Industriespionage "Mehr auf die Sicherheit achten"
Ulrich Schreyer, vom 17.03.2010 19:32 Uhr
Hightechprodukte wie spezielle Oberflächen von Chips sind für Industriespione interessante Objekte. Foto: dpa
Stuttgart - Der Mann trug keinen Schlapphut, und er kam nicht aus der Kälte. Er saß im warmen Büro in einem weichen Sessel, die Tarnung war perfekt. Mitarbeiter, vor allem solche aus den Topetagen, die wirklich etwas erfahren, können für Firmen ein Sicherheitsrisiko sein. Geht es um das Ausspionieren und die Weitergabe von Betriebsgeheimnissen, sind vor allem die eigenen Mitarbeiter von Unternehmen am Werk. 70 Prozent der Wirtschaftsstraftäter kommen aus den eigenen Reihen. Dies ist das Ergebnis der jüngsten Studie des Sicherheitsforums Baden-Württemberg.
Jede fünfte Straftat, so der Zusammenschluss von Behörden, Firmen und Verbänden, geht auf das Konto von Topmanagern. In jedem dritten Fall ist nach den Erkenntnissen der Sicherheitsexperten ein Mitarbeiter aus dem mittleren Management an finsteren Machenschaften beteiligt. Die Schäden reichen nach den Angaben der Studie von 10.000 Euro bis zu mehr als zwei Millionen Euro, fast 40 Prozent der befragten Unternehmen wurden in den vergangenen vier Jahren Opfer von Industriespionage. Gerade Baden-Württemberg mit seiner großen Zahl an forschungsintensiven Unternehmen ist dabei offenbar ein attraktives Betätigungsfeld.
Mitarbeiter agieren aus Frust
Jedes dritte Unternehmen etwa verfügt über Patente, ohne diese aber ausreichend zu schützen. "Die Unternehmen wissen oft gar nicht, welche Schätze sie haben", meint ein Mitarbeiter des baden-württembergischen Innenministeriums. Teilweise, so seine Erfahrung, locke die Verräter Geld, oft spiele aber auch Rache für Frust im Unternehmen eine Rolle. "Je weniger sich die Mitarbeiter mit ihrer Firma identifizieren, desto größer ist die Gefahr", sagt der Mann aus dem Ministerium. Die Schaffung eines Klimas, in dem sich die Beschäftigten mit ihrer Firma identifizierten, sei eine Abwehrstrategie.
Zudem könne auch ein Sicherheitsbeauftragter eingesetzt werden - wobei aber sichergestellt werden müsse, dass sich kein Denunziantentum breitmache. "Die Unternehmen könnten mehr tun. Aber sie müssen sich auch fragen, welcher Aufwand sich für welches Risiko lohnt", sagt der Mitarbeiter des Innenministeriums, das die Studie zusammen mit dem Wirtschaftsministerium veröffentlicht hat.
Firmen oft "zu blauäugig"
Gerade kleine Unternehmen, die technologische Höchstleistungen hervorbringen, seien "oft zu blauäugig", meint Andreas Richter, der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Stuttgart. Besonders lukrativ sei es für die Kriminellen, nicht nur Produkte, sondern ganze Verfahrenstechniken auszuspionieren", sagt Richter, dessen Kammer Unternehmen auch in Sicherheitsfragen berät. Vor allem Wettbewerber "aus dem In- und Ausland", wie es im Ministerium heißt, interessieren sich für Firmengeheimnisse.
Auf Spuren fremder Geheimdienste stoße man dagegen weniger - was nicht heißt, dass solche nicht auch aktiv wären. "Aber die arbeiten eben sehr professionell und sind schwer zu entdecken". Wettbewerber, "aber auch Nachrichtendienste von verschiedenen Staaten" sind an Geheimnissen von Unternehmen aus dem deutschen Südwesten höchst interessiert. "Auch von Staaten, die mit uns auf politischer Ebene freundschaftlich verbunden sind", wie Richter meint. Es gibt eben nicht nur Liebesgrüße aus Moskau.
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