Immobilienbüro kauft Kirche Von der Kirche bleibt die Hülle
Michael Petersen, 12.02.2012 09:27 Uhr
Die Leonhardskirche ist verkauft, die Zukunft des ehemaligen Gotteshauses offen. Foto: StZ
Die Leonhardskirche ist verkauft, die Zukunft des ehemaligen Gotteshauses offen. Foto: StZ

Reutlingen - Hell und klar sind die Glocken der Reutlinger Leonhardskirche zu vernehmen – aber nur auf der Website der evangelischen Kirchengemeine. „Als akustische Erinnerung“, heißt es dort. Denn das Gebäude ist seit ziemlich genau zwei Jahren kein Gotteshaus mehr. Der Bau aus dem Jahr 1894 wurde am 29. Januar 2010 entweiht, die Leonhardskirche nach 116 Jahren außer Dienst gestellt.

Anschließend wurde sie zum Verkauf angeboten. Für 500.000 Euro erwarb das Reutlinger Immobilienunternehmen Rall GmbH das Gebäude und dazu ein Nachbargrundstück, das weit wertvoller ist als das Kirchengebäude. Gastronomie oder gehobener Einzelhandel, ein Theater oder Wohnungen – vieles ist möglich an dem zentral in der Reutlinger Innenstadt gelegenen Ort. Fest steht nur eines: die Hülle der Kirche wird stehen bleiben, das verlangt der Denkmalschutz.

Denkmalschützer verhindern den Abriss

Vor drei Jahren hatte die Evangelische Kirchengemeinde Reutlingen den Abriss des einfachen Fachwerkbaus beantragt. „Mit der Rückendeckung der Landeskirche wollten wir einen Präzedenzfall schaffen“, erklärt der Dekan Jürgen Mohr. Einen Präzedenzfall für viele Kirchen im Land, denn zahlreiche Gemeinden stehen angesichts zurückgehender Mitgliederzahlen vor dem Problem, über zu viele Kirchenräume zu verfügen. Der Dekan erstellte eine Liste nach der Bedeutung der Kirchen und anderer Gebäude seiner Gemeinde: ganz oben Reutlingens prominentestes Gotteshaus – die Marienkirche, ganz unten die Leonhardskirche. Sie war 1894 als Ausweichgebäude für die im Umbau befindliche Marienkirche errichtet worden.

Damals hieß es, dass sie nur sechs Jahrzehnte stehen bleiben sollte. Entsprechend einfach fiel die Ausführung des Baus aus. Die Isolierung ist mangelhaft, auf Kellerräume wurde verzichtet, Gasöfen unterhalb der Fenster erzeugten etwas Wärme. Eine gründliche Sanierung war seit Langem überfällig. „Das hätte uns aber überfordert“, sagt der Dekan. Für den Gottesdienst wird der Bau nicht mehr benötigt. Schließlich ist die Marienkirche zu Fuß binnen weniger Minuten zu erreichen. Den Denkmalschutz interessiert die Liste des Dekans allerdings nicht. Die Behörde begutachtet nur den Einzelfall. Nach vielen Gesprächen verschiedener Gremien von Kirche, Denkmalamt und Stadt wurde entschieden, dass ein Abriss nicht infrage kommt. Die Gemeinde suchte nach einer anderen Lösung. „Schließlich soll nicht die gesamte Kirchensteuer für den Erhalt der Kirchen draufgehen“, umreißt Dekan Mohr die Ausgangslage.

Die Gemeinde beschloss den Verkauf und gewann die Rall GmbH als Makler, der Kirche und Nachbargrundstück als Einheit anbieten sollte. Letztlich fand sich nur ein Interessent – Rall selbst kaufte die Immobilie für eine halbe Million Euro. „Damit bin ich sehr zufrieden“, sagt der Dekan. Nun entscheidet der Investor über die Zukunft des Kirchengebäudes – wiederum in enger Absprache mit dem Denkmalschutz.

Kommentare (6)
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FEB
14
IRRENARZT, 14:32 Uhr

Denkmalschutz?

Zur Bausubstanz dieses Gebäudes stand ja schon alles Wesentliche im Artikel. Wie man auf dem Foto sieht, ist es tatsächlich einer dieser typischen, rasch hingezimmerten Nachkriegsbauten. Irgendwie scheinen die Denkmalschützer in Reutlingen auswetzen zu wollen, was sie in Stuttgart versemmeln. In Reutlingen sind sogar Löcher denkmalwürdig! "Altes Stollensystem macht Sorgen" http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt..91f28102-d706-485d-98da-b556c36f6cb4.html

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FEB
13
Veltliner, 07:27 Uhr

naja

denkmalschutz istja ganz schön, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass unter Anwednung der grundsätze des Rebmann-Haus-Urteils des VGH zu den Grundsätzen der ERhaltungspflicht eines Denkmaleigentümers, die Kirche stehen bleibt, wenn ihr Eigentümer es darauf ankommen läßt. Im Grunde ist es auch ein Irrsinn, den Erhalt eines Gebäudes zu verlangen, dessen Erbauer selber von dessen Vergänglichkeit (mit einer Lebensdauer von 60 Jahren) ausgingen und das Gebäude genau so ausgelegt haben.

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FEB
12
Benni, 21:42 Uhr

Traurig

@ Diakon Alex: In dem Punkt, dass es traurig ist, dass die Kirche in Deutschland schrumpft, geb ich dir absolut recht! Zur Pius-Bruderschaft speziell kann ich nichts sagen, das Hauptproblem, das ich beim Katholischen Glauben allgemein sehe, ist die Heiligenverehrung. Egal, darüber lässt sich streiten. Aber ich glaube, dieser Rückgang ist eine logische Folge von Fehlern, die BEIDE Kirchen gemacht haben. Grundsätze der Bibel wurden aufgeweicht und Traditionen, die nicht bibelbasiert sind, gefestigt. Vll sollte die Kirchen umdenken, sonst krepieren sie.

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