Hilfe für Reisende am Hauptbahnhof Die Bahnhofsmission wird vermehrt zum Wegweiser

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Seit der neue Querbahnsteig im Hauptbahnhof eingerichtet wird, nehmen mehr Reisende Hilfe in Anspruch. Zudem bieten die Mitarbeiter der Bahnhofsmission eine Anlaufstelle für Arbeiter, die aus anderen EU-Ländern kommen.

Heide Abendschein (l.) und Sarah Heinrich arbeiten seit Jahresbeginn bei der Bahnhofsmission. Durch die Verlegung des Querbahnhofs haben sie gut zu tun. Foto: Malte Klein
Heide Abendschein (l.) und Sarah Heinrich arbeiten seit Jahresbeginn bei der Bahnhofsmission. Durch die Verlegung des Querbahnhofs haben sie gut zu tun. Foto: Malte Klein

Mitte - Kaum haben Heide Abendschein und ihre Kollegin Sarah Heinrich von der Bahnhofsmission ihr Büro im Hauptbahnhof verlassen, spricht sie schon ein Reisender an. „Wie komme ich zu Gleis neun?“, möchte er wissen. Der Mann steht auf dem alten Querbahnsteig parallel zur Bahnhofshalle. Die Sozialpädagogin Heinrich weist ihm den Weg. Der Mann ist einer von vielen, die im Hauptbahnhof schon mal den Überblick verlieren, wenn sich wegen der Bauarbeiten zu Stuttgart 21 die Wege ändern. Die Mitarbeiterinnen der Bahnhofsmission reagieren darauf. „Wir sind vermehrt auf den Bahnsteigen präsent, damit uns Hilfebedürftige ansprechen können“, sagt Heinrich.

„Unsere Arbeit hier hält uns fit“

Die 48-jährige Heide Abendschein und die 30 Jahre alte Sarah Heinrich haben seit Jahresbeginn Stellen, die extra wegen Stuttgart 21 geschaffen worden sind. „Wir merken, dass wir seit Beginn der neuen Bauphase mehr zu tun haben“, sagt Abendschein. Denn nun wird Stück für Stück ein neuer Querbahnsteig gebaut. Abendschein schätzt, dass die Hälfte aller Anfragen mit den veränderten Wegen zu tun hat. Dadurch, dass viele Züge weiter draußen halten, seien die Wege länger. „Gerade Menschen, die nicht so gut zu Fuß sind, sind unsicher, ob sie die ganze Strecke bis in die Bahnhofshalle laufen können“, sagt Abendschein. Dass manche es nicht können und auf Hilfe angewiesen sind, hat sie am Vorabend erlebt. Abendschein hatte den Auftrag, eine Frau zu begleiten, die mit einem ICE ankam und im hintersten Waggon saß. „Als ich auf dem Bahnsteig war, sah ich, dass sie einen offenen Fuß hatte. Also musste ich zurück gehen, einen Rollstuhl holen und sie dann abholen.“ Macht alles in allem anderthalb Kilometer Weg. „Unsere Arbeit hier hält uns fit. Wir brauchen kein Fitnessstudio“, sagt ihre Kollegin Heinrich.

Als Bahnhofsmissionsmitarbeiter zu Stuttgart 21 neutral

Diese Reisehilfen sind ein Teil von Heinrichs und Abendscheins Stelle. Der andere ist, dass sie eine Anlaufstelle für Arbeiter bieten, die aus anderen EU-Ländern kommen und auf der S 21-Baustelle ihr Geld verdienen. „Momentan arbeiten dort Arbeiter und Ingenieure aus Deutschland und Österreich. Der Bedarf ist noch nicht so groß“, sagt Heinrich. Mit manchen Arbeitskräften sei sie ins Gespräch gekommen. „Ich unterhalte mich mit ihnen über Allgemeines wie das Wetter und frage, woran sie arbeiten“, sagt Heinrich. So baue sie Vertrauen zu ihnen auf. Für den Fall, dass die Bauarbeiter einmal Probleme bekommen, kennen sie dann schon einen Ansprechpartner. Bisher sei das aber noch nicht der Fall gewesen. „Sie haben uns gesagt, dass bei ihnen alles gut ist.“ Heinrich rechnet damit, dass der Beratungsbedarf steigt, wenn mehr Arbeiter eingesetzt werden. Ein Sprecher des Kommunikationsbüros Stuttgart 21 der Deutschen Bahn findet es gut, dass Heinrich und Abendschein für die Arbeiter da sind. „Die Mitarbeiter auf der Baustelle arbeiten nicht nur hier, sondern leben ja auch hier“, sagt der Sprecher. Neulich hat es eine Grillfete für die Mitarbeiter gegeben. „So sollen sie Verbindungen in die Stadt knüpfen.“

Die emotionale Seite der Bahnhofsbaustelle bekommen Heinrich und Abendschein auch mit, wenn Stuttgart-21-Gegner oder -Befürworter mit ihnen über den neuen Bahnhof sprechen wollen. „Wir sind als Bahnhofsmissionsmitarbeiter zu Stuttgart 21 neutral und generell für alle da“, sagt Heinrich. Kein Tag sei gleich. Gerade das mag sie an ihrem Beruf: „Sonst muss man sich als Sozialpädagogin entscheiden, ob man mit Kindern oder Senioren arbeiten möchte. Hier habe ich alles.“

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