Interkulturellen Garten in Böblingen Die Hightechstadt soll grüner werden

Von  

Gleich zwei gärtnerische Projekte wollen den Industriestandort Böblingen begrünen: Der Integrationsbeirat plant einen interkulturellen Garten, und eine Bürgerinitiative will nach dem Vorbild der Stadt Andernach nun auch Böblingen zu einer „essbaren Stadt“ machen.

So wie der internationale Garten in Ditzingen könnte der Böblinger aussehen. Foto: factum
So wie der internationale Garten in Ditzingen könnte der Böblinger aussehen. Foto: factum

Böblingen - Gärtnern verbindet Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. Wer gemeinsam Gemüse sät, Obst erntet und Unkraut zupft, kommt sich auf unkomplizierte Weise näher. Spätestens, wenn man die geernteten Früchte teilt.

Diese Erfahrung haben viele Integrationsprojekte bundesweit gemacht, darunter beispielsweise der Bürgergarten im Stuttgarter Stadtteil Hallschlag, die „bunten Gärten“ in der Esslinger Pliensauvorstadt, der internationale Garten in Ditzingen und jüngst auch ein interkulturelle Garten in Filderstadt. Im Böblinger Integrationsbeirat denkt man ebenfalls schon länger über ein solches Projekt nach. Bei der Ehrenamtsbörse im April haben die Mitglieder des Beirates deshalb gezielt mit der Idee eines Gemeinschaftsgartens geworben – und auf Anhieb mehr als zwei Dutzend Interessenten gefunden. Bei einem zweiten Treffen nach den Ferien soll es nun an die konkrete Planung gehen.

Ein Grundstück ist schon gefunden

Geboren worden ist die Idee aus einem Haushaltsantrag der CDU-Gemeinderatsfraktion, sagt die Integrationsbeauftragte Martina Hohberg. Sie hat innerhalb der Verwaltung auch schon um Unterstützung geworben. „Die Stadt würde ein Grundstück zur Verfügung stellen“, sagt sie und schwärmt: „Es ist zentral und toll gelegen, mitten in einem Wohngebiet.“ Wo es genau liegt, will sie allerdings erst verraten, wenn der Verwaltungsausschuss nach der Sommerpause über das Konzept beraten hat.

Tatsächlich hat die Gruppe noch viel Arbeit vor sich. Sie kann zwar wie viele andere Initiativen auf die finanzielle Unterstützung durch die bundesweit tätige Stiftung Interkultur setzen – allerdings nur, wenn das Projekt von einem gemeinnützigen Träger organisiert wird. Dieser Verein muss aber erst noch gegründet werden.

Anregungen aus den Gärten der Region

Außerdem müssen sich die Gärtner in spe einig werden, wie sie ihr Grundstück nutzen wollen. Ein Teil von ihnen träumt eher von einem grünen Erholungsort wie dem Weißenburgpark in Stuttgart, der sich für Meditation und Tai Chi unter freiem Himmel eignet. Die anderen würden lieber die Ärmel hochkrempeln, um Gemüse und Obst aus der Heimat anzupflanzen, das es hier nicht zu kaufen gibt. Martina Hohberg plant nun als erstes eine Exkursion zu verschiedenen Projekten in der Region, damit die Böblinger sich Anregungen für ihren Garten holen können.

Tatsächlich ist der Integrationsbeirat nicht allein mit seinen Plänen – auch Maria Kiermasch, die Mitbegründerin des ersten Böblinger Selbsterntegartens (wir berichteten), schmiedet mit Gleichgesinnten neue Pläne. Sie nehmen sich die Stadt Andernach zum Vorbild und wollen mit einer parteilosen Initiative aus Böblingen eine „essbare Stadt“ machen. „Wir wollen den sozialen Zusammenhalt stärken“, sagt Kiermasch, die sich eine bunte Mischung von Bürgerprojekten vorstellt.

Andernach hat gute Erfahrungen mit Gemüse gemacht

Andernach hat bereits im Jahr 2008 mit einem dauerhaft bepflanzten Garten experimentiert. Zwei Jahre später bepflanzten die Mitarbeiter der Stadt erstmals die öffentlichen Grünflächen nicht mehr mit Blumen, sondern mit Gemüse. Auf Stiefmütterchen folgten Tomaten, und zwar schon im ersten Jahr allein 101 verschiedene Sorten. Weil die Pressemitteilung dazu am 1. April veröffentlicht wurde, hielten es viele zunächst für einen Scherz. Doch der Verwaltung war es damit ernst: Das Motto für die städtischen Flächen lautet nicht „Betreten verboten“, sondern „Pflücken erlaubt.“ Wo die Bürger abgeerntet haben, wird den ganzen Sommer nachgepflanzt.

Gemüsebeete sind billiger als Blumen

Das Experiment habe der Stadt viel Aufmerksamkeit beschert, sagt die Verwaltungschefin Barbara Vogt. Sogar aus Neuseeland hat sie Anrufe von Kommunen erhalten. Auch auf den Tourismus habe sich das Bepflanzungskonzept ausgewirkt, sagt Vogt. Früher sei der Andernacher Geysir mit bis zu 120 000 Besuchern pro Jahr der Publikumsmagnet gewesen. Heute läuft ihm das Gemüse fast schon den Rang ab.

Dass man in Andernach beim Grillen im Park nach der Beilage suchen kann, hat noch einen anderen Nebeneffekt: Es gibt keinen Vandalismus mehr. „Klar liegt manchmal ein Bonbonpapier herum“, sagt Barbara Vogt, „ansonsten geht der Unrat gegen Null.“ Insgesamt spart Andernach mit dem Konzept offenbar Geld: Eine erste Schätzung für einen Kongress im Juni kam zu dem Ergebnis, dass die Gemüsebeete – vom ersten Jahr abgesehen – nur ein Fünftel der Blumen kosten. Vielleicht ist das ein Argument, das auch den Böblinger Oberbürgermeister Wolfgang Lützner überzeugt. Von Maria Kiermasch angesprochen, zeigte er sich offenbar skeptisch. „Aber wir hoffen, dass er sich noch überzeugen lässt“, sagt die Agrarwissenschaftlerin.