Hitchcocks "Die 39 Stufen" Wer wird denn gleich tot sein?
Adrienne Braun, vom 15.03.2010 08:04 Uhr
Stuttgart - Natürlich ist er nicht der Mörder. Aber wenn im eigenen Wohnzimmer eine Frau mit einem Messer im Rücken liegt, kommt man leicht in Erklärungsnöte. Also macht sich Richard Hannay aus dem Staub, um seine Haut, vor allem aber die Nation zu retten. Er ist ein gewöhnlicher Kerl, 37 Jahre alt, "kerngesund" und angeödet vom Wetter.
Ausgerechnet dieser Kerl scheint in eine Verschwörung verstrickt zu sein. Oder bildet er sich das nur ein? "Die 39 Stufen" ist ein Abenteuerroman des schottischen Autors John Buchan, den Alfred Hitchcock 1935 mit seiner Verfilmung bekannt machte.
Die Komödie im Marquardt hat den Kinoklassiker jetzt auf die Bühne gebracht, dabei ist es ein Stoff, der sich nicht für das Theater anbietet wegen seiner zahllosen Szenenwechsel. "The 39 Steps" ist eine Art Roadmovie, bei der der verdächtigte Richard Hannay kreuz und quer durchs Land reist, durch das schottische Hochmoor flüchtet, in Bauernhäusern und Hotels absteigt. Er schleicht sich als Milchmann aus dem Haus, spricht als Politiker auf einer Wahlveranstaltung, nutzt List und Tücke, um Polizei wie Gangster abzuschütteln. Lässt sich das überhaupt auf die Bühne übertragen?
Theatertauglich mit einfachen Mitteln
Es geht. Dem Regisseur Ulf Dietrich gelingt es, "Die 39 Stunden" mit schlagend einfachen Mitteln theatertauglich zu machen. Kisten werden da zu Zugwaggons und Türen zu Palästen. Die Dampfmaschine liefert den schottischen Nebel, Geräusche und Musik vom Band liefern den atmosphärischen Hintergrund - Pfeifen, Tuten, Klappern, Bellen.
Ulf Dietrich kann sich getrost auf das kollektive Bildgedächtnis verlassen und darauf setzen, dass sein Publikum die angedeuteten Szenen mit Hilfe der Fantasie komplettiert. Wenn Harald Pilar von Pilchau als Richard Hannay an der Klappleiter hängt, dann weiß man sofort, dass es eigentlich eine Eisenbahnbrücke über einem grausigen Abgrund ist.
"Die 39 Stufen" ist keine Komödie, aber eine muntere Krimiparodie. Die Bühnenfassung kommt mit der Hauptfigur und drei weiteren Schauspielern aus, die geschickt sämtliche Rollen übernehmen. Stefanie Stroebele wird als Agentin ermordet, sie spielt die geschundene Farmersfrau und die rothaarige Pamela, die Hannay mehrmals verpfeift, um schließlich, mit Handschellen an ihn gekettet, das Bett mit ihm teilen muss - "ich hasse Sie, nur dass Sie das wissen", keift sie. "Ich nehme es zur Kenntnis", kontert Hannay und schläft ein.
Eine runde Angelegenheit
Manche Witze kommen ein wenig altherrenhaft daher, aber insgesamt ist diese Neuproduktion eine runde Angelegenheit, weil die Schauspieler die vielen Rollen- und Szenenwechsel souverän meistern und es bei aller Krimispannung auch purer Theaterspaß ist. Wolf E. Rahlfs und Michael Hiller verwandeln sich von Agenten in Zeitungsburschen, von Tattergreisen zu Hotelwirtinnen und dicken Ehefrauen - und reizen die Klischees dabei augenzwinkernd aus.
Harald Pilar von Pilchau packt die Figur des Richard Hannay mit Selbstironie an und spielt sich entspannt und sicher durch die Turbulenzen hindurch - selbstverständlich, als wären all die Winkelzüge und Zufälle in dieser mitunter absurden Handlung völlig normal. Weshalb einer wie Hannay auch mal eben erschossen werden kann, ohne deshalb tot sein zu müssen.
Termine bis 2. Mai täglich außer montags