Krimikolumne

Hinweis auf den Klassiker Ross Macdonald Der Schnüffler als Vaterfigur

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Man kann es eigentlich nicht oft genug sagen: Leute, lest die Krimis von Ross Macdonald. Der 1983 verstorbene Autor hat mit seiner Lew-Archer-Serie ein paar der besten Privatdetektivromane überhaupt geschrieben. Auch wenn es darin um Moral statt um Schockeffekte geht.

Ein üppiger Bild- und Interviewband gibt Einblick ins Denken und Schreiben von Ross Macdonald alias Kenneth Millar Foto: Fantagraphics
Ein üppiger Bild- und Interviewband gibt Einblick ins Denken und Schreiben von Ross Macdonald alias Kenneth Millar Foto: Fantagraphics

Stuttgart - „Es gibt etwas jenseits seiner Bücher, das uns zu ihm als Person hinzieht“, hat der Rockkritiker Paul Nelson über Ross Macdonald (1915.1983) geschrieben, über den einzigen Literaten, den er je persönlich treffen wollte, um ihn im Musikmagazin „Rolling Stone“ zu porträtieren. Den Plural verwendet er nicht leichtfertig, sondern mit einer selbstverständlichen Autorität, als spreche er für eine ganze Generation von Lesern – so jedenfalls kommt einem das vor, wenn man die Vorworte zu „It’s All One Case“ gelesen hat, in denen diverse Menschen ein rein aus dem Lesen heraus entstehendes Verbindungsgefühl zum Erfinder des Privatdetektivs Lew Archer bekunden.

„It’s All One Case“ (Fantagraphics Books, Seattle 2016), das ist der reich illustrierte Band mit den Transkripten der Interviews, die der von vielen Problemen geplagte Nelson erst für einen nie erscheinenden Artikel und dann für ein nie geschriebenes Buch über Macdonald geführt hatte. Es sind bald keine journalistischen Ausfragesitzungen mehr, sondern Meister-Schüler-Gespräche. Oder vielleicht eher noch etwas anderes: Begegnungen zwischen einem gefährdeten Jüngeren, Nelson, und einem abgeklärten Älteren, der Halt, Hilfe, Orientierung geben soll, eine Situation wie aus einem Lew-Archer-Krimi. Die bittere Ironie an der Sache ist, dass Macdonald die Archer-Rolle zwar spielen möchte, aber doch zugleich klar machen muss, dass auch er nicht identisch werden kann mit jener faszinierenden Mischung aus abgebrühtem Tatmensch, behutsamem Psychoanalytiker, weisem Beichtvater und gutem Samariter, die er erfunden hat.

Kein Klassiker für den Boommarkt

In Deutschland wäre so ein Plural, der eine Lesergeneration fasst, in Bezug auf Macdonald, der eigentlich Kenneth Millar hieß, auf jeden Fall falsch. Aber seine Bücher waren einst, als Diogenes eines der besten Krimiprogramme im deutschsprachigen Raum pflegte und Macdonalds Werke in der gleichen Aufmachung wie die von Dashiell Hammett und Raymond Chandler herausbrachte, in den Buchhandlungen präsent. Das ist schon länger nicht mehr der Fall. Der Boommarkt Krimi mit seinen Schockeffekt-Novitäten hat wenig für substanzielle Klassiker übrig.

Lieferbar sind aber noch viele Macdonald-Titel, und nach und nach legt Diogenes die Archer-Reihe auch in E-Book-Ausgaben vor. „Möglicherweise ist er die Art Figur, die man sich erfindet, wenn der eigene Vater nicht greifbar ist“, hat Macdonald, dessen Vater die Familie verließ, als der kleine Kenneth vier Jahre alt war, über sein Geschöpf Archer gesagt. „Im Großen und Ganzen verkörpert er meine Vorstellung davon, wie ein Mann sich verhalten sollte. Wobei er natürlich auch Fehler begeht.“ Ja, die Lew-Archer-Krimis sind neben ihrem sprachlichen Glitzer und ihrer psychologischen Raffiniertheit (Psychologie sei die moderne Erscheinungsform der Mythologie, meinte Macdonald) vor allem auch moralische Krimis. Also wie gemacht für amoralische Zeiten.