Ikebana-Ausstellung in Winterbach Brotlos, vergänglich – und schön

Von Annette Clauß 

Ikebana, die japanische Form des Blumensteckens, ist eine Kunst für sich. Werke zum Thema Auferstehung sind an diesem Wochenende in der Michaelskirche in Winterbach ausgestellt.

Die Auferstehung als Arrangement aus Blüten, Holz und Stacheldraht. Foto: Gottfried Stoppel
Die Auferstehung als Arrangement aus Blüten, Holz und Stacheldraht. Foto: Gottfried Stoppel

Winterbach - Diese Kunst ist nichts für Sammler: Länger als fünf Tage kann man sich nicht an ihr erfreuen. „Ikebana ist eine brotlose Kunst, denn sie ist vergänglich und daher kann man sie nicht verkaufen“, sagt Ursula Worms über die japanische Kunst des Blumensteckens. Das hält die Winterbacherin aber nicht davon ab, sich immer wieder aufs Neue den Kopf darüber zu zerbrechen, wie sie ein bestimmtes Thema in Form eines Ikebana-Arrangements darstellen und umsetzen kann. Denn Ikebana, brotlos hin oder her, bringe einem sehr viel, sagt Ursula Worms: „Ich gehe mit ganz anderen Augen durch die Welt und nehme die Natur viel bewusster wahr, seit ich Ikebana mache.“

Stacheldraht aus dem Fundus

Was ihr und zehn weiteren Ikebana-begeisterten Frauen zum Thema „Auferstehung“ eingefallen ist, können Besucher an diesem Wochenende in der Winterbacher Michaelskirche begutachten. „Die Ausstellung war die Idee von Pfarrer Joachim Scheuber“, erzählt Ursula Worms, deren Kunstwerk auf dem Altar steht – direkt unter den Augen des gekreuzigten Herrn Jesu. In einer flachen Schale hat sie ein großes, spitz zulaufendes Stück Holz platziert. Wie ein Fels in der Brandung steht es im Wasser und symbolisiert Jesus. Um das Holzstück gruppieren sich weißblühende Callas. Ihre Stiele hat die Ikebana-Meisterin in unterschiedlichen Längen beschnitten. Die Blüte mit dem kürzesten Stiel ragt am Fuße des Holzstücks nur wenige Zentimeter über die Wasseroberfläche, die längste weist über die Spitzes des Holzes hinaus.

Um Blüten und Holz hat Ursula Worms einige Armlängen verrosteten Stacheldrahts gewunden – die Dornenkrone, die zu Boden fällt. „Der Stacheldraht stammt aus meinem Fundus, ich hab’ da so eine Kruschtelecke“, erklärt Ursula Worms, die in ein Gesteck zum Thema „Baden-Württemberg“ auch mal Weinflaschen einarbeitet. Die Stuttgarter Ikebana-Schule, in der sie sich zur Meisterin gebildet hat, sei sehr frei, erklärt Worms: „Dort darf man auch mal anorganisches Material verwenden.“ Andere Schulen hätten da viel strengere Regeln. Wobei die Schüler der Ikebana-Kurse in Stuttgart wie anderswo stets ein vorgegebenes Thema bearbeiten müssten.

Die besten Ideen kommen nachts

Basis der Ausbildung ist ein Grundkurs, in dem die Teilnehmer die Grundformen des Ikebana erlernen. Die Formen symbolisieren fast immer Himmel, Menschheit und Erde, ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass die Proportionen stimmen. „Mir macht das Freie mehr Spaß“, erzählt Ursula Worms. Sie hat Ende der 1970er-Jahre mit Ikebana-Kursen angefangen. „Irgendwann sagte die Lehrerin: ,Du bist jetzt Meisterin’“. Danach gab Ursula Worms 15 Jahre lang Kurse in Ikebana, was die hohe Dichte an Künstlerinnen in ihrem Heimatort erklärt. Im Raum Stuttgart gebe es rund 120 Meisterinnen, sagt Worms, und einige wenige Meister. Wobei Ikebana ursprünglich eine reine Männerangelegenheit gewesen sei, die in Klöstern praktiziert wurde. Das hat Gerhard Mayer-Vorfelder, ehemals Kultusminister des Landes, offenbar nicht gewusst. Er habe Ikebana einst als Hobby für unterbeschäftigte Hausfrauen verspottet, erzählt Ursula Worms, der ihre Kunst manchmal schlaflose Nächte verursacht. Die hätten aber auch ihr Gutes, sagt sie: „Nachts hat man die besten Ideen.“

Die Kunst der lebendigen Blüten

Tradition
Der Begriff Ikebana setzt sich aus den japanischen Worten „Ike“ – „Leben“ und „Bana“ – „Blüte“ zusammen und bedeutet in etwa „die Kunst der lebendigen Blüte“. Diese Kunstform ist bereits Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden, hat sich außerhalb von Japan aber erst in den 1950er-Jahren verbreitet.

Schule
Die „Stuttgarter Ikebana-Schule“ ist 1970 als eine der ersten in Deutschland gegründet worden. Sie hat sich von den strengen Traditionen gelöst und legt weniger Gewicht auf Regeln, als auf Kreativität. In den Kursen der Schule, die an Volkshochschulen in der Region Stuttgart stattfinden, kann man sich zur Ikebana-Meisterin oder zum Meister fortbilden.

Öffnungszeiten
Die Ausstellung der Winterbacher Ikebana-Gruppe ist an diesem Samstag, 22. April, von 14 bis 18 Uhr geöffnet, am Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Treffpunkt ist die Michaelskirche in Winterbach, Marktplatz 4.