Hochleistungsrechenzentrum Captain Kirk vom Pfaffenwald

Von Michael Ohnewald 

Die Diva und der Denker: Als Direktor des Stuttgarter Höchstleistungsrechenzentrums hat Michael Resch die Zukunft in der Hand. Seine Rechenmaschine – eine der schnellsten weltweit – genügt den Anforderungen des Professors jedoch nicht: Eine schnellere muss her.

„Dieser Rechner ist zu langsam“, sagt Michael Resch. Nächstes Jahr bekommt er für mehr als 22 Millionen Euro einen neuen Foto: Reiner Pfisterer
„Dieser Rechner ist zu langsam“, sagt Michael Resch. Nächstes Jahr bekommt er für mehr als 22 Millionen Euro einen neuenFoto: Reiner Pfisterer

Stuttgart - Eigentlich sieht er aus wie ein normaler Erdling, der in seinem Büro auf einem roten Sofa sitzt und über ein Leben redet, in dem es manchmal zugeht wie in einer anderen Galaxie. „Captain, ich weiß nicht, was es ist, aber es ist riesig, und es kommt direkt auf uns zu.“ So was in der Art begegnet Michael Resch öfter. Mit seiner Besatzung beamt er sich in unvorstellbare Weiten, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Professor Resch ist zwar nicht Captain Kirk, aber immerhin Direktor des Stuttgarter Höchstleistungsrechenzentrums und als solcher bemüht, die Zukunft in die Gegenwart zu befördern. Dabei unterstützt ihn eine blinkende Rechenmaschine, die hinter einer dicken Stahltüre auf 700 Quadratmetern ihrem anstrengenden Tagwerk nachgeht. Die Gute ist ein bisschen eigen, deshalb muss die Diva so stark mit Luft gekühlt werden, dass man sich in ihrer Nähe unter einem Föhn wähnt. Mehr als zwei Millionen Euro blättert das Rechenzentrum am Stuttgarter Pfaffenwald jedes Jahr dafür an Stromkosten hin.

Die Welt der Hochleistungscomputer dreht sich schnell

Die Diva und der Denker sind ein Team. „Ich löse gerne Probleme“, sagt er und zeigt auf sein Elektronengehirn, gebaut in den USA, 15 Meter lang und zwei Meter hoch. Hochkomplexe Vorgänge laufen in Sekundenbruchteilen hinter den gläsernen Fassaden des Großrechners ab. Man stellt sich das vor wie in Charly Chaplins Werkstatt von „Moderne Zeiten“. Der Mensch wird hier plötzlich ganz klein und verschwindet in den Eingeweiden eines Giganten, der 1000 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde vertilgt. Und doch genügt er damit nicht mehr den Ansprüchen seines Herrn, dessen Befund ein vernichtender ist. „Dieser Rechner ist langsam!“

Nun ja, einer der schnellsten der Welt ist er schon noch, aber die Welt der Hochleistungscomputer dreht sich schneller als die übrige. Resch macht das an einem Beispiel deutlich. Früher wurden Prototypen von Autos gebaut, um zu testen, wie sich ihre Form bei Unfällen verändert. Nach dem Crash bauten die Ingenieure wieder einen Prototyp, und am Ende einer langen Reihe stand nicht selten die Erkenntnis, dass es so nicht funktioniert. Jetzt hilft der Großcomputer, Irrwege in der Entwicklung zu vermeiden, indem er alles durchspielt. Im Rechenzentrum sind dafür 1 130 000 Prozessorkerne vernetzt, 3000 Festplatten und Hunderte Kilometer Glasfaserkabel. Was gestern noch unmöglich erschien, ist längst von der Realität überholt. „1990 hätten wir für eine Unfallsimulation, die heute einen Tag benötigt, eine Million Tage gebraucht“, sagt der Professor. „Im Jahr 2000 wären es tausend Tage gewesen, und in zehn Jahren werden es nur noch zwei Minuten sein.“

Von Graz nach Stuttgart

Bei solchen Zahlen kann einem gewöhnlichen Aldi-PC-Nutzer schon mal schwindelig werden. Der Wissenschaftler begegnet dem Wahnsinn mit landsmännischem Schmäh, ein bisschen humoristisch, ein bisschen verharmlosend. Das hat mit seinen biografischen Wurzeln zu tun. Michael Resch, 1964 geboren, ist Österreicher. Geprägt hat ihn vor allem sein Großvater. „Was du tust, das tue ganz“, empfahl er dem Zögling. Der beherzigte den Rat, studierte in seiner Heimatstadt Graz Mathematik und entdeckte dabei vor anderen, dass schnellen Computern die Zukunft gehört. Er spezialisierte sich auf Parallelrechner und entschied sich früh, der Alpenrepublik den Rücken zu kehren, in der zwar die Berge hoch, aber die Anforderungen an Rechenmaschinen umso niedriger waren.

Mit 28 kam Resch nach Stuttgart. Eine Annonce in der Zeitung hatte ihn an den Neckar gelockt. Er hat es bis heute nicht bereut. „In der Welt gibt es nicht viele Unis, die es schaffen, Forschung und Entwicklung wie in Stuttgart mit der Praxis zu verbinden.“ Nebenbei sei es auch noch ganz hübsch, dass es gute Theater gibt, eine Oper, reichlich Wald und eine Autobahn auf die Schwäbische Alb, wo sich der Grübler entspannen kann wie sonst nirgendwo.

Das Leben als Aufgabe

Das ist auch bitter nötig in seinem Geschäft. Nach einer neunmonatigen Forschungsarbeit in Houston, wo er sich mit den Grundlagen der Computersimulation befasst hat, leitet Resch seit 2002 das Stuttgarter Höchstleistungsrechenzentrum, das auch vom Direktor nicht selten Höchstleistung fordert. Rund 120 Tage ist er alljährlich unterwegs, doziert über intelligente Rechenapparate und berät Unternehmen.

Nicht von ungefähr wurde Resch unlängst als einer der 60 Übermorgenmacher des Landes Baden-Württemberg ausgewählt, worüber sich der Import aus der Steiermark in der ihm eigenen Art gefreut hat. „Ich betrachte mein Leben als Aufgabe“, sagt er und verweist ein zweites Mal auf den Großvater, dem er noch ein weiteres Motto verdankt: „Erst das Notwendige, dann das Nützliche und am Ende das Angenehme!“

22 Millionen für einen der schnellsten Computer Europas

Blöd nur, dass der Professor schon in der täglichen Praxis mit dem Notwendigen kaum fertig wird. „Also mache ich mir halt das Notwendige möglichst angenehm.“ Angenehm ist es für einen wie ihn, wenn sich Fakten und Fiktives immer wieder aufs Neue so vermengen, dass sich die Dinge zum Besseren verändern. Das passiert tatsächlich. Vor einiger Zeit haben Wissenschaftler den Stuttgarter Großrechner mit Daten über Flugzeuge gespeist. Am Ende des Rechenprozesses stand der erstaunliche Befund, dass sich 15 Prozent Treibstoff einsparen lassen, wenn die Flügeloberflächen leicht optimiert werden.

Laufzeiten von Batterien, Klimamodelle für die Zukunft, Verbrennung von Motoren, dreidimensionale Bauwerke – Höchstleistungsrechnen ist die Formel 1 der Forschung. Sie kann Firmen Millionen sparen, aber sie kostet auch eine Menge. Damit die Stuttgarter vorne bleiben, kaufen sie im kommenden Jahr einen neuen Supercomputer. Mehr als 22 Millionen Euro soll er kosten und zu den schnellsten drei in Europa gehören. Bezahlt wird die Rechenzeit von der Kundschaft aus Industrie und Forschung. Bei kompletter Nutzung der Anlage kommen da schnell mal 2000 Euro pro Stunde zusammen. „Ich möchte, dass die Physiker, die Chemiker, die Ingenieure, aber auch der Mittelstand hier ihre Probleme lösen können“, sagt der Direktor.

Die Zukunft der Hochgeschwindigkeitsrechnung

Zukunftsfragen gibt es genug. Lässt sich bald vorausberechnen, welcher Stent für einen vorher gescannten Herzpatienten mit verengten Gefäßwänden am besten passt? Kann der Computer womöglich ermitteln, welches Hüftgelenk bei einem Menschen die längste Haltbarkeit verspricht? Solche und andere Probleme treiben den Familienvater um, wenn er im Büro ist, seinen Tee neben das rote Sofa stellt, eine Baumwolljacke überstreift und sich durch virtuelle Welten beamt. Ein moderner Abenteurer ist er, gesegnet mit Mutterwitz und einem Blick, der streng auf das Morgen gerichtet ist. „Ein Mensch lebt, wenn er weiß, was er tut. Ein Mensch, der das nicht weiß, existiert nur“, sagt Michael Resch und packt seinen Rucksack. Es zieht ihn nach Hause, für eine Nacht ins Hier und Jetzt.

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