Es ist eine Wiedergeburt mit starkem schwäbischem Einfluss: Clemens Neese, exakt zu der Zeit geboren, als die Produktion der früher heiß begehrten Horex-Motorräder eingestellt wurde, ist im Stuttgarter Stadtteil Degerloch aufgewachsen. Studiert hat er in München (Maschinenbau) und später New York (Betriebswirtschaft). Gearbeitet hat er in der lukrativen IT-Branche. Seit 2004 tüftelt Neese am weltweit ersten VR6-Motor für ein Motorrad. Minutiös hat er das Projekt VR6 vorbereitet, Patentschriften eingereicht, seinen Job gekündigt und schließlich den Markennamen Horex gekauft. In genau 32 Tagen, am 1. März, findet der inzwischen acht Jahre währende Überlegungs-, Konstruktions- und Entwicklungsprozess seinen vorläufigen Abschluss: Die von Neese geführte Horex GmbH mit Sitz in Augsburg präsentiert mit der Horex VR6 Roadster ihr erstes, noch dazu selbst entwickeltes und in einer eigenen gläsernen Manufaktur gebautes Motorrad. Der Name Horex wird also, 52 Jahre nachdem er 1960 vom Markt genommen wurde, wieder lebendig.
Das Zusammenbauen von Einzelteilen von Hand zu einem funktionierenden Ganzen ist arbeitsaufwendig und teuer. Manche Uhren entstehen in Manufakturen, VW betreibt in Dresden eine „Gläserne Automobilmanufaktur“ und produziert dort das Oberklassemodell Phaeton. Auch ein paar Motorräder, beispielsweise Bimota (in Rimini, Italien) oder die mächtigen Boss Hoss (Tennessee, USA) entstehen in Manufakturen. Jetzt kommt Horex dazu. „Wir haben vier Montageplätze, an denen jeweils ein examinierter Motorradmechaniker eigenständig ein Motorrad aufbaut“, erklärt Firmenchef Neese die im März beginnende Serienfertigung. Maximal 1000 Motorräder im Jahr können auf diese Weise in der auf einer Seite verglasten Halle im Augsburger Stadtteil Kriegshaber entstehen. Vier Stunden reine Montagezeit werden für den Serienanlauf veranschlagt, dazu kommt viel Zeit für das Zusammentragen der benötigten Einzelteile aus dem Lager – Rahmen, Schwinge, Gabel, Stoßdämpfer, Lenker, Räder, Instrumente und vieles mehr.
Der von Horex-Boss Neese konzipierte VR6-Motor ist im Motorradbau einzigartig. „Es ist der kleinste und leichteste Serien-Sechszylindermotor in dieser Hubraumklasse“, so sein Erfinder stolz. Aus 1218 Kubikzentimeter Hubraum holt der Dreiventil-Einspritzer 118 kW (161 PS), die noch nicht ganz fertiggestellte Kompressorversion soll es sogar auf gut 200 PS bringen. Gebaut wird der VR6 von Weber-Motor in Markdorf, nahe dem Bodensee. Die Kolben stammen vom Stuttgarter Konzern Mahle, das ABS der neuesten Generation liefert Bosch. Die geschmiedeten Aluminiumräder fertigt PVM in Mannheim – es steckt also eine ganze Menge schwäbisches und auch badisches Knowhow in der in Augsburg gebauten Horex VR6 Roadster.
Ihre Ahnen wurden zwischen 1923 und 1960 in Bad Homburg (Taunus) gebaut. „Die wollten uns dort unbedingt wiederhaben“, erzählt Neese von der in den letzen zwei Jahren gelaufenen Suche nach dem Firmensitz, aber in Augsburg waren die Umstände für Horex vorteilhafter. 15 Mitarbeiter hat die Firma aktuell, 30 Händler sind vom Start weg dabei, Ende des Jahres sollen es gut 60 sein in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Allein sechs von ihnen finden sich in Baden-Württemberg, ein siebter – für die Region Freiburg/Lörrach – wird noch dazukommen.
Die bisher gewonnenen Händler sind schon voller Vorfreude auf den Horex-Start. Denn anders als in diesem Gewerbe üblich müssen sie nicht die von ihnen verkauften Motorräder vorfinanzieren, sondern agieren lediglich als Vermittler. Sowohl das Ausstellungs- wie das Vorführmotorrad jedes Händlers bleibt Eigentum der Horex GmbH. Für die Kunden bedeutet das, dass sie den Kaufpreis von 21700 Euro nicht an den Händler zahlen, sondern direkt an Horex. „Rabatte gibt es bei uns keine“, sagt Horex-Vertriebschef Fritz Rombach. Wer eine Horex will – Rombach ist wie Heese und alle anderen Mitarbeiter der Start-up-Firma überzeugt, dass es genügend sein werden –, muss den vollen Preis zahlen. „Eine Horex ist nicht irgendein Motorrad, sondern eine Ikone“, gibt sich Neese selbstbewusst.
In der Tat wird eine Horex VR6 Roadster– weitere Versionen wie die „Classic“ und die „Sport“ sollen nächstes Jahr folgen – nur aus feinsten Zutaten erbaut: Die niederländischen WP-Fahrwerkselemente sind in sämtlichen Parametern einstellbar, der Aluminium-Brückenrahmen kommt von jenem italienischen Hersteller, der auch Ducati beliefert. Bremsenlieferant Brembo gilt ohnehin als Star der Branche, und natürlich hat Horex dort das Topmodell geordert. Das Bosch-ABS, in Albstadt für Horex konfiguriert, gilt aktuell unter Experten als unschlagbar. Ungefähr 95 Prozent aller Teile stammen aus Deutschland und Europa, nur etwa fünf Prozent aus Übersee, meist Japan. Da wundert es nicht besonders, dass mit 21700 Euro ein happiger Aufruf für den Kauf einer Horex VR6 gemacht wird. Doch Neese hat konservativ gerechnet und einkalkuliert, dass die Firma dieses Jahr noch kein Geld verdient. Ungefähr 400 Maschinen will man bauen, was den Käufern höchste Exklusivität garantiert. „Ab 1000 Einheiten pro Jahr klingelt bei uns die Kasse“, so Neeses Berechnungen. Diese Schwelle will man schon nächstes Jahr erreichen.


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