Holocaust-Doku im BR Alles, was Radio darstellen kann

Mirko Weber, 24.01.2013 21:26 Uhr

München - Nehmen wir den Anfang dieses Abschnitts von sieben Minuten und 37 Sekunden aus „Die Quellen sprechen“, jeder andere wäre ähnlich eindrucksvoll. Und so hört sich das an: „Ich heiße Anita Lasker-Wallfisch, ich bin 1925 in Breslau geboren, mein Vater war Rechtsanwalt und Notar am Oberlandesgericht. Meine Mutter war Geigerin. Wir waren drei Töchter. Das Leben schien absolut normal und angenehm bis 1933. Dann fing der Trouble an in Deutschland . . .“

Darum wird es gehen in dieser einzigartigen Holocaust-Dokumentation, die der Bayerische Rundfunk von heute an im Hörfunk auf Bayern 2 ausstrahlt: wie der „trouble“ losging – und was daraus wurde, nämlich, wissenschaftlich ausgedrückt: „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945.“

Von der Aktennotiz bis zum Tagebucheintrag

So heißt die in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte erstellte ausschließlich auf Quellen zurückgehende 16-teilige Schriftenreihe im Oldenbourg Verlag, die bis 2017 komplett vorliegen soll. Gesammelt finden sich dort von der Aktennotiz bis hin zum Tagebuchvermerk Originale. Keine Bearbeitungen, keine Dramatisierungen: nur Tatsachen.

Die ausgebildeten Schauspieler Bibiana Beglau und Matthias Brandt und Zeitzeugen (unter ihnen am Anfang Ruth Klüger und Ari Rath) lesen innerhalb der Reihe „Die Quellen sprechen“ diese Dokumente ohne verfälschende Betonungen und falsche Emotionen. Sie stellen lediglich das Material vor. Dieser Haltung ist eine ausführliche Diskussion innerhalb der Redaktion Hörfunk und Medienkunst des Bayerischen Rundfunks vorausgegangen.

Ursprünglich wurde nicht ausgeschlossen, dass sich die Produktion auch im ­weiten Rahmen eines Hörspiels bewegen könnte. Jetzt aber wollen die Verantwortlichen, Katarina Agathos und Herbert Kapfer, diese Bezeichnung ausdrücklich vermeiden. Die „Erzählhaltung“ sei nun eine ganz andere. Und wer sich auf sie einlässt, erträgt den Gedanken nur noch relativ schlecht, dass zu Beginn der Überlegungen nicht ausgeschlossen wurde, sogar eine Art Soundtrack im Haus komponieren zu lassen.

Hier wird der öffentliche Rundfunk seiner Aufgabe gerecht

Nun gilt nichts anderes als das gesprochene Wort. Rundfunk in seiner puristischsten, besten Form: „Dokument 01-001. ,Jüdische Rundschau‘. Leitartikel vom 31. Januar zur Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler: ,Wir stehen als Juden vor der Tatsache, dass eine uns feindliche Macht die Regierungsgewalt in Deutschland übernommen hat . . .‘“ Und so geht es fort in der ersten Staffel, die vier Teile umfasst (später wird das Schauspielerpaar ausgetauscht). Streng chronologisch. Unerbittlich. Klar. Sechzehn Teile sollen es bis 2017 werden. Begleitet wird das Projekt „Die Quellen sprechen“ (Hörfunk, Bayern 2, immer am Samstag, 15.05 Uhr) von einem ergänzenden Programm, das sich simpel „Diskurs“ nennt (Bayern 2, immer freitags, von 21.03 an). Hier schließen sich Gespräche mit internationalen Forschern an.

Zum Beispiel werden gleich zu Beginn Andreas Wirsching, der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München/Berlin, sowie Wolf Gruner, University of Carolina, zu Wort kommen. Letzterer kommentiert die Holocaust-Forschung aus amerikanischer und israelischer Sicht. Wer sich anlassgemäß auch nur ansatzweise gefragt haben sollte, wozu sein Rundfunkbeitrag eigentlich gut sei: hier, auf Bayern 2, wäre – unter vielem anderen – ein Beweis dafür zu finden, was exzellentes Radio ausmacht.