Studie zum gemeinsamen Lernen Schlechte Noten für die Inklusion

Von Maria Wetzel 

Die Lehrer fordern mehr Unterstützung für den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderungen. Nach einer neuen Studie im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) ist der Anteil derer, die Inklusion befürworten, seit 2015 von 66 auf 57 Prozent gesunken

Nicht alle Schulen sind für Rollstuhlfahrer zugänglich. Foto: dpa
Nicht alle Schulen sind für Rollstuhlfahrer zugänglich. Foto: dpa

Stuttgart - Die Mehrheit der Lehrer in Baden-Württemberg spricht sich für gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen aus. Allerdings vermissten viele Pädagogen an ihren Schulen förderliche Rahmenbedingungen, sagte der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand am Montag in Stuttgart bei der Vorstellung der Forsa-Studie. Sie kritisierten die schlechte personelle, finanzielle und räumliche Situation an ihren Schulen.

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17 Prozent der Befragten bemängelten, an den Regelschulen fehle Fachpersonal, 16 Prozent vermissen eine spezielle Qualifizierung der Pädagogen für die Inklusion. 15 Prozent halten die Ausstattung der Schulgebäude etwa mit Aufzügen, großen Klassenzimmern oder Rückzugsräumen für unzureichend, ebensoviele sind überzeugt davon, dass die Regelschule den erhöhten Förderbedarf gar nicht leisten kann. Zwölf Prozent meinen, dass im gemeinsamen Unterricht nichtbehinderte Schüler benachteiligt würden. Befragt wurden bundesweit 2050 Lehrer. Von den 500 Studienteilnehmern in Baden-Württemberg unterrichten 96 (19,2 Prozent) in inklusiven Lerngruppen. 38 Prozent sind an Schulen mit inklusiven Lerngruppen tätig.

Pädagogen fordern 2700 Extrastellen

Um die Situation zu verbessern, sind aus Sicht des VBE zusätzliche Lehrer notwendig. In 54 Prozent der inklusiven Lerngruppen unterrichtet in der Regel nur ein Lehrer. Um allen Kindern gerecht zu werden, müsse das Zwei-Pädagogen-Prinzip in allen Klassen gelten, forderte Brand. Dafür wären nach Berechnungen des VBE mindestens 2700 zusätzliche Sonderpädagogen notwendig. Zudem würden 2000 weitere Fachkräfte wie Schulpsychologen, Sozialarbeiter und Gesundheitsfachkräfte gebraucht. Die zusätzlichen Kosten bezifferte Brand auf 200 Millionen Euro pro Jahr.

Nachholbedarf sieht der VBE auch bei der Vorbereitung der Lehrer auf gemeinsamen Unterricht. 36 Prozent der Lehrer an den allgemeinen Schulen hätten angegeben, dass sie kein besonderes Vorgespräch geführt hätten, bevor sie eine inklusive Lerngruppe übernehmen sollten. Ein Grund sei, dass die Lehrerzuteilung häufig erst nach den Sommerferien abgeschlossen werde und Schulleiter erst dann entscheiden könnten, welcher Lehrer welche Aufgaben übernehmen soll. 28 Prozent der Lehrer in inklusiven Lerngruppen hätten zuvor keine Erfahrung im gemeinsamen Unterricht sammeln können.

Auch die Kommunen kritisierte Brand. Sie kämen der Aufgabe, die Schulen barrierefrei zu gestalten nicht schnell genug nach. Der Studie zufolge sind nur 18 Prozent der Schulen völlig barrierefrei, die Hälfte überhaupt nicht. Seit 2015 habe sich die Situation kaum verändert.

Kultusministeriingegen zwei Lehrer in allen Klassen

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) wies die Forderung, in inklusiven Klassen immer zwei Lehrer einzusetzen, zurück. „Wir wenden das Zwei-Pädagogen-Prinzip dort an, wo es pädagogisch sinnvoll ist“, so die Ministerin. Das Land habe den Bedarf an zusätzlichen Sonderpädagogen für inklusive Bildungsangebote erkannt und in den vergangenen zwei Jahren 400 zusätzliche Stellen geschaffen, weiter 160 seien für das nächste Schuljahr geplant. Um den Lehrerbedarf zu decken, würden Haupt- und Werkrealschullehrer entsprechend qualifiziert.

Der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht das alles nicht schnell genug. Seit 2015 seien die Qualifizierungsangebote für Hauptschullehrkräfte verschleppt worden. Nötig seien auch mehr Studienplätze sagte Landesschefin Doro Moritz.. „Es ist ein Skandal, wie die grün-schwarze Landesregierung mit den berechtigten Erwartungen der Eltern beim Thema Inklusion umgeht.“

Eltern vermissen klares Bekenntnis

Die Landesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam leben - gemeinsam lernen warf Politikern im Land und Bund vor, sich nicht klar zur inklusiven Bildung zu bekennen und die Umsetzung zu fördern. „Das ist acht Jahre nach Geltung der UN-Behindertenrechtskonvention ein Armutszeugnis“, kritisierte Projektleiterin Kirsten Ehrhardt. Auch wendeten „viele Lehrer noch immer zu viel Kraft für Zweifel, Skepsis und vor allem Widerstand auf, anstatt sich mit positiver Energie an die Umsetzung der Inklusion zu machen.“

Für die Arbeitgeber Baden-Württemberg ist die erfolgreiche Inklusion in der Schule Voraussetzung dafür, dass später der Einstieg in eine inklusive Ausbildung gelingen kann. „Wir wollen allerdings eine Inklusion mit Augenmaß. Die Qualität des Unterrichts darf niemals aus dem Blick geraten“, sagte Geschäftsführer Stefan Küpper. „Dafür bedarf es aber auch einer entsprechenden Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte.“

Wichtig sei auch, dass das Netz der bestehenden Förder- und Sonderschulen erhalten bleibe. Dafür sprechen sich auch 98 Prozent der befragten Lehrer aus.