„I got Rhythm“ im Kunstmuseum Stuttgart Als die Bilder tanzen lernten

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Zu seinem zehnten Geburtstag macht das Stuttgarter Kunstmuseum dem Publikum ein mitreißendes Geschenk: Die Schau „I got Rhythm“ geht der swingenden und singenden Wechselbeziehung zwischen Kunst und Jazz nach.

Romare Bearden: „The Savoy“ 1975 Foto: Courtesy of Michael Rosenfeld Gallery New York  © Romare Bearden Foundation, VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Romare Bearden: „The Savoy“ 1975Foto: Courtesy of Michael Rosenfeld Gallery New York © Romare Bearden Foundation, VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Stuttgart - Keine Geburtstagsparty ohne Musik! Im Stuttgarter Kunstmuseum singt und klingt es unentwegt schon seit Anfang des Jahres. Die Videoreihe „Sound in Motion“ bringt Töne in Schwung, im Sommer wurde der Kleine Schlossplatz zum städtischen Konzertpodium, die rhythmisch bewegten Arbeiten des Schweizer Konkreten Camille Graeser wippen in einer eigenen Schau bildlich mit – und doch erreicht das Jubiläumsprogramm zur Feier der ersten Kunst­museumsdekade im Glaskubus mit der Ausstellung „I got Rhythm“ jetzt erst seinen Höhepunkt.

Es war ein langer Anlauf. Aber die Direktorin Ulrike Groos und ihre Mitkuratoren Sven Beckstette und Markus Müller sind auch weit gesprungen. „I got Rhythm“ dürfte die ambitionierteste, teuerste und ungewöhnlichste Schau in der Geschichte des Hauses sein, nicht nur seit der Eröffnung am Kleinen Schlossplatz vor zehn Jahren. Aus eigenen Beständen stammen in der Ausstellung nur zwei Bilder: eine Postkarte von Willi Baumeister aus Paris mit einer wirbelnden Federzeichnung der Folies-Bergère-Ikone Josephine Baker und das „Großstadt-Triptychon“ von Otto Dix. Das jazzige Zentralwerk des Kunst­museums, das den programmatischen Anstoß zu „I got Rhythm“ gegeben hat, ist hier allerdings in selten zu sehender Version anzutreffen: als Kohle­vorzeichnung auf Karton im 1:1-Format, die sonst licht­geschützt im Depot unter Verschluss gehalten wird. In Öl kann man das „Großstadt-Triptychon“ nach wie vor in der Sammlung des Kunstmuseums bewundern, womit Groos das Publikum en passant zu zahlreichen Abstechern dorthin zu verleiten hofft.

Die übrigen 138 Arbeiten der Schau sind Leih­gaben aus europäischen und amerikanischen Museen und Privatsammlungen – was „I got Rhythm“ zu einem auch finanziellen Kraftakt gemacht hat, der nur mit verstärkter Sponsorenhilfe zu stemmen war. Zu den Stars zählen, klar, die Klassiker des Themas: Henri Matisse mit der leuchtenden Farb­explosion seiner „Jazz“-Sche­ren­schnittmappe­­ von 1947; Piet Mondrian, dessen „Broadway Boogie Woogie“ das MoMA freilich nicht mehr verlassen darf, so dass der Maler und passionierte Swingtänzer in Stuttgart mit der vom Nationalmuseum Belgrad zur Verfügung gestellten, eher kleinformatigen „Kom­position Nr. II mit Rot, Blau, Schwarz und Gelb“ von 1929 vertreten ist; und, nicht zu vergessen natürlich, Jackson Pollock, von dem man weiß, dass er stundenlang Swing hörte, während er Farbe auf seine Leinwände tröpfeln ließ. Umgekehrt erkannte der Saxofonist Ornette Coleman eine Wesensverwandtschaft zwischen seiner Musik und Pollocks expressivem Action Painting. Ein Gemälde des Malers zierte das Cover von Colemans Album „Free Jazz“ aus dem Jahr 1961. Pollocks „Reflection of the Big Dipper“ (1947) hat das Kunst­museum in Amsterdam ausgeliehen.

Die Ausstellung bleibt nicht stumm

Von Zeit zu Zeit sieht man die alten Meister gern, könnte man mit Goethe an dieser Stelle sagen. Wahrhaft aufregend und anregend wird die Schau aber vor allem aus zwei Gründen: durch die Musik und fabelhafte künstlerische Entdeckungen in Hülle und Fülle.

„I got Rhythm“ ist – anders als vor Jahren „Der Klang der Bilder“ in der Staats­galerie – keine stumme Ausstellung. Der technische Fortschritt erlaubt es, dass der (jedem Besucher dringend zu empfehlende) Audioguide zu einem Audioplayer wird, der die Bilder an zahlreichen Hörstationen mit dem passenden Sound begleitet. Man hört Louis Armstrongs heiseres Organ den titel­gebenden Song „I got Rhythm“ intonieren, Artie Shaws Orchester spielt das coole Lied „Begin the Beguine“ von Cole Porter zu Max Beckmanns gleichnamigen Gemälde von 1946, westdeutsche Informel-Künstler wie K. O. Götz liebten den Bebop eines Charlie Parker, ihre in der DDR sozialisierten Kollegen wie A. R. Penck den Free Jazz eines Peter Kowald.

Und so ist die Ausstellung nicht nur ein visueller, sondern auch ein musikalischer Gang durch die Geschichte der intensiven Wechsel­beziehungen von Malerei und Jazz, der sich quer durch das 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart zieht und als Vorläufer der Popkultur zu einem echten Massenphänomen ent­wickelte. Dass es dabei nicht immer gut gelaunt und fingerschnippend zuging, rufen Bilder wie Andy Warhols „Little Race Riot“ von 1964 ins Gedächtnis, auf dem weiße Polizisten Hunde auf einen dunkelhäutigen Mann hetzen. Und vor Joe Overstreets Gemälde „Strange Fruit“, dessen ins Bild baumelnde Füße von  Billie Holidays gleichnamigem Song über die an Südstaatenbäumen hängenden Schwarzen unterlegt sind, stockt einem vor Schreck fast der Atem.