StZ-Hochschulatlas Damit habe ich nicht gerechnet!

Von amd 

Für viele Studiengänge muss man Mathe können – eine hohe Hürde für Anfänger, die sich schon mit einfachen Rechenaufgaben schwer tun. Aber es gibt auch Hilfsangebote.

Angesichts von Zahlen, Variablen und Formeln fühlt sich mancher ganz klein. Foto: Matthias Tunger
Angesichts von Zahlen, Variablen und Formeln fühlt sich mancher ganz klein.Foto: Matthias Tunger

Stuttgart - Da hat man Psychologie gewählt, um sich mit den Motiven und Emotionen der Menschen zu befassen, und sitzt gleich im ersten Semester in einer mathematischen Vorlesung: Statistik! Es geht um Korrelationen und Konfidenzintervalle, und ein Computerprogramm muss man auch beherrschen. Noch mehr Mathematik wird verlangt, wenn man sich für eine Ingenieur- oder eine Wirtschaftswissenschaft entscheidet. Dort sind die Matheklausuren in den ersten Semestern oft die höchste Hürde, die es zu überwinden gilt. Und Mathe ist auch ein wichtiger Grund dafür, dass Studierende ihr Studium abbrechen.

Am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) in Hannover trägt man die Zahlen zusammen. Zuletzt hat man die Studierenden untersucht, die 2006/07 und 2008/09 angefangen haben. Im Fach Mathematik hat die Hälfte das Bachelor-Studium abgebrochen, in Physik und Elektrotechnik waren es rund 40 Prozent. In einer anderen Untersuchung hat das DZHW Studienabbrecher des Studienjahres 2007/08 nach ihren Gründen befragt. In den Natur- und Ingenieurwissenschaften gaben zwei von fünf Studienabbrechern an, nicht genug Mathe gekonnt zu haben – und auch in der Schule nicht richtig vorbereitet worden zu sein.

Klagen über das niedrige Niveau der Anfänger

Matheprofessoren können ein Lied davon singen. Egal, wen man fragt: Sie beklagen alle ein zu niedriges Niveau der Studienanfänger. Es geht ihnen gar nicht einmal so sehr um Kurvendiskussionen und andere Themen, die im Abitur geprüft werden. Es ist oft der Stoff aus der Mittelstufe, der nicht sicher genug sitzt: Gleichungen umwandeln und mit Brüchen und Prozenten rechnen zum Beispiel. „Das sind die Probleme, die am ehesten durchschlagen“, sagt der Mathematiker Timo Weidl von der Universität Stuttgart. Nicht wenige Professoren haben den Eindruck, dass den Studienanfängern schlicht die Übung fehlt.

Klaus Dürrschnabel von der Hochschule Karlsruhe und Harro Kümmerer von der Hochschule Esslingen wollten sich nicht damit abfinden und haben zusammen mit einigen Kollegen und einigen Lehrern eine Arbeitsgruppe gegründet. Auf vielen Tagungen haben sie sich darüber verständigt, was Lehrer ihren Schülern beibringen sollten und was Professoren von Studienanfängern erwarten dürfen.

Katalog der Mindestanforderungen erstellt

Kürzlich hat die Arbeitsgruppe eine Sammlung mit 96 Aufgaben vorgelegt, die zeigt, welches Niveau man mindestens beherrschen sollte, wenn man ein technisches, natur- oder auch wirtschaftswissenschaftliches Fach studieren möchte. Dazu gehören einfache Fragen wie die nach dem Produkt von 0,005 und 100 oder die nach dem Verlauf der Sinuskurve. Man sollte auch eine Raute zeichnen können, die kein Quadrat ist. Aber natürlich muss man auch schwierigere Aufgaben lösen: etwa die Fläche berechnen, die von den Graphen von zwei Funktionen eingeschlossen wird.

Der Katalog mit den Mindestanforderungen ist vom Verband der Technischen Hochschulen aufgegriffen worden, zu dem auch die Universität Stuttgart gehört. Die Hochschulen haben einen Brückenkurs mit Modulen vom elementaren Rechnen bis zur Integralrechnung entwickelt, den man online absolvieren kann. Darüber hinaus bieten viele Hochschulen allen Interessierten Brückenkurse in der Sommerferien und im ersten Semester an. Damit könne man nicht alle Defizite aufarbeiten, aber doch einige, sagt Timo Weidl.

Hinweise auf Beratungsangebote

Die wichtigste Empfehlung aller Professoren lautet aber: sich gut beraten zu lassen. Es gibt Online-Tests und Studienberater – und natürlich kann man auch Studierende fragen, die schon ein oder zwei Semester weiter sind. „Auch mit einer Vier in Mathe kann man es in den Ingenieur- oder Wirtschaftswissenschaften schaffen“, sagt Klaus Dürrschnabel, aber einfach werde es nicht. Mit einer Vier in Mathe hingegen Mathematik studieren zu wollen – das sollte man sich dann doch gut überlegen.

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Abitur - Teil 2: Hierzu sollte auch eine gute mittlere Reife reichen. Welche Bankkaufmann wird in seinem Leben jemals z.B. Kurvendiskussion oder ähnliches brauchen, natürlich sollte sie bzw. er in den Grundrechenarten sattelfest sein. Für ein Studium dagegen ist oftmals ein tieferes Verständnis von Mathematik notwendig, wobei die Beherrschung der Basics (einfaches Rechnen) trotzdem Grundvoraussetzung sind. Wir sind nicht alle gleich und wollen auch nicht alle den gleichen Weg im Leben gehen. Last uns dies auch in den Schulabschlüssen abdecken. Wer ein Abitur für 50% der Kinder (oder gar noch mehr) will der macht aus dem Abitur eine mittlere Reife, bzw. überschwemmt den Markt mit sogenannten Abiturienten/innen die besser eine gute mittlere Reife gemacht hätten um für den weiteren Lebensweg gerüstet zu sein. Das hat nichts mit der Wertigkeit des Abschlusses zu tun - wie will man auch einen guten Arzt oder Wissenschaftler mit einem guten Automobilmechaniker oder einer guten Erzieherin vergleichen? Alle sind in Ihrem Bereich wichtig für unsere Gesellschaft und wir sollten alles dafür tun auch allen die gleiche Wertschätzung darbringen - es gibt auch Menschen ohne Abitur und das ist auch gut so. Lasst das Abitur bitte denen die es brauchen um studieren zu können und sorgt durch die (hohe) Qualität des Abiturs auch dafür, dass die das Rüstzeug für Ihre Laufbahn haben.

Abitur: Ja die Qualität unseres Abiturs (und damit die Studierfähigkeit) wurde in den letzten Jahren schlechter. Sieht man sich das kürzlich veröffentlichte Konzeptpapier Gymnasium 2020 an wird die Entwicklung in diese Richtung auch weiter gehen und sich sogar verstärken. Wollen wir wirklich ein Abitur für alle? Dann könnten formal alle studieren, ob der Wille und die Fähigkeiten dazu da sind ist ja eine andere Sache. Das Abitur ist in Deutschland der höchste zu erzielende Abschluss und soll auf eine akademische Laufbahn vorbereiten. Hierzu sind gute und vertiefte Kenntnisse in ganz unterschiedlichen Fächern (z.B. auch Mathematik) nötig. Dazu brauchen wir aber nicht ein Abitur für 50% unserer Schülerinnen und Schüler sondern nur für diese die in die Richtung auch gehen wollen und die Fähigkeiten und den Willen dazu haben. Für alle anderen brauchen ich andere qualifizierte Abschlüsse die das Handwerkszeug für andere Laufbahnen zur Verfügung stellen. Wieso brauche ich z.B. für eine Lehre als Bankkauffrau / -Mann das Abitur?

Die Grundrechenarten nicht beherrschen.....: ...aber die ,, hohen Weihen " eines akademischen Abschlusses in das Auge fassen. Scheinbar fängt das Mensch werden erst mit einem Hoch-Schulabschluss, bzw. abgeschlossenem Studium an. Was für eine bornierte, arrogante Gesellschaft wir doch geworden sind. Das Handwerk spielt in den Köpfen vieler nur noch eine untergeordnete Rolle. Selbst im Leid geprüften , nach Nachwuchs schreienden Mittelstand hat der ,, Numerus-Clausus " Einzug gehalten. Realschulabschluss mit besten Noten sind gerade noch .. ausbildungsfähig " . Der Herr Zeitgeist und diese zunehmend dekadenter werdende Republik beflügeln solche verschobenen Erscheinungen. Diese Gesellschaft schafft sich selber ab. Vielleicht ist das gut so !?

..die Jugend: Wer jedes Jahr auf Wunsch der Wirtschaft immer weitere Inhalte in die Lehrpläne packt, darf sich nicht wundern, wenn für die Basics keine Zeit mehr bleibt. Unsere Schüler können immer mehr - aber nichts mehr richtig! Der 3.Klässler muss inzwischen vor 100 Leuten sicher präsentieren können und ppt/doc blind einsetzen können - kann aber nicht mehr 12x13 rechnen. Da die Ganztagsschule erst abends Freiraum lässt, besteht auch kaum Raum um etwas individuell einzuüben.... für die Kinder keine Chance. Vielleicht sollte man sich mal wieder darauf besinnen, Kinder mit dem Abi "ausbildungs-/studierFÄHIG" zu machen - und nicht laufend versuchen weitere Arbeits- Studieninhalte schon in der Schule thematisieren zu wollen. Das führt dazu, dass man alles mal gehört hat, aber nichts mehr können kann!

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