Informationskompetenz?
Wer googelt, der findet
Matthias Ring,
12.02.2010 07:29 Uhr
Das Vertrauen in die Suchmaschine ist groß. Foto: apd
Stuttgart - Alle Welt redet von der Medienkompetenz, deren Bedeutung stetig steigt und deren Förderung im Koalitionsvertrag festgeschrieben ist. Weniger populär ist die Informationskompetenz, was nicht das Gleiche ist wie Medienkompetenz. Die verwandten Begriffe überschneiden und ergänzen sich zwar in manchen Bereichen, spitzfindig könnte man aber auch sagen, dass sie sich in Teilen sogar ausschließen.
"Die (un)erträgliche Leichtigkeit des Googelns - Informationskompetenz in Bildung, Beruf und Gesellschaft", lautete ein Vortrag von Luzian Weisel vom Fachinformationszentrum Karlsruhe. Der Arbeitskreis für Information Stuttgart hatte den Experten eingeladen, der zugleich Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis (DGI) ist. Das Thema ist wichtig, scheint es doch in Sachen Informationskompetenz nicht zum Besten zu stehen in unserer Wissensgesellschaft, in der die Bedeutung von Bildung in vielen Sonntagsreden so gerne betont wird. Das Problem mit dem Wissen, genauer gesagt mit dem Informationsvolumen, ist, dass es sich alle fünf Jahre verdoppelt. Da stöhnte jüngst auch der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher: "Mein Kopf kommt nicht mehr mit."
Wer weiß schon noch, was er wissen muss und was nicht? Und die entscheidende Frage lautet: Wie kommt man an welches Wissen heran? Im Zeitalter des Internets scheint sich jedem alles anzubieten - zumindest in demokratischen Gesellschaften, in denen das Netz nicht zensiert ist und sich auch die sogenannte Schwarmintelligenz ungehindert ausbreiten kann.
Ob die Gemeinschaft aber so klug wie der Klügste ist oder nicht doch so schwach wie das schwächste Glied in der Kette? Jedenfalls unterliegen viele dem Trugschluss, dass das Internet immer recht hat und dass das, was in Wikipedia steht, vertrauenswürdig ist. Googeln ist zu einem Synonym für Recherchieren und Überprüfen geworden, nach dem Motto: Wer sucht, der findet. Aber, so fragt Luzian Weisel: "Finde ich auch das, wonach ich suche?" Und noch wichtiger: "Finde ich auch das, wonach ich nicht gesucht habe, aber benötige?"
Bei allen praktischen Vorteilen, die Google und andere populäre Suchmaschinen bieten, denen täglich vier Milliarden Anfragen gestellt werden, breite sich eine Trivialisierung des Rechercheverhaltens aus, gibt der Informationsexperte zu bedenken. Viel zu oft gebe man sich mit den oft manipulierten höchsten Treffern zufrieden. Zudem toleriere man vieldeutige anstatt eindeutige Ergebnisse und überprüfe Inhalte nicht auf ihre Qualität. So ist die Gefahr groß, dass man schlussendlich zu der falschen Folgerung kommt: Was ich nicht finde, existiert auch nicht. Suchmaschinen wie Google aber erfassen nur die Hälfte aller Webseiten, einige sehen das unsichtbare Netz sogar bedeutend größer und sprechen von weniger als drei Prozent.
Nicht auf dem Schirm sind manche Dienste kommerzieller Anbieter und Datenbanken von großen Institutionen. Hier nun kommen die Fachleute und Bibliotheken ins Spiel, deren Aufgabe es ist, den Informationsbedarf zu erkennen und nach strengen Kriterien zu bearbeiten. Diese besagen unter anderem: Die in primär und sekundär unterschiedenen Quellen müssen zuverlässig sein und einer kritischen Bewertung unterliegen. Auch Begriffe wie Vollständigkeit, Präzision, Vorhersagbarkeit, Langzeitbeständigkeit spielen im Informationsgeschäft eine Rolle. Geschäft deswegen, weil Information durchaus etwas kosten darf, etwas wert sein muss - was dem frei verfügbaren Prinzip von Google und Co. widerspricht, das auch zu einer Copy-and-Paste-Mentalität geführt hat.
"Zusammengegoogelte" Hausarbeiten, also aus Internet und Wikipedia herauskopierte Schriften, überschwemmen die Institutionen. Der Skandal um die junge Starautorin Helene Hegemann beweist, dass dieses Sich-einfach-aus-dem-Netz-Bedienen auch die Belletristik unterwandert.
Wie groß der Aufklärungsbedarf bei der Wissensbeschaffung ist, zeigt eine 2009 veröffentlichte Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen zum Stand der "Informationskompetenz in Deutschland". So gab es bei einer Befragung von Schülern und Studenten von 504 Nennungen 429 auf Internetangebote und elektronische Dienste, aber nur 33 auf Bücher und Fachliteratur und zwei auf Zeitschriften. 30,6 Prozent der Befragten beschränkten sich bei der Recherche ganz auf Google, wobei das Vertrauen in die Suchmaschine sehr groß war. Bei nicht zufriedenstellenden Ergebnissen wechselten nur 10,4 Prozent den Anbieter, 81,3 Prozent modifizierten die Anfrage und nur 2,3 Prozent wichen auf bibliothekarische Systeme aus.
Aufseiten der Lehrkräfte sieht es kaum besser aus. So haben im Rahmen einer Lehrerfortbildung in Marburg die Bibliothekare festgestellt, dass nur die Hälfte den OPAC (Online Public Access Catalogue) der Bibliothek kannte und regelmäßig für ihre Unterrichtsvorbereitung googelte. Eine ähnliche Veranstaltung in Osnabrück zeigte, dass nur zehn Prozent der Lehrer im Umgang mit OPAC und Internet sicher waren. Insofern ist die Offensive von Luzian Weisel und der DIG, die mit einer Fülle von Maßnahmen in verschiedensten Institutionen ansetzt, sehr berechtigt.
Vor allem bei jungen Menschen muss möglichst früh ein Bewusstsein für den sensiblen Umgang mit Informationen - auch über sich selbst - geschaffen werden. Schließlich besitzen 57 Prozent der 12- bis 13-Jährigen einen Computer, mehr als 70 Prozent surfen regelmäßig. Angesichts dieser Problematik sei Luzian Weisel auch ein Wortungetüm verziehen, das bisher eher durch Edmund-Stoiber-Parodien präsent war, das es aber laut Wikipedia offiziell gibt: die Kompetenz-Kompetenz. Weisel jedenfalls spricht schon seit 2001 von der "Informationskompetenz-Kompetenz".
"Die (un)erträgliche Leichtigkeit des Googelns - Informationskompetenz in Bildung, Beruf und Gesellschaft", lautete ein Vortrag von Luzian Weisel vom Fachinformationszentrum Karlsruhe. Der Arbeitskreis für Information Stuttgart hatte den Experten eingeladen, der zugleich Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis (DGI) ist. Das Thema ist wichtig, scheint es doch in Sachen Informationskompetenz nicht zum Besten zu stehen in unserer Wissensgesellschaft, in der die Bedeutung von Bildung in vielen Sonntagsreden so gerne betont wird. Das Problem mit dem Wissen, genauer gesagt mit dem Informationsvolumen, ist, dass es sich alle fünf Jahre verdoppelt. Da stöhnte jüngst auch der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher: "Mein Kopf kommt nicht mehr mit."
Wer weiß schon noch, was er wissen muss und was nicht? Und die entscheidende Frage lautet: Wie kommt man an welches Wissen heran? Im Zeitalter des Internets scheint sich jedem alles anzubieten - zumindest in demokratischen Gesellschaften, in denen das Netz nicht zensiert ist und sich auch die sogenannte Schwarmintelligenz ungehindert ausbreiten kann.
Trivialisierung des Rechercheverhaltens
Ob die Gemeinschaft aber so klug wie der Klügste ist oder nicht doch so schwach wie das schwächste Glied in der Kette? Jedenfalls unterliegen viele dem Trugschluss, dass das Internet immer recht hat und dass das, was in Wikipedia steht, vertrauenswürdig ist. Googeln ist zu einem Synonym für Recherchieren und Überprüfen geworden, nach dem Motto: Wer sucht, der findet. Aber, so fragt Luzian Weisel: "Finde ich auch das, wonach ich suche?" Und noch wichtiger: "Finde ich auch das, wonach ich nicht gesucht habe, aber benötige?"
Bei allen praktischen Vorteilen, die Google und andere populäre Suchmaschinen bieten, denen täglich vier Milliarden Anfragen gestellt werden, breite sich eine Trivialisierung des Rechercheverhaltens aus, gibt der Informationsexperte zu bedenken. Viel zu oft gebe man sich mit den oft manipulierten höchsten Treffern zufrieden. Zudem toleriere man vieldeutige anstatt eindeutige Ergebnisse und überprüfe Inhalte nicht auf ihre Qualität. So ist die Gefahr groß, dass man schlussendlich zu der falschen Folgerung kommt: Was ich nicht finde, existiert auch nicht. Suchmaschinen wie Google aber erfassen nur die Hälfte aller Webseiten, einige sehen das unsichtbare Netz sogar bedeutend größer und sprechen von weniger als drei Prozent.
Nicht auf dem Schirm sind manche Dienste kommerzieller Anbieter und Datenbanken von großen Institutionen. Hier nun kommen die Fachleute und Bibliotheken ins Spiel, deren Aufgabe es ist, den Informationsbedarf zu erkennen und nach strengen Kriterien zu bearbeiten. Diese besagen unter anderem: Die in primär und sekundär unterschiedenen Quellen müssen zuverlässig sein und einer kritischen Bewertung unterliegen. Auch Begriffe wie Vollständigkeit, Präzision, Vorhersagbarkeit, Langzeitbeständigkeit spielen im Informationsgeschäft eine Rolle. Geschäft deswegen, weil Information durchaus etwas kosten darf, etwas wert sein muss - was dem frei verfügbaren Prinzip von Google und Co. widerspricht, das auch zu einer Copy-and-Paste-Mentalität geführt hat.
Viele Hausarbeiten werden aus dem Internet zusammenkopiert
"Zusammengegoogelte" Hausarbeiten, also aus Internet und Wikipedia herauskopierte Schriften, überschwemmen die Institutionen. Der Skandal um die junge Starautorin Helene Hegemann beweist, dass dieses Sich-einfach-aus-dem-Netz-Bedienen auch die Belletristik unterwandert.
Wie groß der Aufklärungsbedarf bei der Wissensbeschaffung ist, zeigt eine 2009 veröffentlichte Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen zum Stand der "Informationskompetenz in Deutschland". So gab es bei einer Befragung von Schülern und Studenten von 504 Nennungen 429 auf Internetangebote und elektronische Dienste, aber nur 33 auf Bücher und Fachliteratur und zwei auf Zeitschriften. 30,6 Prozent der Befragten beschränkten sich bei der Recherche ganz auf Google, wobei das Vertrauen in die Suchmaschine sehr groß war. Bei nicht zufriedenstellenden Ergebnissen wechselten nur 10,4 Prozent den Anbieter, 81,3 Prozent modifizierten die Anfrage und nur 2,3 Prozent wichen auf bibliothekarische Systeme aus.
Aufseiten der Lehrkräfte sieht es kaum besser aus. So haben im Rahmen einer Lehrerfortbildung in Marburg die Bibliothekare festgestellt, dass nur die Hälfte den OPAC (Online Public Access Catalogue) der Bibliothek kannte und regelmäßig für ihre Unterrichtsvorbereitung googelte. Eine ähnliche Veranstaltung in Osnabrück zeigte, dass nur zehn Prozent der Lehrer im Umgang mit OPAC und Internet sicher waren. Insofern ist die Offensive von Luzian Weisel und der DIG, die mit einer Fülle von Maßnahmen in verschiedensten Institutionen ansetzt, sehr berechtigt.
Vor allem bei jungen Menschen muss möglichst früh ein Bewusstsein für den sensiblen Umgang mit Informationen - auch über sich selbst - geschaffen werden. Schließlich besitzen 57 Prozent der 12- bis 13-Jährigen einen Computer, mehr als 70 Prozent surfen regelmäßig. Angesichts dieser Problematik sei Luzian Weisel auch ein Wortungetüm verziehen, das bisher eher durch Edmund-Stoiber-Parodien präsent war, das es aber laut Wikipedia offiziell gibt: die Kompetenz-Kompetenz. Weisel jedenfalls spricht schon seit 2001 von der "Informationskompetenz-Kompetenz".
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Spaß am Suchen?
1. Man sollte nicht gleich das Kind mit dem Bad ausschütten: Es gibt durchaus Untersuchungen, in denen herausgefunden wurde, dass "User" im privaten Bereich sehr wohl wissen, was sie suchen und es auch finden. Sie brauchen dazu keine "Führerscheinkurse" in der Stadtbibliothek oder Volkshochschule. Google beobachtet sehr genau das Suchverhalten von Kindern und Jugendlichen und reagiert darauf mit Verbesserungen. 2. Klappern gehört zum Handwerk! Dass Bibliothekare und Informationsdienstleister Alarm schlagen, liegt auch daran, dass es um Arbeitplätze geht. Dass Bibliothekare Spaß am Suchen haben, ist nachvollziehbar. Es müssen aber nicht alle User und schon gar nicht alle Schüler und Studenten zu kleinen Bibliothekaren ausgebildet werden. Wer sich einmal mit Universitätsbibliothekskatalogen oder Stadtbibliotheks-OPACS herumgeschlagen hat, für den ist Google eine Offenbarung. 3. Bibliotheks-OPACS, die so attraktiv wie Google sind, gibt es allenfalls in Beta-Versionen. Datenbanken, die so sorgfältig erarbeitet und lektoriert sind wie Sach- und Fachbücher, gibt es in deutschen Schulen nicht, weil kein Geld für die Lizenzen da ist. Es würde am Google-Hype aber auch nichts ändern, wie man dort sieht, wo diese Datenbanken in den Schulen vorhanden sind, z. B in USA. Einen Versuch wert sind Lernräume (Wissenszentren, Medienzentren, Schulbiotheken) in Schulen, in denen Schülerinnen und Schüler über Jahre hinweg kontinuierlich und in allmählich wachsendem Umfang lernen, ALLE Medien, auch Bücher, kompetent zu nutzen. Da wären dann auch Informationsspezialisten (reference librarians) im Unterricht und Schulalltag nützlich.