Inklusion „Es gibt immer noch viele Vorbehalte“

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Mehr Selbstbestimmung und mehr Teilhabe soll behinderten Menschen ermöglicht werden. Es ist ein weiter Weg bis dahin, sagt Friedrich Müller vom Verein Aktive Behinderte.

Friedrich Müller kämpft für ein behindertenfreundlicheres Stuttgart. Foto: Factum/Weise
Friedrich Müller kämpft für ein behindertenfreundlicheres Stuttgart. Foto: Factum/Weise

Stuttgart - Die Landeshauptstadt hat sich dem Thema Inklusion verschrieben. Wie steht es bis jetzt darum? Es hat sich einiges gebessert in den vergangenen zehn Jahren, sagt Friedrich Müller. Doch der Vorsitzende des Vereins Aktive Behinderte in Stuttgart stellt auch fest: die Barrieren gegenüber Behinderten in den Köpfen der Menschen sind noch hoch.


Herr Müller, Sie sind schwerbehindert und Sie haben dennoch eine reguläre Arbeitsstelle. Das ist nicht ganz gewöhnlich?
Es ist in der Tat schwierig, als Schwerbehinderter eine Arbeit zu bekommen. Auch meine Erwerbsbiografie weist einige Brüche auf. Ich denke, mit meiner Qualifikation hätte ich sicher auch andere Stellen bekommen können, die mir wegen meiner Behinderung nicht eröffnet wurden.

Aber anders als andere Behinderte haben Sie es immerhin überhaupt geschafft.
Auch heute haben es viele Schwerbehinderte auf dem ersten Arbeitsmarkt immer noch sehr schwer, auch wenn es in den vergangenen zehn Jahren etwas besser geworden ist. Es wird den Firmen zu leicht gemacht, sich dem Thema durch eine recht geringe Ausgleichsabgabe zu entziehen. Grundsätzlich bekommt man leichter eine Lehrstelle als eine Festanstellung. Die Vorbehalte sind immer gleich: hohe Fehlzeiten, Minderleistungen. Aber das wird überbewertet und kann durch unterstützende Maßnahmen ausgeglichen werden.

Das Angebot an Arbeit ist ein Indiz dafür, wie eine Gesellschaft mit Behinderten umgeht. Wie ist die Lage heute im Allgemeinen?
Beruflich wie privat sehe ich das sehr differenziert. Manchmal bin ich erstaunt, wie aufgeschlossen Menschen sind, wenn man auf sie zugeht. Auf der anderen Seite stelle ich natürlich oft fest, wie viele Vorbehalte es doch noch gibt. Wir sagen in der Behindertenbewegung: die schlimmsten Barrieren sind in den Köpfen der Menschen. Wir informieren zum Beispiel jedes Jahr auf der CMT über barrierefreies Reisen. Da sagen viele erstaunt: Was, Behinderte können reisen? Viele Menschen können sich nicht in die Lage von Behinderten versetzen. Man muss sich manchmal schon deutlich artikulieren, dass man gleichberechtigt behandelt und in seiner Würde geachtet wird.

Was ist in den vergangenen Jahren zu Gunsten von Behinderten getan worden?
Als ich vor zwei Jahrzehnten nach Stuttgart gekommen bin, war im öffentlichen Nahverkehr noch so gut wie nichts barrierefrei. Daran hat sich einiges geändert. Heute sind viele Stadt- und S-Bahnen barrierefrei. Aber das gilt noch immer nicht für alle Haltestellen. Auch die Buslinien werden sukzessive mit Niederflurbussen ausgestattet, die eine stufenlose Rampe haben.

Wo sind noch die größten Hürden?
Die größten baulichen Barrieren finden sich an sehr alten Gebäuden, auch in der Stadtverwaltung, weil an diesen die Richtlinien der Landesbauordnung noch nicht umgesetzt worden sind oder manchmal auch nicht umgesetzt werden können.

Seit einiger Zeit bringt das Thema Inklusion neue Bewegung in die Debatte über bessere Lebensbedingungen für Behinderte in der Gesellschaft. Was erwarten Sie?
In der Politik wird der Begriff vor allem in Hinsicht auf inklusive Bildung verwendet, also dass Kinder gleich welcher Behinderung in Kindergarten oder Schule mit Nichtbehinderten betreut oder ausgebildet werden sollen. Dahin ist es noch ein langer Weg. Inklusion bedeutet den Einschluss aller in allen gesellschaftlichen Bereichen. Und zwar in dem Sinne, dass sich die Rahmenbedingungen den Individuen anzupassen haben und nicht umgekehrt wie bei der Integration, dass das Individuum sich der Gesellschaft anpassen muss.

Was bedeutet das konkret?
Dass zum Beispiel öffentliche Gebäude und ihr Umfeld von Anfang an barrierefrei für behinderte und alte Menschen gestaltet werden. Das bedeutet für Verkehrs- und Stadtplaner, dass man von Anfang an ganzheitlich vorgeht bei solchen Projekten.

Ein großes Thema ist, dass große Behinderteneinrichtungen zu Gunsten von kleineren Einheiten an Bedeutung verlieren sollen.
Das ist ein wichtiges Stichwort, das langsam auch in das Blickfeld der Landesregierung kommt. Es besagt, dass die großen, sogenannten Komplexeinrichtungen – wie das Behindertenheim Markgröningen, wie die Stiftung Liebenau oder die Diakonie Stetten – im Rahmen von Konversionsprogrammen zumindest einmal dezentralisiert werden sollen. Dadurch würden die Menschen, die bisher auf der grünen Wiese weit abgeschieden gelebt haben, wieder näher an die Gesellschaft heranrücken. Wenn man einen radikalen Ansatz von Selbstbestimmung und Teilhabe verfolgt, dann müsste man eigentlich darauf hinwirken, dass diese großen Behinderteneinrichtungen ganz abgeschafft werden.

Geht das überhaupt?
Ich weiß, dass das nicht für alle Schwerbehinderten geht, aber man muss so weit wie möglich darauf hinarbeiten. Und wenn sich diese Komplexeinrichtungen dezentralisieren, muss man darauf achten, dass dort eine größtmögliche Selbstbestimmung verwirklicht wird, dass das nicht nur Heime auf dezentraler Ebene werden.

Kostet das nicht sehr viel?
Der Prozess der Konversion kostet erst einmal Geld, das ist immer so, wenn man etwas umstellt. Aber danach wird es billiger, die Kosten würden sich schnell amortisieren. Zum Teil wird das Kostenargument auch nur vorgeschoben. Entscheidend ist doch, dass Behinderte nicht mehr nur neben, sondern mitten in der Gesellschaft leben.

Ist die Gesellschaft schon so weit? Angesichts der Proteste, die es gegen den Bau einer Einrichtung im Muckensturm in Bad Cannstatt gab, hat man nicht den Eindruck.
Leider nicht, auch wenn sich einiges gebessert hat. Aber das ist ein langer Prozess, der aufgrund unserer geschichtlichen Vorbelastung noch etwas länger braucht als anderswo. Aber wir sind auf einem guten Weg. Deutschland hat ja die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert, die inklusive Ansätze fordert.

Sie und Ihre Mitstreiter vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben bilden unter den Behinderten immer noch die Ausnahme.
Ja, leider. Ich merke selbst: seit ich im Verein aktive Behinderte bin, seit ich diese Funktion habe und auch öffentlich auftrete, werde ich anders wahrgenommen. Man hat plötzlich ein ganz anderes Standing.

Verletzende Erfahrungen bleiben vermutlich aber auch Ihnen nicht erspart?
Natürlich, zum Beispiel neulich auf der CMT. Da kam eine evangelikale Diakonisse auf mich zu, die nur von mir wollte, dass ich den Evangeliumsrundfunk höre und bekehrt werde. Die ist auf mich zugekommen, weil sie meinte, ich bräuchte das besonders.

Worauf reagieren die Menschen im Umgang mit Behinderten besonders irritiert?
Wenn man über persönliche Bedürfnisse spricht. Da wissen sie einfach nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Zum Beispiel?
Mir persönlich macht zu schaffen, dass es mir, der ich doch ziemlich eloquent bin, dennoch nicht gelungen ist, eine funktionierende Beziehung aufzubauen. Als behinderter Mensch weiß man nie so recht: liegt das an meiner Behinderung oder an meiner Persönlichkeit? Damit haben viele Menschen mit Handicap zu kämpfen.
Die Fragen stellte Mathias Bury.