Hypnose Einmal Nichtrauchen to go, bitte

Von Christine Schickl 

Der Wille war nicht stark genug. Die Zigarette war schon wieder nicht die letzte. Kann vielleicht eine Hypnose beim Aufhören helfen? Ein skeptischer Selbstversuch zum Weltnichtrauchertag.

Stuttgart - Es gibt kein Pendel, keine Räucherstäbchen und nicht einmal eine Couch. Kein einziges Klischee lässt sich in den Behandlungsräumen von Dirk Revenstorf in der Tübinger Gartenstraße finden. Nur das eine: der 74-Jährige, der zu den renommiertesten Hypnotherapeuten Deutschlands zählt, wirkt tiefenentspannt. In sich ruhend und hellwach.

Wer auf dem Stuhl – Schafwollauflage, Rückenlehne, Armstützen aus glänzendem Metall – neben dem pensionierten Tübinger Psychologieprofessor Platz nimmt, tut das, weil er ein Problem hat. Adipositas, Angststörungen oder Raucherentwöhnung sind die häufigsten Felder, die Revenstorf mit einer Reise ins Unterbewusstsein seiner Klienten ansteuert.

Seine Methode habe nichts mit Jahrmarkts-Hokuspokus, Show-Hypnose inklusive Lächerlichkeitsgarantie oder mutwilliger Manipulation zu tun, sagt er. Der Psychologe will mit Hypnose heilen. Der Theorie nach gibt es nicht nur einen Wach- und Schlafzustand, sondern eine Reihe veränderter Bewusstseinszustände, die als Trance bezeichnet werden. Der Übergang geschieht nicht plötzlich wie beim Lichtschalter, sondern eher wie bei einem Dimmer. Werden Klienten in diesen Zustand gebracht, können Prozesse in Gang gesetzt werden, die aus ins Gehirn eingebrannten Verhaltensmustern heraushelfen.

Meine Bestellung ist schnell aufgegeben: Einmal Nichtraucher werden to go, aber keine Extras suggerieren, bitte schön! Wer will anschließend schon als geistfreie Barbie aufwachen? Oder plötzlich andere Verhaltensauffälligkeiten zeigen? „In der Hypnose wird der Psyche nichts übergestülpt, der freie Wille bleibt erhalten“, verspricht Revenstorf. „Es geht darum, unbewusste Prozesse nutzbar oder auch bewusst zu machen.“ Ich glaube nicht, dass das mit der Trance und mir funktioniert.

„Das ist Ihre letzte Zigarette“, sagt der Therapeut

Wie immer, wenn der Körper in den Entspannungsmodus gelangen soll, rückt das Atmen in den Mittelpunkt. Tief ein- und ausatmen, eine entspannte Haltung auf dem Stuhl einnehmen, souffliert Revenstorf. Seine samtig weiche, tiefe Stimme füllt den Raum und umschmeichelt den Körper wie ein wohltemperiertes Vollbad. Mein linker und rechter Ellbogen sind auf den Armlehnen aufgestützt, die Arme zeigen zur Decke, die Hände sind 90 Grad angewinkelt. Sollte eine Hand im Laufe der Sitzung nach unten sacken, ist das ein Zeichen für Revenstorf einzugreifen.

Eine bleierne Schwere überkommt mich. Gleichzeitig bin ich hellwach und konzentriert. Revenstorf nimmt die Zigarette, die er sich vorher von mir geben ließ, und markiert sie mit einem dicken, schwarzen Punkt. „Das ist Ihre letzte Zigarette“, sagt er. Nach der Stunde wird er sie mir wiedergeben mit den Worten: „Passen Sie gut darauf auf, und nehmen Sie feierlich Abschied. Das war ein treuer Begleiter und ­guter Freund.“

Zunächst steckt er sich die Zigarette hinter das rechte Ohr. Ich schließe die Augen. Atmen. Dann legt er mir die Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand – an den angestammten Platz der Raucherhand. „Sie können sich bewusst entscheiden, ob Sie aufhören möchten – und Sie können es Ihrem Unterbewusstsein überlassen. Dann werden Ihre Finger ohne Ihr Zutun loslassen. Sie müssen auch nicht gleich loslassen. Sie können die Zigarette behalten.“ Das werde ich. Festhalten. Doch noch bevor mein Hypnotiseur zu Ende gesprochen hat, fällt die Zigarette zu Boden – die Finger lassen einfach los. Ich schmunzele. Das Unterbewusstsein hat also längst entschieden. Der Kopf noch nicht.

Revenstorfs Stimme navigiert mich einen langen, imaginären Pfad entlang. Nach einer Biegung ragt ein langes, weißes Haus in die Höhe. Ich betrete es – am Ende des Flurs gibt es einen Raum, darauf steht mein Name. Ich öffne die Tür. Und werde von hellem, warmem Licht umschlossen. Ein Raum, um Kraft zu tanken. Ob ich auf der weißen Wand gegenüber etwas erkennen kann? Ja. Dort steht: 1. Mai. In Trance kann ich daran nichts Sonderbares finden. Ich schwebe weiter durch das Licht.

Die Zeit vergeht wie im Flug

Nach einiger Zeit holt mich Revenstorf zurück. Unglaubliche 40 Minuten sind vergangen, die sich wie höchstens zehn anfühlen. Ob die Trance funktioniert hat, frage ich. „Das können Sie nur selbst beantworten“, meint der Psychologe. Alles spricht dafür. Ich verlasse die Praxis – benommen, aber lächelnd. Und nicht mit dem geringsten Verlangen nach Nikotin. Fünf Stunden später wird mir vom Zigarettenrauch meines Begleiters nach einem Konzert übel. Zwei weitere Tage werde ich keine Zigarette anrühren. „Normalerweise brauchen wir drei Sitzungen – dann ist die Quote, Nichtraucher zu sein, recht gut“, sagte Revenstorf zum Abschied.

Mein Unterbewusstsein war anscheinend clever genug, während der Trance auf der weißen Wand nur das Datum 1. Mai, aber keine Jahreszahl zu sehen. Werde ich an diesem 1. Mai Nichtraucher? Besagter Tag kommt und geht zwei Wochen später. Die Zigaretten sind vorerst noch geblieben.

„Hypnotherapie baut auf der Fähigkeit des Menschen auf, in Trance Erfahrungen zu aktivieren, die er vernachlässigt und ausgeblendet hat“, sagt Revenstorf. So weit kam es in meiner ersten Sitzung nicht. Einen Klienten mit Prüfungsangst führte er während der Trance beispielsweise in den kindlichen Zustand eines Elfjährigen zurück, einen Moment, als er im Fußballtor stand und einen Elfmeter halten konnte – was ihm keiner zugetraut hatte. Das Gefühl des Stolzes konnte er in der Trance konservieren und später abrufen. „Stolz ist ein viel stärkeres Gefühl als Angst. Es war in dem Fall auch älter. Das positive Gefühl konnte der Mann mit in die Prüfung nehmen. Das hat ihm geholfen, die Panik zu besiegen.“ Im kindlichen Zustand der Trance ist der Mensch Revenstorf zufolge aufnahmebereiter und fantasiebegabter. „Alles, was gängige Moral, Anstand und Vernunft betrifft, kann ein Kind in gewissem Maße hinter sich lassen. Menschen können in dieser Phase neu konditioniert werden, man kann als Therapeut bestimmte Dinge wachrufen, die positiv sind für die Bewältigung.“