House-Methoden an der Uni Marburg Lernen von Dr. House

Von Wiebke Ramm 

Anfang Dezember zeigt RTL die letzte Folge der US-Serie „Dr. House“. An der Universität Marburg lebt der zynisch-geniale Fernseharzt weiter – im Dienst der Wissenschaft.

Ja, Dr. House taugt auch zum Vorbild. Foto: RTL
Ja, Dr. House taugt auch zum Vorbild.Foto: RTL

Marburg – Wenn Gregory House am 4. Dezember auf RTL das letzte Mal seine Mitmenschen anpampt, ändert der Medizinprofessor Jürgen Schäfer ihm zu Ehren sein Lehrprogramm an der Marburger Philipps-Universität. An jenem Dienstagabend wird Schäfer wird das Ende der preisgekrönten Serie „Dr. House“ mit seinen Studenten mit einem „Best of Dr. House“ begehen. Vielleicht wird er im Hörsaal sogar ausnahmsweise Glühwein ausschenken. Denn „Dr. House“ hat nicht nur die Krankenhausserien im Fernsehen revolutioniert, sondern auch das Medizinstudium an der altehrwürdigen Hochschule in Hessen aufgepeppt.

Jürgen Schäfer ist Kardiologe, Endokrinologe und akademischer Direktor der Universität. Außerdem ist er bekennender „Dr. House“-Fan und wohl der deutsche „Dr. House“-Experte. Seit 2008 bietet der 56-jährige Medizinprofessor das Seminar „Dr. House revisited – oder: Hätten wir den Patienten in Marburg auch geheilt?“ an – und die Studenten rennen ihm dienstagabends den Hörsaal ein.

House beherrscht die hohe Kunst der Diagnostik

Freiwillig und mit großer Begeisterung lernen sie von House, Schäfer und Kollegen die hohe Kunst der Diagnostik am Beispiel seltener Krankheiten. Und das, obwohl ihnen etwa eine Infektion des Gehirns mit Larven des Schweinebandwurms (erste Staffel, Episode 1) in ihrer späteren Praxis wohl eher selten begegnen wird. Ihr Professor ist begeistert vom Engagement der Studenten. „Das Tolle ist, sie bleiben die ganze Zeit hoch konzentriert bei der Sache“, sagt er. Doch nicht nur die Studenten sind begeistert. Schäfers Veranstaltung ist mit dem Ars-Legendi-Preis ausgezeichnet worden, der höchsten Auszeichnung im Bereich der universitären Lehre.

Medizinstudenten lernen von einer Fernsehserie? Das Erstaunen weicht, wenn man weiß, dass gleich vier Ärzte die Autoren der US-Serie beraten und selbst gestandene Mediziner zu dicken Büchern greifen müssen, um manche Fälle nachzuvollziehen. So fing es auch bei Schäfer an, als er auf Empfehlung eines Freundes eines Abends mit seiner Frau – auch sie vom Fach – erstmals „Dr. House“ einschaltete. Er war begeistert von den „genial recherchierten Inhalten“, wie er sagt, und er ist es noch heute. Gerade ist Schäfers Buch erschienen: „Housemedizin – Die Diagnosen des ,Dr. House’“, heißt es. Es ist quasi das medizinische Fachbuch zur Serie, aber auch für Laien gut lesbar.

Menschlich ist der mann eine Katastrophe

Dass auch bei „Dr. House“ manchmal „hanebüchener Unsinn“ vorkommt, sei gerade für die Lehre gut. Denn dadurch müssen die Studenten stets am Ball bleiben, um zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden zu können. Für sie gilt dasselbe wie für „Dr. House“ und sein Team: Jede Diagnose muss immer wieder hinterfragt werden, jeder Hinweis kann wichtig sein. Allerdings bricht House auch schon mal in die Häuser seiner Patienten ein, um mehr über sie zu erfahren.

„Das Hauptproblem bei Dr. House ist zweifelsohne, dass die Figur des Dr. House rein menschlich betrachtet eine Katastrophe ist“, sagt Schäfer. Im Grunde sei House „ein drogensüchtiger Misanthrop“, „egozentrisch und unkollegial“. Kein gutes Vorbild für angehende Ärzte. „Wir hatten daher Angst wie der Teufel vor dem Weihwasser, dass sich unsere Studenten möglicherweise durch solch eine durchgeknallte Person wie Dr. House in eine verkehrte Richtung entwickeln“, sagt Schäfer. Er ging auf Nummer sicher. Psychologen der Universität Gießen untersuchten, wie sich die Serie auf seine Studenten auswirkte. Das Ergebnis: sie sehen Dr. House zwar als Vorbild hinsichtlich seiner diagnostischen Fähigkeiten, seinen Umgang mit Patienten aber halten sie für absolut inakzeptabel. Ihr Professor war beruhigt.

Auch nach dem 4. Dezember wird Schäfer weiter dienstags von 18 Uhr an mithilfe von Dr. House Medizin lehren. „Wir machen trotzdem weiter“, verspricht er. Schließlich tauge die ARD-Arztserie „In aller Freundschaft“ bisher eher nicht fürs Medizinstudium.

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