Holstein Kiel im DFB-Pokal "Störche" im Steigflug
Frank Hellmann, 07.02.2012 07:15 Uhr
vorherige Bild 1 von 3 nächste
Erst kurz vor Weihnachten hat der Regionalligist Holstein Kiel den Bundesligisten FSV Mainz 05 aus dem DFB-Pokal geworfen. Foto: dapd
Erst kurz vor Weihnachten hat der Regionalligist Holstein Kiel den Bundesligisten FSV Mainz 05 aus dem DFB-Pokal geworfen. Foto: dapd
Weitere Artikel
zum Thema

Kiel - Klimaneutral kann diese Art von Klimaanlage bei klirrender Kälte nicht funktionieren. Ein gigantisches Zelt, 6000 Quadratmeter groß, ist seit einer Woche über dem Spielfeld im Holstein-Stadion gespannt, die mit einem 4800-Liter-Gastank betriebene Turbine pumpt unentwegt heiße Luft hinein, denn eine Rasenheizung gibt es in Kiel nicht.

"Alternativlos", nennt der Manager Andreas Bornemann diese aus England importierte Notlösung, sei es doch bei der winterlichen Witterung der einzige Weg, um für den Hit im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Borussia Dortmund (20.30 Uhr/ZDF) den Mitte Januar frisch verlegten Rollrasen in der 11.000 Zuschauer fassenden Spielstätte am Westring eis- und schneefrei zu halten. Denn eines will sich Holstein Kiel nicht vorwerfen lassen: dass der Viertligist nicht imstande sei, dem Erstligisten ordentliche Bedingungen zu bieten.

Wiederbelebung am anderen Ende der Republik

"Wir haben ein hohes Interesse daran, dass wir uns in jeder Hinsicht vernünftig präsentieren", sagt Bornemann. Für Untergrund und Überbau hat der Regionalligist insgesamt rund 160.000 Euro investiert, und Bornemann behauptet, "dass es aktuell in der zweiten Liga deutlich schlechtere Plätze gibt." Der 40-Jährige hat beinahe zwei Jahrzehnte dem SC Freiburg als Spieler und sportlicher Leiter gedient.

Fast auf den Tag genau seit zwei Jahren macht sich Bornemann daran, die Wiederbelebung am anderen Ende der Republik voranzutreiben. Allzu lange ist es ja nicht her, dass Großmannssucht an der Förde regierte. Frank Neubarth, Christian Wück oder Falko Götz hießen die Trainer, die es nicht schafften, in der Fußballprovinz abgehalfterten Altstars Beine zu machen. Zwar stieg der Club in die dritte Liga auf, aber 2010 auch wieder ab. Danach rückte der Nachwuchscoach Thorsten Gutzeit in die Verantwortung, gelernter Versicherungskaufmann und ausgewiesener Pragmatiker.

"Wir müssen Dortmund irgendwie auf unser Niveau herunterziehen", sagt der 46-Jährige. Nacheinander ließen sich bereits Cottbus (0:3), Duisburg (0:2) und Mainz (0:2) von seinem jungen Ensemble düpieren, in dem Torwart Morten Jensen, Abwehrchef (und Dortmund-Fan) Christian Jürgensen, Spielmacher Fiete Sykora und Stürmer Rafael Kazior die Korsettstangen bilden.

Vorbereitung im Kloster

Vorbereitet haben sich die "Störche" über das Wochenende im dänischen Lögumkloster - nur dort war ein ordentliches Training für den Deutschen Meister von 1912 möglich, für den der Pokalhöhepunkt gegen den aktuellen Titelträger als Jahrhundertfeierlichkeit wie gemalt kommt. Gleichwohl: viel wichtiger als die Bruttoeinnahme von 1,6 Millionen Euro sei der Imagegewinn, sagt Kiels Präsident Roland Reime.

Deshalb war es dem 66-Jährigen auch ein ernstes Anliegen, dass der verbale Ausrutscher unmittelbar nach der Auslosung - einige Spieler hatten im Siegestaumel während der Liveschaltung im TV Schmähgesänge in Richtung BVB angestimmt - durch eine offizielle Entschuldigung per Videobotschaft in Dortmund wieder gutgemacht wurde.

Wer ansonsten an die Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins denkt, dem kommen zuerst die Kieler Woche oder die Kieler Handballer in den Sinn. An der Vormachtstellung des THW wird Holstein auch auf absehbare Zeit nicht rütteln können, doch dass sich an Bornemanns Seite ein gewisser Wolfgang Schwenke, 43, eine der vielen Kieler Handballlegenden, als Geschäftsführer um die Finanzen kümmert, ist für die gesellschaftliche Verankerung des Pokalschrecks so schlecht nicht.

Kommentare (0)
Autor*
Betreff*
Ihr Kommentar*
Optionale Felder
Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Zeitung. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Email-Adresse (wird nicht veröffentlicht)
Anschrift