Inklusion Wie riecht Reisen?

Von Ina Schäfer 

Johanna und Laura Kutter bieten Blindenreisen an – bei denen Sehende eine wichtige Rolle spielen.

  Foto: Thomas Wagner
  Foto: Thomas Wagner

S-Nord - Einiges ist anders auf den Reisen mit Laura und Johanna Kutter. Museen öffnen auch außerhalb der Öffnungszeiten, das Land wird nicht über das Sehen, sondern durch Tasten, Hören und Schmecken entdeckt. Die beiden Schwestern organisieren seit etwas mehr als einem Jahr Reisen für Blinde – und Sehende gleichermaßen. Es sind Kultur- und Wanderreisen beispielsweise nach Andalusien, in den Schwarzwald, ins Elsass, auf Mallorca oder in die portugiesische Algarve.

Tour de Sens (französisch für Tour des Sinns) nennen die beiden ihr junges Unternehmen in der Mittnachtstraße, mit dem sie sich einen Traum erfüllt haben. „Wir wollten uns schon lange mit einer Idee selbstständig machen“, sagt Laura Kutter. Die 30-Jährige hat Tourismusmanagement studiert und lange Zeit als Reiseleiterin in Spanien gelebt. Dort brachten zwei blinde Freunde Kutter auf die Idee. Die Freunde erzählten, dass sie gerne mehr reisen, aber die passenden Angebote fehlen würden. „Wir haben gar nicht so spezielle Bedürfnisse“, sagten sie. Zurück in Deutschland, ihre Schwester Johanna war gerade mit dem Masterstudium in Betriebswirtschaftslehre fertig, setzten sich beide mit der Ortsgruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Baden-Württemberg in Verbindung. Sie begleiteten die Gruppe auf Wanderungen, sprachen über Bedürfnisse und darüber, welche Angebote fehlten.

Die Hemmschwellen sind schnell abgebaut

Die Reisen, die die Schwestern nun anbieten, sind weitgehend einzigartig in Deutschland. Für gewöhnlich müssen blinde Menschen für Urlaube Assistenzen buchen, erklärt Laura Kutter. Das sei teuer und oft gar nicht nötig. „Die meisten sind völlig autonom und können ihren Alltag organisieren“, sagt sie. Was die beiden Schwestern machen, ist Inklusion im besten Sinne. An den Reisen nehmen nicht nur Blinde und Sehbehinderte teil, sondern auch Sehende, entweder aus einem bürgerschaftlichen Engagement heraus oder weil sie das gemächliche Tempo der Touren schätzen. „Wenn alles angefasst und beschrieben wird, kann man nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzen“, sagt Laura Kutter. Zudem zahlten die Sehenden lediglich fünfzig Prozent der Reisekosten.

Viele Teilnehmer seien noch unerfahren im Umgang mit Blinden. Deshalb gibt es einen Leitfaden, der das wichtigste umfasst, beispielsweise, wer vorangeht, wenn es nur eine schmale Tür gibt. „Die Situation ist aber viel unkomplizierter als viele denken“, sagt Johanna Kutter. „Es ist alles eine Frage der Kommunikation.“ Die Hemmschwellen seien immer sehr schnell abgebaut, sagen die beiden Schwestern. „Die Fähigkeiten der Teilnehmer ergänzen sich ziemlich gut“, sagt Johanna Kutter. Sehende beschreiben den Blinden die Umgebung und nehmen diese dadurch intensiver wahr. Die Blinden wiederum verweisen auf Geräusche, die die sehenden Teilnehmer sonst nicht wahrnehmen würden. Mit den Partnern vor Ort haben Laura und Johanna Kutter bisher nur positive Erfahrungen gemacht. Das Guggenheim in Bilbao etwa hat die Gruppe außerhalb der Öffnungszeiten empfangen. Viele der Kunstwerke durften abgetastet werden. Das war eine neue Erfahrung nicht nur für die Blinden, sondern auch für die Sehenden.

Im Moment sind die Schwestern noch bei den Reisen dabei. Lange vor den eigentlich Touren bereisen sie die Orte, legen Wanderrouten fest und organisieren Partnerschaften mit Hotels und Restaurants, die sich auf die ganz besondere Gruppe einstellen. Es gibt Besuche bei Käseproduzenten, Korbflechtern und bei Weingärtnern. „Für jeden Sinn soll etwas dabei sein“, sagt Johanna Kutter.

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