Holocaust-Gedenken Spätes Erinnern an das Holocaust-Opfer Weißburger

Von Gunther Nething 

Der Künstler Winfried Tränkner gestaltet einen Gedenkstein für Wilhelm Weißburger, der bis zu seiner Deportation 1942 in Tränkners Haus in Bissingen lebte. Weißburger starb 1943 in Auschwitz.

Der Künstler Winfried Tränkner fertigt einen Gedenkstein aus Travertin an. Foto: Horst Rudel
Der Künstler Winfried Tränkner fertigt einen Gedenkstein aus Travertin an.Foto: Horst Rudel

Bissingen - Der Bissinger Bildhauer Winfried Tränkner hat bereits landesweit seine künstlerischen Spuren hinterlassen. Gewichtige Brunnen- und Skulpturenbeispiele finden sich unter anderem in Ochsenwang, Oberensingen und Nabern. Doch zu keinem seiner bisherigen größeren Objekte hatte er einen so unmittelbaren räumlichen Bezug wie zur Gedenkstele an Wilhelm Weißburger, die der 55-Jährige derzeit in seinem Atelier vollendet. In dem Haus, das Tränkner seit 22 Jahren mit seiner Familie in Bissingens Hinterer Straße bewohnt, lebte bis 1942 Wilhelm Weißburger, ehe er deportiert und im Jahr darauf in Auschwitz 41-jährig ermordet wurde. Vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Rassenwahns spielte es dabei keinerlei Rolle, dass der angesehene Mitbürger jüdischer Abstammung längst konvertiert und zum evangelischen Glauben übergetreten war.

Der eineinhalb Meter hohe Gedenkstein aus Travertin soll im September vor dem Haus 41 aufgestellt werden. Auf einer eingelassenen Bronzetafel wird das Schicksal Weißburgers geschildert. Außerdem findet sich auf der Stele die Inschrift „Sich erinnern heißt wachsam bleiben“. Der Anstoß zu dem Mahnmal geht auf einen zehnköpfigen Initiativkreis Bissinger Bürger zurück, zu dem auch zwei Gemeinderätinnen und der Künstler selbst zählen.

Das Ehepaar Weißburger galt als fleißig und rechtschaffen

Tränkner hatte bereits über die Vorbesitzer seines Hauses von Wilhelm Weißburger und seinem Los erfahren. Nach und nach zeigte sich dann, dass der Fall weitere Bissinger bewegt. Nach seiner Gründung stellte die Bürgergruppe im vergangenen Jahr bei der Gemeinde den Antrag, sie möge die Aufstellung des Gedenksteins genehmigen, den Platz dafür zur Verfügung stellen und sich finanziell an dem Vorhaben beteiligen. Dem ist nach vorausgegangener intensiver Diskussion im Ortsparlament entsprochen worden. Der Gemeinderat stellte sich geschlossen hinter die Gedenkaktion und verband sein Plazet mit einem Anerkennungsbeitrag von 500 Euro.

Wilhelm Weißburger, so ergaben die Nachforschungen, stammte aus Kochendorf im Kreis Heilbronn und ist 1916 als 14- jähriger Vollwaise in die Teckgemeinde gekommen, um sich als Knecht bei einem Bauern und Schafhalter zu verdingen. Später nahm er verschiedene Arbeitsstellen in Kirchheim an, erst bei der Baumwollweberei Kolb & Schüle, dann bei der Eisengießerei Grüninger und Prem. 1933 heiratete er die Bissingerin Anna Maria Ehni. In seinem Wohnhaus in der Hinteren Straße betrieben die kinderlos gebliebenen Eheleute eine kleine Landwirtschaft. Im Flecken, so berichten Zeitzeugen, galt das Paar als fleißig und rechtschaffen.

Parteimitglieder schikanierten Weißburger

Bis in die 1940er Jahre hinein lebte Weißburger weitgehend unbehelligt in der Gemeinde. Dann nahmen von Parteiseite die Schikanen und Drohungen gegen den Mann, der sich beharrlich weigerte, den Judenstern zu tragen, massiv zu. In einem Vortrag, den der Kreisarchivar Manfred Waßner im vergangenen Jahr auf Einladung des Abendforums zur Situation und Verfolgung der Juden während der NS-Zeit im heutigen Kreis Esslingen hielt, fand Waßner deutliche Worte zum Fall Weißburger. Dessen Verfolgung, Verhaftung und Ermordung sei aus der Dorfgemeinschaft heraus betrieben worden. In einer Lokalzeitung wird der Referent mit diesen Worten zitiert: „Das war kein Zufall oder Ausfluss höherer Mächte. Parteifunktionäre waren dafür verantwortlich.“

Wilhelm Weißburger wurde 1942 verhaftet und – ohne dass er sich von seiner Frau noch hätte verabschieden können – nach Auschwitz deportiert. Dies ergaben Recherchen vom Initiativkreismitglied Andrea Bizer in der Berliner Holocaust-Gedenkstätte. Bereits im Januar 1943 erhielt Anna Maria Weißburger die Nachricht, dass ihr Mann an einer Lungenentzündung verstorben sei – eine damals übliche zynische Formel für Mord von Staats wegen.

Wenn auch im Gemeinderat die Ansichten über den richtigen Weg beim Gedenken an die Nazi-Opfer zunächst auseinander gingen, so sprach sich im Grundsatz niemand gegen eine ausdrückliche Würdigung aus. Und der Bissinger Bürgermeister Marcel Musolf lässt laut einer Lokalzeitung keinen Zweifel aufkommen: „Die Aufarbeitung dieser Zeit ist unsere Aufgabe!“

  Artikel teilen
0 KommentareKommentar schreiben
Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.