Im Schlampazius geht’s weiter Zu Besuch bei Janis, Jim und Jimi

Von Frank Rothfuss 

Heute verkünden wir eine frohe Botschaft. Das Schlampazius im Stuttgarter Osten schließt doch nicht zum Jahresende. Besitzer Ramon hat das Flehen seiner Stammgäste erhört, er will weitermachen und den 45. Geburtstag der Kneipe im März feiern.

Ramon an der Theke im Schlampazius Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky 7 Bilder
Ramon an der Theke im Schlampazius Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Stuttgart. - Es ist ein tröstlicher Anblick. Draußen dreht sich die Welt , steht zuweilen Kopf. Doch öffnet man hier an der Wagenburgstraße die Tür, steht Ramon (63) hinter dem Tresen. Wie immer. Er duzt jeden, jeder duzt ihn. Ein Stück Heimat ist das: So wie einen der Fernsehturm begrüßt, wenn man nach Stuttgart fährt, so empfängt einen Ramon im Schlampazius. Seit 42 Jahren schon ist Ramon Amar Minon hier, anfangs als Helfer, seit gut 30 Jahren als Patron. 1973 kam er nach Stuttgart, weg wollte er aus Spanien, weg von den Faschisten Francos. Eigentlich war München das Ziel. In Stuttgart verpasste er beim Umsteigen den Zug, lief die Königstraße hinauf, landete im Bohnenviertel im El Rincon. „Da saßen die Gastarbeiter der ersten Generation und haben sich um mich gekümmert“, erinnert er sich. Er blieb in der Stadt, hangelte sich von Job zu Job. „Damals musstest du nur irgendwo klopfen und hattest Arbeit.“ Eines Tages, 1975 war das, landete er im Schlampazius. Wirt Martin Maiwald sprach perfekt Spanisch, die Kneipe war längst zu, da saßen die beiden in der Küche und plauderten. „Er hat mich adoptiert“, sagt Ramon. Er kam wieder, half mit. Maiwald wurde krank, starb Mitte der 80er Jahre. Was tun? Ramon fand, die Kneipe solle so bleiben, wie sie war. Also bewarb er sich bei Dinkelacker um die Nachfolge. Ein Satz bescherte ihm den Zuschlag: „Ich will viel Bier verkaufen.“ Heute muss er lachen, wenn er sich daran erinnert. „Die anderen waren alle geschniegelt, ich kam in Jeansjacke und Cowboystiefeln.“ Unverkünstelt – oder authentisch, wie man heute sagt. Wie das Schlampazius.

Hier kommt die Musik von der Kassette

Ab und zu wechselt er die Polster an den Sesseln. Ansonsten sieht es immer noch so aus, als hecke hier die Friedensbewegung eine Demo gegen den Nato-Doppelbeschluss aus. Von den Wänden grüßen Jim Morrison, Janis Joplin und Jimi Hendrix, Che Guevara und Frank Zappa. Die Musik kommt natürlich von Kassette. Zigfach mit Tesa geflickt. Deshalb holpert sie auch ab und zu. Loriot saß hier schon, nach einem seiner ersten Auftritte im benachbarten Laboratorium, für das Ramon auch die Konzession hat. Vor drei Jahren waren Die Ärzte hier. Die Musiker hatten gemeckert, dass es in Stuttgart keine gescheite Kneipe gäbe. Ein Stammgast hatte das mitbekommen, sie auf das Schlampazius aufmerksam gemacht. Vor einem Konzert kamen sie dann tatsächlich vorbei, saßen mit Ramon am Tresen. So einen Laden gebe es in Berlin nicht mehr, hätten sie gesagt, erinnert sich Ramon. Was viel mit ihm zu tun hat. Er ist nicht nur Kneipier, im Winter bietet er auch älteren Landstreichern ein Obdach. „Mein Herz ist hier drin“, sagt er. Doch ein Teil seines Herzens ist auch in Andalusien bei seiner Frau, den Kindern und den Enkeln, denen Deutschland im Winter zu kalt und grau ist. 1998 wollte er schon einmal zumachen, zurück nach Spanien gehen. Damals hatte es im Haus gebrannt, Ramon hatte vier Menschen aus den Wohnungen über der Kneipe vor den Flammen gerettet. Das war ein Einschnitt. Doch er hat den Absprung nicht geschafft, „meine Gäste haben mich überredet.“ Und jetzt reden die Stammgäste und die Studenten wieder mit Engelszungen auf ihn ein, nachdem sie mitbekommen hatten, dass am Jahresende wirklich Schluss sein sollte. „Weißt du, es ist anstrengend“, sagt er, „und ich dachte wirklich, jetzt sei es an der Zeit.“ Einen Nachfolger fand er aber nicht, „und für jeden, der mich bittet zu bleiben, hänge ich ein paar Wochen dran.“ Im März will er auf jeden Fall den 45. Geburtstag des Schlampazius feiern.

Die Lehrer in Sachen neuer Geschmack

Ramon ist einer jener Zugereisten, die den Kessel durchgelüftet haben. Angefangen mit dem „Traiteur der fürstlichen Haustruppen“, Lazaro, der 1739 in der Hirschgasse ein Kaffeehaus eröffnete. Aus welchem Gefilde er stammte, ist nicht überliefert, dafür berichten die Chroniken, dass die Stuttgarter über den „Türkentrank“ bruddelten, er reiche nicht an Wein oder Most heran. Bis Jean Heritier seine Elsässer Taverne eröffnete, mundeten den Schwaben auch der Kaffee, ohne dass die Liebe zum Wein litt. Um die Jahrhundertwende ging man zu Alonso Pedro Bega in dessen spanische Weinstube am Marktplatz. Volksdichter Christian Wagner fand dort nicht die erhoffte Señorita, sondern nur „eine Magd mit Sommersprossen, hochgeschossen, blond-germanisch“. Als die Zukunft nicht mehr blond-germanisch war, breitete sich eine Gastronomie ganz ohne Sommersprossen aus. Die Lehrer in Sachen neuer Geschmack waren Wanderer und Abenteurer wie Niko Kallergis, die der Krieg und seine Folgen entwurzelt und über die Landkarte geschleudert hatte. Er war 1942 nach Stuttgart gekommen, in Griechenland geworben als Arbeitskraft. Oder Hsueh-Tseng Wang, Doktor Wang genannt. Kurz nachdem der Kaufmann Tschang 1951 in der Schulstraße einen Platz für sein Chinarestaurant gefunden hatte, eröffnete Wang das Peking. Er war 1910 als Bauernsohn geboren worden, war Diplomat in Bern, Mitunterzeichner der Genfer Konvention, Student in Paris und kam auf der Flucht vor Mao nach Stuttgart. Auch um Stefan Filipasic rankten sich Legenden: Er soll eines Tages mit einem Pappkoffer in der Hand bei Fedor Radmann am Fernsehturm aufgetaucht sein. Er eröffnete 1960 die Alte Mira, die vier weitere jugoslawische Töchter gebar. Ein Pionier war auch Eduardo Zunico, der 1952 im Santa Lucia Italienisches anbot. Er verbrachte seinen Lebensabend in Italien, wurde aber auf dem Pragfriedhof bestattet. Ali Taner betrieb das Litfaß, ohne Marcelo Lagos war das Zapata undenkbar. Wie auch das Schlampazius ohne Ramon unvorstellbar ist. Wie auch ihm ein Leben ohne seine Kneipe und seine Gäste schwerzufallen scheint. „Andalusien, das ist Sonne, Sand und Meer“, sagt er. Unwiderstehlich, oder? Ramon: „Aber da gibt’s kein Schlampazius!“