Infektionen Kampf gegen resistente Keime
Tanja Volz, 18.08.2010 19:31 Uhr
 Foto: dpa
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Stuttgart - Lange Zeit fühlte sich der Mensch gewappnet gegen jede Art von Erreger. Schließlich gab es die medizinischen Wunderwaffen in Form von Antibiotika. Doch seit einigen Jahren weiß man, dass diese Allzweckwaffe versagt. Immer mehr Bakterien werden gegen immer mehr Medikamente immun. Die Bakterien haben sich mit den antibiotisch wirkenden Substanzen arrangiert: Sie schützen sich mit dicken Außenhüllen, pumpen die Wirkstoffe aus dem Inneren der Zelle wieder hinaus oder zerstören die Substanzen vor Ort. Hat man sich einen resistenten Keim eingehandelt, wird man ihn so schnell nicht wieder los. Das wird vor allem in Kliniken oder Pflegeheimen zum Problem. Im heimischen Umfeld allerdings muss sich ein gesunder Mensch vor diesen Keimen nicht fürchten: Zum einen überleben viele der resistenten Keime in der Umwelt in Konkurrenz zu ihren natürlichen, nicht veränderten Verwandten nicht so gut; zum zweiten kann sich ein funktionierendes Immunsystem gegen diese Eindringlinge wehren.

Die Liste der resistenten Keime wird immer länger. Neu dazugekommen ist ein von den Medien so bezeichnetes Superbakterium mit dem Namen NDM-1 (Neu-Delhi-Metallo-Beta-Laktamase). Genauer gesagt handelt es sich dabei um eine resistente Genvariante, die von einer Bakterienart zur nächsten weitergegeben werden kann. Gefunden wurde die Veränderung beim Darmbakterium Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae, das beispielsweise Lungenentzündungen auslösen kann. NDM-1 wurde in den USA, in Australien und in Deutschland beschrieben. Belgische Medien melden, wie bereits berichtet, einen Todesfall. Eine außergewöhnliche Bedrohung sehen die Gesundheitsbehörden jedoch nicht. Das in Deutschland zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) schätzt, dass NDM-1 in Deutschland insgesamt noch sehr selten auftreten. Dies liegt vermutlich am Übertragungsweg: Die Patienten haben sich wohl bei Operationen in Indien oder Pakistan angesteckt, wo die Keime mittlerweile häufig vorkommen.

Ein fast unlösbares Problem?


Kopfzerbrechen bereiten den Medizinern seit einigen Jahren einige andere Keime, die auf Antibiotika nicht mehr ansprechen. Sie haben komplizierte Namen, wie etwa Staphylococcus aureus, ein normalerweise harmloser Bewohner der menschlichen Schleimhäute. Schon vor Jahren haben sich die ersten Bakterienstämme entwickelt, die besonders widerstandsfähig sind: Man nennt sie MRSA, Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus. Sie werden durch das Antibiotikum Methicillin nicht abgetötet. Mittlerweile können sich die Bakterien auch gegen gängige Mittel wie etwa Cephalosporine oder Penizilline wehren, daher sprechen manche Experten umgangssprachlich von multiresistenten Staphylokokken.

Das ist problematisch, da diese Mittel bei Staphylokokken als Standardtherapie eingesetzt werden. Es gibt zwar noch sogenannte Antibiotika der zweiten oder dritten Generation als Notlösung, doch sollten sich gegen diese Substanzen ebenfalls Resistenzen bilden, stünde man vor einem fast unlösbaren Problem. Denn bei kranken oder geschwächten Menschen verursacht der Erreger lebensgefährliche Lungenentzündungen, lässt Wunden nicht mehr heilen oder verursacht Blutvergiftungen. In den USA sterben jedes Jahr fast 20.000 Patienten an diesem Erreger.

Zuviel Antibiotika ist fahrlässig


Auf Intensivstationen verbreiten sich inzwischen zudem Bakterien namens Acinetobacter baumannii. Vor einigen Monaten brachte ein multiresistenter Stamm im Krankenhaus Heilbronn den Betrieb fast komplett zum Erliegen. Sehr häufig ist inzwischen auch Clostridium difficile. 20 bis 40 Prozent der Patienten in Kliniken sind mit diesem Keim infiziert. Normalerweise lebt dieses Bakterium zusammen mit anderen Artgenossen unauffällig im Darm. Werden jedoch die anderen Bakterien beispielsweise durch die Einnahme von Antibiotika oder eine Chemotherapie dezimiert, vermehrt sich Clostridium difficile schlagartig und bildet giftige Substanzen.

Momentan gibt es keine neuen Antibiotika. Man ist auf die vorhandenen, noch wirksamen angewiesen. Es ist daher fahrlässig, da sind sich Bakteriologen einig, dass diese Mittel ständig verordnet werden: bei Schnupfen oder Grippe etwa wirken sie gar nicht, da diese Erkrankungen durch Viren ausgelöst werden. Dies gilt auch für Probleme mit dem Magen-Darm-Trakt. Vor einer Behandlung sollten die krankheitsauslösenden Bakterien mit einem mikrobiologischen Test identifiziert werden. Dann kann das richtige Antibiotikum verordnet werden.
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