Innovationsprojekt Smarte Daten wie geschmiert

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Das Mannheimer Unternehmen Fuchs Petrolub produziert Schmierstoffe in tausenden von Varianten. Dank eines vom Land geförderten Projekts konnte es Computer des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) nutzen, um seinen komplexen Daten auf den Grund zu gehen.

Das Geschäft mit Schmierstoffen ist wegen der zahllosen Varianten sehr komplex. Foto: Fuchs Petrolub/Rinderspacher
Das Geschäft mit Schmierstoffen ist wegen der zahllosen Varianten sehr komplex. Foto: Fuchs Petrolub/Rinderspacher

Mannheim - Keine Roboter weit und breit. Statt Kabeln und Datenleitungen sieht man Pipelines und haushohe Tanks. Im Mannheimer Industriegebiet brummen Tanklastwagen über das Werksgelände der Firma Fuchs Petrolub. Auf Nebengleisen sind Tankwaggons abgestellt. Im Auslieferungslager stapeln sich Kanister und die guten alten Blechtonnen. Wo stecken hier die smarten Daten?

„Wir haben ein Portfolio von mehr als zehntausend Produkten“, sagt Matthias Marquart, Geschäftsführer der Inoviga GmbH, der Digitalisierungsgesellschaft von Fuchs. Dieses firmeninterne Start-up ist gegründet worden, um etwa nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für Daten und nach künftigen Geschäftsmodellen zu suchen. Der Technikvorstand Lutz Lindemann ergänzt: „Manchmal stellen wir unsere Produkte nur in relativ kleinen Mengen her“. Ein und dieselbe Anlage muss dann für verschiedene Varianten schnell umgestellt und wieder optimal eingestellt werden. Nicht nur die Zahl der Produkte, auch vielfältige Kombinationen und Interaktionen der Inhaltsstoffe, unterschiedliche, in Balance zu bringende Eigenschaften von der Schmierfähigkeit bis zur Lebensdauer bedeuten endlose Variationsmöglichkeiten. Um die 20 bis 30 Parameter müssen optimiert und 300 bis 400 unterschiedliche Zusammensetzungen müssen bei einer Produktentwicklung getestet werden. Grundlage sind 8000 verschiedene Rohstoffe. Und damit multipliziert sich die Datenmenge. „Wir wollen tiefer gehende Muster erkennen“, sagt Marquart.

Schmieröle sind hochkomplexe Produkte

„Das Öl ist inzwischen ein Konstruktionsbestandteil“, sagt Lindemann: „Moderne Schmierstoffe sind exakt auf die Eigenschaften einer Maschine zugeschnitten.“ Neue Produkte werden oft auch in Kooperation mit deren Herstellern gezielt entwickelt. Und je präziser solche Maschinen ausgesteuert und gewartet werden, umso höher sind auch hier die Ansprüche. Und insofern hat das Ganze dann doch mit der Industrie 4.0 zu tun, die ein völlig neue Effizienzpotenzial mit sich bringt.

Der traditionsreiche Schmierstoff-Spezialist gehört deshalb zu den 15 Firmen, die seit 2015 das Förderangebot des Landes Baden-Württemberg genutzt haben, in einem sechs- bis achtwöchigen Testlauf einmal durchzurechnen, was sie mit ihren Daten überhaupt machen können. Im Rahmen des Smart Data Solution Center (SDSC) können kleine und mittlere Firmen aus dem Land den Computern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) gratis Rechen- und Beratungsleistungen in Anspruch nehmen, um komplexe Daten einmal im Rahmen einer Potenzialanalyse durchzuspielen. Verantwortlich dafür ist die SICOS BW GmbH, ein Gemeinschaftsunternehmen der Universität Stuttgart und des KIT, das komplexe Datenanwendungen in der Wirtschaft fördern soll. Damit soll den Unternehmen eine erste Hürde auf dem Weg ins Datenzeitalter genommen werden. Die vorhandene IT ist mit solchen Berechnungen überfordert. Theoretisch lassen sich solche Rechenleistungen auch bei privaten IT-Anbietern einkaufen, aber das ist deutlich teurer – und vor allem braucht es als allerersten Schritt erst einmal nur einen Testlauf, weil die meisten Firmen bisher noch gar nicht wissen, was sie in ihren Daten überhaupt steckt.

Alle Daten kommen auf den Tisch

Fuchs brachte Mitarbeiter aus unterschiedlichen Abteilungen an einen Tisch, um zu diskutieren, in welchen Daten Potenzial stecken könnte. „Wir wollten uns dahin bringen, Informationen besser nutzen zu können“, sagt Marquart. Zusammen mit den KIT-Experten wurde dann das Ganze testweise durchgerechnet. Bisher muss jedes neue Produkt und jede mögliche Kombination seiner Bestandteile einzeln in oft wochenlangen Testreihen geprüft werden. „Wir glauben, dass wir künftig den Aufwand dafür stark reduzieren können“, sagt Lindemann.

Fuchs macht dabei eine Erfahrung, die typisch für viele Unternehmen ist, die sich zurzeit mit dem Thema Daten befassen: Es braucht nicht unbedingt ganz neue Daten, eine fundamental andere Expertise oder einen neu eingestellten Datenspezialisten im Unternehmen. Schon aus einem neuen Blick auf das Vorhandene ergeben sich andere Erkenntnisse. Nach dem mehrwöchigen Probelauf verfeinert man nun intern die Analysemöglichkeiten. Genau dies ist der Sinn des Projekts, das nach Meinung des Projektbetreuers Andreas Meier von SICOS BW durchaus noch bekannter werden dürfte: „Wir haben dafür noch Kapazitäten“. Im Juli wird es beispielsweise in Stuttgart eine Informationsveranstaltung der IHK geben.

Infobox: Weltmarktführer bei Spezial-Schmierstoffen

Produkte – Fuchs Petrolub entwickelt, produziert und vertreibt Schmierstoffe. Kunden sind Automobilzulieferer, Maschinenbauer oder Metallverarbeiter. Spezielle Schmierstoffe gibt es beispielsweise auch für den Bergbau, die Luft- und Raumfahrt oder die Land- und Forstwirtschaft.

Unternehmen – Die Firma wurde 1931 als Familienunternehmen in Mannheim gegründet. Unter dem Dach firmieren heute mehr als 60 operative Gesellschaften mit rund 5000 Mitarbeitern in mehr als 40 Ländern. Fuchs bezeichnet sich selbst als der weltweit größte Anbieter unter den unabhängigen, also nicht unter dem Dach von Mineralölkonzernen agierenden Schmierstoffherstellern. age