"Hilfe für den Nachbarn" Keine Entwarnung im Kampf gegen die Armut

fal, 28.12.2012 11:19 Uhr

Stuttgart - Nichts bekämpft die Armut besser als eine gute Konjunktur. Auch in der Region Stuttgart hat der jüngste Aufschwung dazu geführt, dass wieder mehr Menschen in Lohn und Brot gekommen sind. Die Zahl der Menschen, die in der Region von Hartz IV leben mussten, ist 2011 um neun Prozent zurückgegangen (siehe Grafik). Noch immer sind aber 116 000 Menschen auf staatliche Leistungen angewiesen, weil sie krank oder behindert sind oder weil sie trotz häufig vielfältiger Anstrengungen keinen Arbeitsplatz finden.

Entwarnung will deshalb niemand geben, schon gar nicht für die Landeshauptstadt selbst. Großstädte sind immer verstärkt von Armut betroffen – so benötigen in Stuttgart 8,7 Prozent der Bevölkerung Unterstützung in Form von Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe oder Grundsicherung; auf Baden-Württemberg bezogen sind es „nur“ 5,2 Prozent.

Acht bis neun Prozent der Stuttgarter sind hilfsbedürftig

Hinter diesen dürren Zahlen stehen in Stuttgart konkret 48 998 Menschen, darunter 11 500 Kinder und Jugendliche. Sie alle treibt die Sorge um, wie es in Zukunft weitergehen soll. Je nach den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schwankt die Zahl der Hilfsbedürftigen in Stuttgart – sie lag in den vergangenen Jahren aber konstant zwischen acht und neun Prozent.

Die Sozialverbände werden deshalb nicht müde, sich für diese Menschen, die sonst kaum eine Lobby haben, einzusetzen. Sie kämpfen um höhere Regelsätze für Hartz IV, wobei dieser Kampf nach einem erneuten Urteil des Bundessozialgerichtes im Juli vorerst verloren ist – die Sätze seien verfassungsgemäß, hieß es. Sie kämpfen um Mindestlöhne, weil immer mehr Menschen in Vollzeit arbeiten und dennoch nicht genug zum Leben verdienen. Nach einer Studie der Uni Duisburg ist die Zahl der Beschäftigen im Niedriglohnsektor zwischen 1996 und 2008 um 50 Prozent auf 6,5 Millionen in Deutschland gestiegen.

Viele Ärmere scheuen den Gang zum Arzt

Die Sozialverbände kämpfen außerdem um mehr Gerechtigkeit im gesundheitlichen Bereich. Die Caritas hat das Motto „Armut macht krank“ zum Jahresthema 2012 gemacht. Schlechtere Ernährung aus Geldmangel und ständige seelische Belastung – das zermürbt. Viele ärmere Menschen gehen gar nicht mehr zum Arzt, weil sie Angst haben, die Medikamente nicht bezahlen zu können. Die Lebenserwartung ärmerer Frauen in Deutschland liegt nach einer EU-Studie um acht Jahre niedriger als bei Frauen mit hohem Einkommen.

Auch „Hilfe für den Nachbarn“ spürt diese Probleme. Immer häufiger werden bei der StZ-Weihnachtsaktion die Kosten für Brillen oder zahnärztliche Behandlungen beantragt, die von den Krankenkassen gar nicht oder nur zu einem geringen Teil übernommen werden. „Hilfe für den Nachbarn“ hat auf diese Entwicklung in die­sem Jahr auch damit reagiert, dass der Verein die „Malteser Migrantenmedizin“ mit 30 000 Euro unterstützt hat. Einmal in der Woche können sich Patienten, die gar nicht krankenversichert sind, in einer Praxis der Malteser kostenlos behandeln lassen.

„Hilfe für den Nachbarn“ half zuletzt in 1681 Fällen

Unterm Strich ist es eine recht geringe Zahl von Bedürftigen, für die bei „Hilfe für den Nachbarn“ ein Antrag gestellt wird. Dafür sorgen die sozialen Partnerorganisationen, die genau hinschauen, für wen ein Antrag nötig ist. In diesem Jahr hat die Aktion 1681 Einzelpersonen und Familien in der Region unterstützt – auch das ist eine seit Jahren weitgehend konstante Zahl. Unter den rund 116 000 ärmeren Menschen sind das also gerade 1,5 Prozent.

 
 
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Kommentare (6)
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JAN
02
Klaus siegmund, 10:22 Uhr

Stz spendenaktion

Stimmt alles was da kommentiert wird: die gewollte umverteilung von unten nach oben, die politiker als helfershelfer der abzocker und managerschmarotzer, der euro als grösster möglicher betrug an allen europäern die mrd an schulden abtragen werden müssen damit wenige sich als superreiche brüsten können. Trotzdem: helfen ist was uns alle zu menschen macht. Also in der sache hart diskutieren und argumentiern, aber dann die herzen und konten öffnen und geben. Ein gutes gefühl! Trotz aller empörung....

DEZ
01
Horge, 12:32 Uhr

Tja Freunde,...

...nehmt das Bürger-Steuervermögen, das Oettinger 2008 und 09 in die LBBW gepumpt hat, weil da schon knapp 4 Milliarden Steuergeld in der Immobilienblase vernichtet wurden, Nehmt nun den Kreditausfall der ansteht, wenn die Stadt Stuttgart ihr Stammkapital bei der LBBW 2013 erhöht und dadurch auf veröffentlichte 70-80 Millionen an Zinsen verzichtet für den Haushalt.Nur zwei Beispiele von vielen. Nehmt endlich zur Kenntnis, das die Politik der letzten 30 Jahre nach dem Schema funktioniert:' Brot für die Welt, aber die Wurst bleibt hier'. Das Engagement von Bürger für Arme in der Region ist wirklich aller Ehren wert. Ist leider aber auch der Tatsache geschuldet, das der Sozialstaat parlamentarisch ersetzt wird durch Sozialwettbewerb, was in der Summe dazu führt, das nicht nur die HIlfsbedürftigkeit von Menschen zunimmt, sondern auch die caritativen Organisationen mit auf Wettbewerbskante genähte Kassen ihr steigendes Armutsklientel bedienen dürfen. Die Quadratur des Kreises, dem Wachstum des Wahnsinns verpflichtet.

NOV
30
bekien, 17:07 Uhr

'Mutti, ich friere!'

Wie viele sich dieses Jahr nicht mal ne richtige Heizung leisten können, kann man sich nicht vorstellen. Nicht jeder, der arm ist, ist Obdachlos. Aber, arm dran. Wie bekomme ich meine Wohnung warm? Könnte das auch bei uns passieren? +++++++http://video.stuttgarter-zeitung.de/index.php?bcpid=6936081001&bclid=3612811001&bctid=1999734714001

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