Inklusion von Behinderten „Teilhabe wird ernster genommen als früher“

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Behinderte sollen nicht gesondert untergebracht werden, sondern am allgemeinen Leben teilhaben. Das wird aber noch dauern, sagt der Chef der Liga der freien Wohlfahrtspflege, Hansjörg Böhringer, im StZ-Interview. Und es sei nicht wegen eines Sparprogrammes.

Ziel von Inklusion ist, Menschen mit Behinderungen beim Lernen, Wohnen und Arbeiten so weit wie möglich in die allgemeine Lebenswirklichkeit zu integrieren. Foto: Michael Steinert
Ziel von Inklusion ist, Menschen mit Behinderungen beim Lernen, Wohnen und Arbeiten so weit wie möglich in die allgemeine Lebenswirklichkeit zu integrieren.Foto: Michael Steinert
Stuttgart – Die Liga der freien Wohlfahrtspflege kämpft – unter anderem – für die Teilhaberechte von Menschen mit Behinderungen. Seit Januar ist turnusgemäß Hansjörg Böhringer Vorsitzender der Liga. Er skizziert die Ziele und Probleme bei der Umsetzung der UN-Konvention.
Herr Böhringer, der Begriff Inklusion erlebt einen Boom. Denken Sie, dass er bis in die Tiefe der Gesellschaft vorgedrungen ist?
Das kann man schon sagen. Inklusion hat durch die UN-Konvention einen rechtlichen Rahmen bekommen. Eltern von Behinderten haben einen Rechtsanspruch auf Teilhabe beim Wohnen, in der Bildung und bei der Arbeit. Das gab es früher nicht.

Hat sich das rumgesprochen?
Es gibt Klagen von Eltern. Sie wollen Hilfen zur Teilhabe vor Gericht durchsetzen, zum Beispiel beim Übergang in die Regelschule. Da werden dann zum Beispiel Sozialpädagogen gefordert, die die behinderten Kinder betreuen. Ich habe gehört, dass so ein Fall gewonnen worden ist. Bisher gingen die Landkreise immer davon aus, dass sie gewinnen. Das wird auf Dauer nicht so sein.

Besteht für die Politik die Gefahr, dass sie getrieben wird?
Das ist die eine Seite. Zum anderen erlebt sie, dass sie nicht nur sparend mit den vorhandenen Einrichtungen umgehen kann. Wenn es die nicht mehr gäbe, müsste der Landkreis alles bezahlen. Die Vorstellung, dass Behindertenhilfe billiger wird, ist völlig absurd.

Wie funktioniert Inklusion?
Inklusion ist ein Prozess. Dass ein autistisches Kind auf die Regelschule geht, war früher nicht vorstellbar. Heute gibt es das. Aber es ist nicht einfach; das Kind muss von zwei Sozialpädagogen begleitet werden. Das Wissen über solche Abläufe ist nicht von einer Sekunde auf die andere verfügbar. Auf der anderen Seite haben Eltern von Behinderten auch Angst, dass ihre Kinder bei diesem Prozess auf der Strecke bleiben könnten. Gerade wenn gedacht wird, es müsste billiger sein, einen Behinderten auf der Regelschule mitlaufen zu lassen und in der Konsequenz die Qualität der Betreuung sinkt.

Inklusion ist also kein Sparprogramm.
Die Betreuung in den Schulen und die intensivere Betreuung in Wohneinrichtungen kosten richtig Geld. In manchen Landkreisen herrschen noch Illusionen, es werde künftig billiger. Das stimmt gewiss nicht.

Wo ist denn Inklusion bisher am weitesten vorangekommen?
Am weitesten ist man sicher beim Wohnen. Man kommt von Großeinrichtungen ab und geht in die Stadtteile. Die Lebenshilfe hat schon vor Jahren damit begonnen, kleinere Wohneinheiten zu schaffen. Aber das geht nicht für alle. Viele Behinderte sind in einer Einrichtung beheimatet, wenn sie zehn, zwanzig Jahre dort gelebt haben. Die können nicht einfach verpflanzt werden. In der Schule sind wir am Anfang. Die Sonderschulen für Behinderte werden wir sicher noch lange brauchen. Dabei denken wir vom Bedarf der Betroffenen aus. Es ist nicht die Frage, was man tun muss, um eine Schule auch in 20 Jahren noch zu halten.

Warum geht das so langsam?
Man darf sich nicht vom Bild des überdurchschnittlich intelligenten Rollstuhlfahrers leiten lassen. Um den ins Gymnasium zu integrieren, braucht es nur einiger baulicher Veränderungen. Bei schwierigen Menschen mit einem großen Betreuungsbedarf ist das eine Aufgabe der Zukunft.

Hat es der Teilhabegedanke unter einer grün-roten Landesregierung leichter als zu schwarz-gelben Zeiten?
Das hat nichts mit der politischen Farbenlehre zu tun, sondern mit der Zeit. Das wird jetzt schon ernster genommen als früher. Druck entsteht aber eben auch durch die UN-Konvention.

In der Politik und bei den Verbänden ist eine Diskussion um die staatliche Förderung entbrannt. Es geht um Objekt- oder um Subjektförderung. Wo kommen wir hin?
Subjektförderung geht davon aus, dass der Behinderte oder seine Eltern Geld bekommen, womit sie sich Leistungen einkaufen. Dabei sind sie in ihrer Wahl prinzipiell frei. Letztlich ist die Vision die Selbstbestimmung der Behinderten. Beim anderen Modell investieren Einrichtungen und bekommen dafür ein Entgelt vom Leistungsträger. Bei der Subjektfinanzierung ­haben die Träger ein höheres Risiko. Die ­Wohlfahrtsverbände haben unterschiedliche Interessen. Inzwischen teilen aber alle die Grundüberzeugung, den Betroffenen möglichst viel Entscheidungsspielraum zu geben, wo es mit Blick auf ihre Bedarfe sinnvoll ist.

Irre ich mich, oder höre ich aus Äußerungen der Sozialministerin eine gewisse Reserviertheit gegenüber einen raschen Umsteuerung heraus?
Die Politik ist angemessen vorsichtig. Subjektförderung im Detail umzusetzen ist ein Riesenschritt. Das gefährdet die Trägersituation. Es wird auf Dauer Mischformen geben. Diese müssen sich entwickeln.

Was ist Ihre Idee?
Ich finde es schade, wenn man viel Geld in Gebäude investiert. Die stehen dann 25 Jahre. Bisher konnte man davon ausgehen, dass danach wieder Landesmittel kommen. Aber das funktioniert so nicht mehr. Und so kapitalintensive Investitionen verringern die Möglichkeiten, innovative Ansätze zu fördern. Dort wären die Mittel intensiver eingesetzt. Die Erfahrung, wie man mit bestimmten Behinderten Teilhabe organisiert, muss man ja erst gewinnen.

Ein Umsteuern bei der Förderung würde den Wettbewerb intensivieren.Ist das gesund?
Ich glaube schon, dass sich auch die Träger der freien Wohlfahrtspflege einem Wettbewerb stellen müssen. Es sind bereits gewerbliche Anbieter in der Behindertenhilfe tätig, die qualitativ keine schlechte Arbeit machen. Ich glaube aber nicht, dass ein überzogener Wettbewerb der Weiterentwicklung dient. Sollte es zu einem Unterbietungswettbewerb kommen, ginge das zu Lasten der Betroffenen. Wichtig ist, vor Ort Absprachen zu treffen, um eben einen solchen Unterbietungswettbewerb zu vermeiden. Wir versuchen, das zu moderieren.

Welche Erfahrungen hat man in anderen Bereichen der sozialen Tätigkeit mit Konkurrenzkämpfen gemacht?
In der Altenhilfe hat wachsender Wettbewerb nicht dazu geführt, dass die Zuwendung zu den betreuten Alten ungeheuer angewachsen wäre. Da hat jetzt jeder ein eigenes Zimmer; das ist schön, hat Licht und womöglich geht automatisch das Radio an, wenn man die Tür aufmacht: aber eigentliche Zuwendung gibt es nicht unbedingt mehr. Das muss man im Auge ­behalten. Deshalb würde ich nicht sagen, dass alles zerschlagen werden muss, und jeder Behinderte allein in einem ­Hochhaus wohnen und seine Betreuer beschäftigen soll. Es ist richtig, dass man sich damit befasst, wie man zu mehr Teilhabe an der Normalität kommt. Die Einrichtungen müssen lernen, welchen Behinderten sie was anbieten können, wie die Betroffenen damit umgehen können und welche Betreuung nötig ist, damit sie das lernen. Aber das sind Detailfragen und keine ideologischen.

Hansjörg Böhringer (61), lebt in Horb, sammelt alte Radios und ist im Hauptberuf seit 1987 Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Dieser versteht sich als konfessionell, weltanschaulich und parteipolitisch nicht gebundene Interessengemeinschaft. Er umfasst mehr als 800 selbstständige Organisationen, die gut 4000 soziale Einrichtungen und Dienste anbieten. Böhringer ist seit Januar Vorsitzender der Liga der freien Wohlfahrtspflege.

Die Liga der freien Wohlfahrtspflege ist der Dachverband der Wohlfahrtsorganisationen. 1952 haben sich Arbeiterwohlfahrt, Diakonie, Caritas, der Paritätische, das Rote Kreuz und die Israelitischen Religionsgemeinschaften zu dieser Landesarbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. Sie vertritt mehr als 330 000 Mitarbeiter in deutlich mehr als 10 000 Einrichtungen. Das sind etwa acht Prozent der im Land sozialversicherungspflichtig Beschäftigen. Sie erwirtschaften einen Gesamtumsatz von mehr als neun Milliarden Euro pro Jahr. Dazu kommen 230 000 ehrenamtlich Tätige.

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Inklusion ist nur ein anderes Wort für...: ...Inkompetenz in der trägerschaftlichen Ausführung des Grundgesetzes. Früher sagte man z.B. Bürgerhaus, heute gemeinwesensbezogenes Stadt(teil)zentrum. Unterscheid von damals zu heute? Beides blieb für viele Menschen in den Städten eine Illusion bis heute. Sprachlicher Etikettenschwindel, nichts weiter.

Früher und heute: Ich habe als Kind im Kindergarten und in der Schule 'Inklusion' in perfekter Manier erleben dürfen. Ich war trotz meiner Körperbehinderung (gdb 70) immer im Regelkindergarten und in Regelschulen und wurde dort NIE als behindert angesehen. Ich war wie alle anderen auch, wurde nie bevorzugt oder benachteiligt. Ich war einfach da und gut, mit allen Stärken und Schwächen.. Heute, als arbeitssuchender Erwachsener, erlebe ich das genaue Gegenteil: auf einmal ist meine Behinderung ein Thema! Man kann mich nämlich nicht einfach so entlassen, also stellt man mich lieber erst gar nicht ein. Meine durchaus hohe Qualifikation spielt bei der Entscheidung keine Rolle, nur mein Status als Schwerbehinderter. Behinderte sind nach wie vor die ersten, die aussortiert werden, allem schönen 'Blabla' in Stellenanzeigen zum Trotz. Mir wurde schon mehrmals ins Gesicht gesagt, dass ich als Schwerbehinderter sowieso keine Festanstellung mehr bekomme und man erwartete von mir allen Ernstes Verständnis dafür. So geht Inklusion heute. Ein nichtssagendes Wort, das nur denen hilft, die es nicht brauchen, um ihr Gewissen zu beruhigen und Aktionismus zu verbreiten.

Inklusion: Das neue Inklusionsgesetz sollte im Sommer 2013 kommen, wie man nun aus verschiedenen Kreisen hört, wird es frühestens 2014... gemach, gemach...

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