Holocaust-Café Verzeihung, wir leben noch

Jan Rübel, 27.01.2013 13:55 Uhr

Frankfurt - Drei Damen an Tisch 3 beugen sich über den Bienenstich, „geht gar nicht“, sagt die eine. „Für die Mandeln braucht man eine Lupe“, seufzt die zweite. Die dritte ordnet ihren Seidenschal, sie hebt an zu einer Rede über fingerdicken Hefeteig und Karamell: „Nur ein kleiner Schuss Honig, unbedingt!“ Von drüben, der anderen Saalecke, schwebt der ungarische Csárdás aus einem Akkordeon der Marke Weltmeister heran. Wie leise er klingt. Das alte Volkslied streicht über die Köpfe an den vier langen Tischen hinweg, verliert sich unter der Holzdecke mit ihren Intarsien und geschnitzten Kuppeln.

Die Juden interessieren doch nicht mehr. Jetzt gibt es die Türken. Siegfried A.

„Auf dem Transport haben wir auch ständig über Kuchenrezepte geredet, so einen Hunger hatten wir“, fällt Nora O., 88, ein. „Wir auch“, sagt Lilly M., 89. Beide stammen aus einem Dorf in Ostpolen, „in Birkenau habe ich dich aber gar nicht gesehen“, sagt Nora O., sie hält eine Gabel hoch. „Dabei standen wir beide im Stau.“ Sie hatten schon die Haare geschoren, warteten vor der Gaskammer. Doch die war voll, es ging wieder zurück in die Baracken. „In Bergen-Belsen erst haben wir uns getroffen.“ Eine Tasse klirrt. Von rechts beugt sich eine Dame vor, die Wangen gerötet: „Könnten Sie mal anderes bereden als Kuchenrezepte?“

Die Gäste nennen den Ort einfach „Treffpunkt“

Dieses Café ist anders. Es ist wie ein exklusiver Club, nur hat niemand hier die Mitgliedschaft gewollt; der Preis ist hoch. Hastig nippt ein Mann mit Kahlkopf an seiner Tasse, er schaut zur Garderobe, als suche er etwas. Es riecht nach herbem Kaffee. Seinen Namen behält dieser kleine, kräftige Mann mit blitzenden Augen für sich. „Interessiert doch nicht“, sagt er, mag kaum darüber reden, dass er nicht polizeilich gemeldet ist, seit Jahrzehnten, dass ihn Erspartes schützt, aber keine Krankenversicherung. Die Leute hier im Café kennen nur seine Postfachadresse. Auf einer Liste will er niemals mehr stehen.

Die Gäste nennen diesen Ort einfach: Treffpunkt. Zärtlich streift im Vorbeigehen ein Herr mit seiner linken Hand die Schulter einer Dame am Tisch der „Golden Girls“, dort sind die besonders elegant Gekleideten. Gegenüber, an Tisch 2, sitzt Siegfried A. und schaut zu. „Der macht Schiddech“, lächelt er, „der sucht sich eine Frau“. Siegfried A. ist 89 Jahre alt, er stützt sich im Sitzen auf einen Stock. Wie jedes Mal hat er zum Besuch des Treffpunkts sein weißes Hemd gebügelt, den waldgrünen Einreiher aus der Plastikschutzhülle geholt und sich eine Krawatte doppelt geknotet. Er schiebt sein Kinn vor und erzählt einen Witz:

„Schmuel, was hast du im Radiogebäude gemacht?“

„Mi-mich u-um die Sch-sch-schtelle des A-Ansagers beworben“. „Und, hast du sie bekommen?“

„Nein, d-das s-sind a-alles A-a-antisemiten!“

Siegfried A. erzählt gern Witze, besonders wenn es Ärger gab, danach fühlt er sich besser. „Heute Vormittag habe ich mit meinem Nachbarn geplaudert. Der erzählte von seiner Bandscheiben-OP und sagte: ‚Ich wusste doch immer, dass die jüdischen Ärzte die besten sind.’“ Da passe er dann auf, „warum sagt er mir das? Ist das jetzt antisemitisch, oder spinne ich?“