Hotel Silber in Stuttgart Mitarbeiter feilen an einem Konzept

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In den nächsten Monaten werden die Mitarbeiter des Hauses der Geschichte und der Bürgerinitiative die Dauerausstellung für das Hotel Silber in Stuttgart konzipieren.

Das ehemalige Hotel in der Stadtmitte ist früher der Sitz der württembergischen Gestapo gewesen. An einer Zellentür haben sich verzweifelte Häftlinge verewigt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Das ehemalige Hotel in der Stadtmitte ist früher der Sitz der württembergischen Gestapo gewesen. An einer Zellentür haben sich verzweifelte Häftlinge verewigt.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Die Fragen der Finanzierung sind seit wenigen Tagen geklärt – jetzt geht es im Hotel Silber um Inhalte: In den nächsten Monaten werden die Mitarbeiter des Hauses der Geschichte und der Bürgerinitiative die Dauerausstellung konzipieren, Leitlinien für die Bildungsarbeit besprechen und vielleicht das Thema für die erste Wechselausstellung festlegen. Dabei sind grundsätzliche Weichen zu stellen: Mit welchen technischen und didaktischen Mitteln zieht man Besucher an, und welche Ziele verfolgt man mit dem Erinnerungsort in der Dorotheenstraße?

Einigkeit besteht darin, dass das Hotel Silber, dieser frühere Sitz der württembergischen Gestapo, mehr als eine Gedenkstätte werden soll. Schon der Begriff wirkt auf viele antiquiert und fokussiert allein auf die Vergangenheit; dabei sollen im Museum immer wieder Brücken in die Gegenwart geschlagen werden. Die Bürgerinitiative nennt sich deshalb schon von Anfang an „Lern- und Gedenkort“, um diese Zweigleisigkeit anzudeuten.

Politik hofft auf „Zukunftswerkstatt der Aufklärung“

Und der grüne Staatssekretär Jürgen Walter hat vor wenigen Tagen bei der Unterzeichnung der Verträge betont, er stelle sich eine „Zukunftswerkstatt der Aufklärung“ mit neuen Formaten vor, damit nicht nur jene Bürger kommen, die ohnehin an der Geschichte des Nationalsozialismus interessiert seien. Doch wie dies zu  bewerkstelligen sei, wollte Walter auf Nachfrage nicht kommentieren; das überlasse man den handelnden Personen aus Wissenschaft und Bürgerschaft, so Ministeriumssprecher Jochen Schönmann.

Dort steht man noch ganz am Anfang. Die Bürgerinitiative will Anfang Juni einen Workshop abhalten, um über diese Fragen zur Konzeption und Didaktik zu diskutieren. Auch eine Arbeitsgruppe mit allen Beteiligten wird eingerichtet. Im Moment aber drehen sich die Gespräche, so hat man den Eindruck, vornehmlich um historische Fragen – zum Beispiel gibt es einen Dissens zwischen dem Haus der Geschichte und der Bürgerinitiative, wie die Rolle des Leiters der Politischen Polizei in der Weimarer Republik, Rudolf Klaiber, zu bewerten sei.

Details zur Konzeption sind noch nicht bekannt

Und es wird natürlich darüber diskutiert, welches Gesicht die Dauerausstellung haben soll. Das Frankfurter Büro Wandel Lorch Architekten ist derzeit in der Feinausarbeitung. In den bestehenden Arbeitsräumen, die noch die Aufteilung aus der Nazizeit haben, sollen Tapeten und Putz entfernt werden, um eine bedrückende Atmosphäre zu schaffen. Der Jury war im vergangenen Jahr der Gegenwartsbezug der Ausstellung noch zu unkonkret. Doch mehr weiß man nicht; Details zur Konzeption sind bislang nicht bekannt.

Beim Bildungskonzept, sprich beim Veranstaltungsprogramm und beim Angebot für Schulklassen und sonstige Zielgruppen, gibt es bis jetzt nur erste Überlegungen. Für den Winter 2016/17 hat man sich auf eine weitere Veranstaltungsreihe geeinigt, die das Thema „Gestapo als europäisches Phänomen“ haben soll. Ob und wie man für die Zeit nach der Eröffnung neue Formate, neue Angebote und neue Methoden der Vermittlung entwickelt, um das Museum attraktiv zu machen, ist aber noch offen.

Beispiele für innovative Ansätze gibt es

Andere Museen zeigen, wie solche innovativen Ansätze aussehen könnten. In Heidelberg im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma erhalten Schüler einen alten Koffer, in dem Gegenstände vom Leben verfolgter Roma erzählen. Das Museum Mémorial de la Shoah in Paris hat eine Website entwickelt, bei der man auf einem virtuellen Dachboden nach alten Geschichten suchen kann. Und das Anne-Frank-Zentrum in Amsterdam bietet ein Internetspiel namens „Fair play“ an, bei dem sich junge Menschen mit dem Thema Diskriminierung auseinandersetzen können. Solche Ansätze sind für das Hotel Silber nicht bekannt. Das sei aber auch noch zu früh, sagt Harald Stingele von der Bürgerinitiative: „Wir tasten uns jetzt gemeinsam an die Themen heran.“

Auch Thomas Schnabel, der Leiter des Hauses der Geschichte, hat keinerlei Sorge, dass das Hotel Silber nicht anziehend werden könnte. Es gebe auch im Haus der Geschichte schon jetzt gute Angebote, etwa Workshops zur Zivilcourage oder für Grundschüler den „Dieb der Geschichte“ – die Kinder müssen in der Ausstellung Rätsel lösen. „Wir brauchen sicher für das Hotel Silber spezielle Angebote“, sagt Schnabel, „aber wir müssen das Rad nicht neu erfinden.“ Und was den Gegenwartsbezug angehe, so würde er sich als Staatsbürger fast wünschen, die Themen im Hotel Silber seien angesichts von Pegida und Fremdenfeindlichkeit nicht ganz so aktuell.

Klarheit besteht mittlerweile über das Raumkonzept. Der Haupteingang soll tatsächlich an die Ecke zum Charlottenplatz hin verlegt werden, so dass der frühere Frühstücksraum des Hotels als Foyer und für Veranstaltungen genutzt wird. Er wird dafür vergrößert, was allerdings statische Probleme nach sich zieht – vor allem aus diesem Grund wird sich die Eröffnung vermutlich verzögern. Derzeit wird eher Anfang 2018 als realistisch angesehen.

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