
Die Behinderteneinrichtung Diakonie Stetten gibt sich eine Ethikkonzeption. Ihre Mitarbeiter erwarten daraus Antworten und Hinweise, wenn es um einen für ihre Arbeit zentralen Zwiespalt geht: Balance zu halten zwischen dem Recht auf Selbstbestimmung ihrer Schutzbefohlenen und der Sorge für sie nach einem festgestellten Betreuungsbedarf. Das erste Ethikforum im Vorfeld des Tags der Menschenrechte am Samstag, den 10. Dezember, gab Mitarbeitern die Möglichkeit, sich an der Diskussion zu beteiligen. "Autonomieanspruch und Sorgekultur. Ethische Herausforderungen in besonderen Abhängigkeitssituationen" lautete das Thema des Forums mit 160 Teilnehmern, das Günter Renz von der Evangelischen Akademie Bad Boll moderierte.
"Wir befinden uns immer wieder in ethischen Dilemmasituationen", sagte Ruth Baumann-Hölzle, die Leiterin des Interdisziplinären Instituts für Ethik im Gesundheitswesen in Zürich. "Wir müssen eine Wahl treffen: Wie weit geht der Anspruch auf Autonomie des Menschen und wo beginnen Zwangsmaßnahmen."
"Wir können heute in einer multikulturellen Gesellschaft keine einheitlichen Werte voraussetzen", berichtete Heike Linder, Pflegekraft und Ethikberaterin aus dem Stuttgarter Bethesda-Krankenhaus. "Daher ist es umso wichtiger, dass ich mich auf mein Gegenüber einlasse und ein feines Gespür für die Betroffenen entwickle". Annette Riedel, die externe Expertin des künftigen Ethikkomitees, Professorin an der Hochschule Esslingen, verdeutlichte dies: "Es geht auch darum, die Mitarbeiter zu sensibilisieren. Neue Denkmuster helfen zu klären und zu entscheiden und können uns im Alltag entlasten".
Das Gespräch fand vielfältige Resonanz. "An wen können wir uns künftig wenden? Wie läuft es konkret ab?", fragten die Mitarbeiter unter den Zuhörern. Pfarrerin Anja Wessel von der theologischen Abteilung der Diakonie Stetten hatte erstmals im September den Mitarbeitern das neue Ethikkonzept vorgestellt, an dem sie seit zwei Jahren federführend gearbeitet hat. Das Ethikkomitee wird sich aus 17 Vertretern unterschiedlicher fachlicher Disziplinen der Diakonie Stetten zusammensetzen, einschließlich zweier externer Experten, den Professoren Annette Riedel und Konrad Stolz von der Hochschule Esslingen. Das Ethikkomitee wird außer Grundsätzen konkrete Fragestellungen aus dem pädagogisch-pflegerischen Berufsalltag auf den Weg bringen. "Mit dem Ethikkomitee wollen wir die Ethik in den Alltag holen und den Blick auf Freiheits- und Autonomierechte schärfen. Das nimmt letztlich niemandem die Verantwortung oder Entscheidung ab, aber es hilft zur besseren Entscheidungsfindung und dient so den Menschen", sagte Pfarrer Hinzen.


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