Übernachtung im Klinikum Esslingen Warum ein Vater nun doch nicht zahlen muss

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Eine Rechnung über 280 Euro erhielt ein Vater, der nachts beim Kind im Kinderkrankenhaus in Esslingen blieb. Nun kriegt er das Geld zurück. Doch nicht alle Krankenkassen übernehmen diese Kosten.

70 Euro pro Nacht verlangt das Klinikum Esslingen für eine Begleitperson, wenn das   Kind stationär  behandelt wird und älter  als sechs Jahre ist Foto: Horst Rudel
70 Euro pro Nacht verlangt das Klinikum Esslingen für eine Begleitperson, wenn das Kind stationär behandelt wird und älter als sechs Jahre istFoto: Horst Rudel

Stuttgart - Wegen einer Gehirnerschütterung ist Janna Reiher (Namen der Familie geändert) für fünf Tage ins Esslinger Kinderkrankenhaus gekommen. Die Ärzte verordneten strikte Bettruhe. Sie sollen nach Darstellung des Vaters den Eltern klar gemacht haben, dass es notwendig sei, die Siebenjährige rund um die Uhr zu betreuen. Werner Reiher blieb deshalb auch nachts bei seiner Tochter. Geschlafen hat er auf einer einfachen Liege, die er tagsüber zur Seite räumen musste, wie es in Kliniken üblich ist. Weil seine Tochter nicht gehen durfte, habe sie auf die Toilette getragen werden müssen. „Mit anderen Worten: meine Frau und ich haben nebenbei das Pflegepersonal erheblich entlastet“, sagt Werner Reiher.

Für die Familie war Jannas Krankheit kostspielig: 70 Euro pro Nacht, also insgesamt 280 Euro, hat das Krankenhaus dem Vater dafür in Rechnung gestellt, dass er als Begleitperson geblieben ist. „Das muss man sich erst mal leisten können“, sagt Reiher. Der Hintergrund der Rechnung: Das Gros der Krankenkassen zahlt nur bis Vollendung des sechsten Lebensjahres, wenn eine Bezugsperson beim Kind im Krankenhaus bleibt, es sei denn, es liegen medizinische Gründe vor, weil das Kind zum Beispiel schwer behindert ist oder eine ausgeprägte Angststörung hat. „Eine Gehirnerschütterung ist keine medizinische Indikation“, erklärt Anja Dietze, die Sprecherin des Esslinger Klinikums.

Barmer zeigt sich großzügig

Ab sieben Jahren müssen also in der Regel die Eltern zahlen. „Wenn eine medizinische Indikation vorliegt, ist das Alter nicht relevant, aber das prüfen die Krankenkassen natürlich“, sagt Dietze. Eine Expertengruppe des Medizinischen Diensts der Krankenkassen befürwortet tatsächlich nur „bis zum Ende des Vorschulalters“ die Mitaufnahme einer Bezugsperson. „Der Oberarzt erklärte mir, dass er meine Anwesenheit zwar aus medizinischen Gründen für notwendig hält, aber persönlich in Haftung genommen werden könne, wenn er das offiziell tut“, berichtet Werner Reiher.

Was der Vater des siebenjährigen Mädchens nicht wusste, sondern erst durch die Recherche heraus kam: Seine Krankenkasse, die Barmer GeK, gehört zu den Krankenversicherungen, die großzügiger sind bei der Übernahme von Begleitpersonen als die Mehrheit der Kassen. Laut der Sprecherin orientiert sich die Barmer nämlich an einer Empfehlung der Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland, die das sogenannte Rooming-In für alle Kinder vor dem neunten Geburtstag empfiehlt.

Familie kann sich Geld von der Kasse zurückholen

Wieso hat der Vater trotzdem eine Rechnung bekommen, obwohl die Barmer seine Mitaufnahme gezahlt hätte? Hat das Klinikum gar nicht geprüft, ob die Kasse als Kostenträgerin in Frage kommt? Das ist tatsächlich der Fall gewesen. „Wenn wir keinen Hinweis der Eltern oder der Kasse haben, müssen wir davon ausgehen, dass nur die Regel bezahlt wird und dann geht die Rechnung an die Eltern“, erklärt die Sprecherin Anja Dietze – der Regelfall trete ab dem siebten Geburtstag des Kindes ein. Die Familie Reiher kann sich das Geld nun allerdings vom Klinikum zurückholen: „Wenn die Kasse das übernimmt, bleibt die Familie nicht auf den Kosten sitzen“, verspricht Dietze eine Rückabwicklung.

Mit 70 Euro liegt Esslingen im Mittelfeld

Für das Esslinger Klinikum wäre das ein Minusgeschäft. Denn Eltern müssen als Selbstzahler in allen Kinderkliniken der Region mehr zahlen als die Krankenkassen, die 45 Euro pro Nacht erstatten. Dabei gibt es aber von Klinik zu Klinik kräftige Preisunterschiede. Am günstigsten ist die Übernachtung für Eltern in den Kinderkliniken Ludwigsburg (49,32 Euro) und Böblingen (50 Euro), die den Eltern die Umsatzsteuer zusätzlich berechnen. Mit 70 Euro liegt Esslingen im Mittelfeld. Das sei ein Wert, der den realen Aufwand abdecke, so Anja Dietze. 45 Euro seien nicht kostendeckend.

Am teuersten ist es in Stuttgart. Das Olgäle verlangt 100 Euro fürs Rooming-In, wenn die medizinische Notwendigkeit der Begleitperson nicht bescheinigt ist. Eltern zahlen im Olgäle also mehr als doppelt so viel pro Nacht wie die Kassen. „Es ist eine Wahlleistung, ein Zusatzangebot“, sagt die Sprecherin des städtischen Klinikums, Ulrike Fischer. Wie viele Eltern sich diese im vergangenen Jahr geleistet haben, kann sie nicht sagen. Statistisch erfasst sei nur, wie oft die Krankenkassen die Kostenträger waren: Für 5607 Begleitpersonen haben sie innerhalb eines Jahres, vom 1. Oktober 2014 bis 30. September 2015, gezahlt.

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6 Kommentare Kommentar schreiben

Kinderland: Auch an diesem Beispiel zeigt sich die unmenschliche Seite der sogenannten alternativlosen Kostendeckung in allen Bereichen. Krankenhäuser können nicht kostendeckend arbeiten. Denn dann sind es keine Krankenhäuser mehr. Wann geht das in die Hirne der Politiker?

Ich erinnere: mich, meine Tochter kam ins Krankenhaus und meine Frau war dabei! Wir haben bezahlt und das als Selbstverständlich akzeptiert! Muss man denn immer fordern? Die Kassen sollen zahlen vom Hühneraugenpflaster bis zum Rettungsflug eines Hubschraubers, oder die Op mithilfe von Hightech-geräten, nur Ärzte die Verständnis zeigen und Diagnosen auch mal per "Hand stellen" werden immer weniger seit einser Abutierenten Medizin studieren und nicht mehr der wo wirklich will! Außerdem ist das Anspruchsdenken vieler Patienten höher als im Steigenberger ein Hotelbewohner! Daran sollte auch gedacht werden, und was für Wahnsinnsgehälter die sogenannten Krankenhausmanager für sich beanspruchen!

Also das ist echt eine Frechheit. : Für 100 €/Nacht kann man in einem schönen Mittelklassehotel übernachten inkl. Frühstück. Das ist reiner Wucher und sollte zur Anzeige gebracht werden, wenn das nicht schlüssig per Kalkulation nachzuweisen ist, wie man auf 100 € (gerade wenn andere nur die Hälfte verlangen).

Wann schlägt mal eine Faust auf den Tisch von Berlin?: Abgespeckt bis auf die KnochIn! Junge, Junge, da Schaft ein Elternteil kooperativ, quasi ehrenamtlich im Krankenhaus mit, füttert beruhigte belustigt und schiebt Nachtwache bei eh schon überlasteten Personal und dann die Preiskeule! Man sollte dürfen, wie man Lust hat! Gruß vom Motzkigele der dies auch schon hinter sich hat. Leider! Deutschlands die Bananenrepublik! wie war das nochmal? Wir sind reich? Ja, an übler Erfahrung!

Bananen: gabs schon immer in Deutschland, aber was hat Bestechung (Synonym Bananenrepublik) mit dem Selbstbehalt im Krankenhaus zu tun? Für Eltern die sich das nicht leisten können gibt es bestimmt Hilfe vom Amt, da müsste ich mich schon schwer täuschen! Außerdem wird man als Eltern vorher über die Kosten informiert! Gelle Motzkugel!

Ungerecht: Wieso müssen Eltern mehr zahlen, wenn sie selbst zahlen, als wenn die Krankenkasse zahlt? Das ist Ausnutzung einer Notlage der Eltern durch die Kliniken. Und 70 oder 100 Euro pro Tag für eine jämmerliche Liege, ohne die Leistungen, die man für diesen Betrag in einem Hotel erhalten würde (!), außerdem noch die extra Pflegeleistung durch die Eltern, die das Pfegepersonal entlastet und von der Klinik nicht für die Unterbringung als Gegenleistung aufgerechnet wird - das ist mehr als ungerecht! "Wahlleistung, ein Zusatzangebot" - nimmt die Liege, die tagsüber weggeräumt werden muss, einen Platz weg, an dem sonst ein weiteres Bett stehen würde? Das Krankenhaus sollte den Eltern eher etwas bezahlen für die Entlastung des Pflegepersonals, statt Geld zu verlangen!!!

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