Hymnus-Knaben mit „Elias“ Bibeldrama ohne Theater

Von Susanne Benda 

Der Hymnus-Knabenchor hat Mendelssohns Oratorium „Elias“ gesungen.

Die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben Foto: Chor
Die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben Foto: Chor

Stuttgart - Wer mit einem Oratorium an einem sonntäglichen Spätnachmittag im Sommer den Beethovensaal gut zur Hälfte füllen kann, der hat schon einmal Vieles richtig gemacht. Und tatsächlich: Für den Stuttgarter Hymnuschor, der mit einer knappen Hundertschaft von Sängern Mendelssohns „Elias“ einstudiert hat, ist dieses Konzert ein Höhepunkt der Saison. Schon vor den ersten Takten winken einige Eltern aus dem Publikum ihren Söhnen zu, andere fotografieren das eindrucksvolle Bild der versammelten Knaben und jungen Männer auf der Chor-Empore.

Zu hören ist dann ein Oratorium mit Licht und Schatten – wobei sich der Schatten vor allem aus den Kräfteverhältnissen im Raum ergibt. Die Stuttgarter Philharmoniker spielen meistens sauber, insgesamt aber so laut, dass dieser „Elias“ oftmals klingt wie ein Orchesterstück mit obligaten Chorstimmen – meist sind weder der Text noch die präzisen Töne des Chores gut zu hören. Vor allem der Soprangruppe fehlen Glanz und Durchschlagskraft (was auch mit deren gerade sehr junger Besetzung zu tun haben könnte). Den Knaben, die stärker geleitet und gezogen werden wollen als ein gemischter Erwachsenenchor, hilft der Dirigent Rainer Johannes Homburg mit präzisen Zeichen ebenso wie mit starr durchgehaltenen, insgesamt ziemlich langsamen Tempi (Mendelssohn selbst kultivierte, wie historisch belegt ist, das Gegenteil). Unweigerlich verliert der „Elias“ auf diese Weise an Dramatik und an romantischer Emphase: Dem Stück fehlt es an Bewegung und an Beweglichkeit, der Interpretation an gestalterischem Zugriff; die weiten Bögen atmen nicht, der Dialog zwischen Elias und den Propheten Baals verliert alle unmittelbare Theatralik, und so wirkt das Stück nicht wie eine aufregende Bibelerzählung, sondern wie eine Addition schöner Nummern. Und die hier chorische Ausführung des berühmten Doppelquartetts („Denn er hat seinen Engeln“) wirkt nicht nur wie mit angezogener Handbremse musiziert, sondern hebelt außerdem die Sonderstellung dieses Satzes im Oratorium aus. Unverständlich ist außerdem die Entscheidung, die Knabenstimme beim Regenwunder gerade keinem Knaben anzuvertrauen – auch wenn die Sopranistin Meike Leluschko als überragende Solistin im Konzert den Part wundervoll, mit fast knabenhafter Vibratoarmut, singt.

Das Unternehmen hätte eine zweite Chance verdient

Innerhalb des Chores indes stimmen – die etwas zu schwach besetzte Tenorgruppe einmal ausgenommen – die Balance, die Konzentration und (soweit diese zu hören ist) die präzise Artikulation. An den zahlreichen Fugen ist hörbar genau gearbeitet worden, intonatorische Wackler sind bei Stefan Adams wuchtig waberndem Elias wesentlich häufiger als bei den Knaben. Dass diesen bei der Erscheinung Gottes im zweiten Teil doch noch eine dramatisch wirkende Steigerung gelingt, zeigt, was möglich gewesen wäre. Man wünscht dem Unternehmen eine zweite Chance: mit mehr dynamischer Absprache im Detail, vielleicht mit weniger Instrumentalisten und im Idealfall mit einer weiteren gemeinsamen Probe.