Immer mehr gefälschte Markenartikel
"Leonberger Kreiszeitung", 06.05.2011 02:46 Uhr
Landkreis Die Zollbeamten finden oft Fußballtrikots, Schuhe, Uhren oder Elektronik, die im Ausland kopiert wurden. Von Kata Kottra

Mit den gefälschten Markenwaren, die die Böblinger Zollbeamten beschlagnahmt haben, könnten sie einen Mann einkleiden, ihn für einige Stunden beschäftigen und ihm sogar noch Geschenke für seine Frau mitgeben: In einer Art Ausstellungszimmer liegen ein Adidas-Fußballtrikot, ein Porsche-Spielzeugauto, ein Louis-Vuitton-Portemonnaie und eine Hermès-Handtasche, eine Harley-Davidson-Kappe, ein Philips-Rasierer, ein Steuermodul für eine Sony-Playstation. Daneben stapeln sich Marken-Sportschuhe und mehrere Packungen Viagra.

Nichts davon sei echt, erklärt Kathi Hellermann, die das Zollamt in Böblingen leitet. Manche der Gegenstände sind ausgesprochen dilettantisch gefälscht, auf dem Rasierer steht Phelps statt Philips. Der Pressesprecher Thomas Böhme öffnet das angebliche Louis-Vuitton-Portemonnaie: Die Nähte sind aufgeplatzt, obwohl der Geldbeutel nie benutzt wurde.

Illegale Waren im Wert von 200 000 Euro haben die Beamten des Zollamtes Böblingen allein im vergangenen Jahr beschlagnahmt, etwa 60 Mal sind ihnen Schmuggler ins Netz gegangen. Doch die Flut der falschen Kopien werde immer größer, sagt Hellermann. Eine zentrale Auswertung der Zollämter bestätigt das: Im vergangenen Jahr fand der Zoll bundesweit in etwa 23 700 Fällen gefälschte Markenartikel. Ein Jahr früher hatte diese Zahl bei nur 9600 gelegen. Einen Grund für diese Entwicklung sehen die Experten in den Möglichkeiten des Internet: Es bringt die große weite Welt mit all ihren Schnäppchen in das eigene Wohnzimmer, Bestellungen aus dem Ausland werden einfacher. Nur wenige machten sich darüber Gedanken, welche Konsequenzen die Einfuhr von gefälschten Produkten haben kann, so die Wahrnehmung beim Zoll.

Auch der Mann aus der Nähe von Böblingen, der am Donnerstagvormittag ins Zollamt kommt, wundert sich. Er hat Post bekommen, dass ein Päckchen aus China für ihn beim Zoll liege. In Anwesenheit der Beamten muss er die Verpackung öffnen - zum Vorschein kommt ein fernsteuerbares Auto von Audi, Modell Q7. Die Beamten bezweifeln, dass das silberfarbene Spielzeug mit einer offiziellen Lizenz des Autobauers produziert wurde. Deshalb wird es erst einmal einbehalten - und, falls es von Audi als Fälschung bestätigt wird, zerstört. Der Mann bekäme in diesem Fall zwar keine Strafe, aber er muss die Ware bezahlen und hätte nichts vom unechten Schrott.

Illegal kopiertes Spielzeug kann zwar auch gefährlich werden, ein anderes Problem ist den Beamten aber noch wichtiger: Sie warnen vor gefälschten Medikamenten. "Man weiß nie, was solche Tabletten enthalten. Sie können massiv überdosiert sein und Gesundheitsschäden verursachen", erklärt der Pressesprecher Böhme. Besonders Potenztabletten aus dem Ausland seien beliebt. Die Beamten haben sogar ein Buch gefunden, das findige Schmuggler als Viagra-Versteck benutzt hatten: In einer rechteckigen Vertiefung, die sie in die Papierschichten schnitten, versteckten die Absender die Tabletten.

Bei Bestellungen aus dem Ausland müssen die Kunden aber nicht nur den Markenschutz beachten. Medikamente aus Nicht-EU-Staaten dürfen Privatpersonen grundsätzlich nicht einführen. "Manchmal kommen Menschen mit ausländischen Wurzeln und beteuern, nur dieses eine Medikament würde ihnen helfen", erzählt Böhme. "Sie tun mir zwar leid, trotzdem dürfen wir ihnen die Päckchen nicht mitgeben - auch zu ihrem eigenen Schutz." Auch manche Symbole sind im Ausland zugelassen, aber in Deutschland geächtet. "Wir haben mal eine Unterhose mit Hakenkreuz entdeckt", berichtet die Zollamtsleiterin Hellermann. "Die haben wir sofort der Staatsanwaltschaft weitergeleitet."

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