Wasch- und die Armenküche eingerichtet, ein betreutes Seniorenbad, Beratungs- und Behandlungsräume für Bedürftige. Vor ein paar Jahren hat Fenix das Altenheim mit 50 Plätzen eingeweiht. Es soll eines Tages Gewinne abwerfen, damit sich die anderen Dienste irgendwann auch ohne Hilfe aus dem Westen tragen.

Bei diesem Besuch haben Michael Brenner und sein Begleiter Manfred Huber, der ehemalige Koch des Heidehof-Altenhilfezentrums in Gerlingen, außer dem gebrauchten Opel Zafira ein paar Tipps für Küche und Kassenführung mitgebracht. Das Altenheim, sagt Brenner, sei ein „Geschäftsmodell der Zukunft“ für Bosnien. Das hört sich zwar gut an, kann aber für das Land lediglich ein Mosaiksteinchen einer besseren Zukunft sein. Die Heimplätze kosten umgerechnet rund 500 Euro pro Monat. Die meisten Bewohner können sich das Heim nur leisten, weil Angehörige bezahlen, die im Westen leben und arbeiten.

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