Insektensterben Der Kühlergrill bleibt sauber

Von Arnold Rieger 

Naturschützer fürchten einen Frühling ohne Schmetterlinge. Umwelt-Staatssekretär Baumann hält ein Umsteuern in der Agrarpolitik für nötig.

Heimischer Schmetterling: ein Silbergrüner Bläuling Foto: dpa
Heimischer Schmetterling: ein Silbergrüner Bläuling Foto: dpa

Stuttgart - Wenn Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf den Kühlergrill seines Dienstwagens zu sprechen kommt, verdreht sein Publikum schon mal die Augen. In der Regierungspressekonferenz, aber auch beim Grünen-Parteitag im vergangenen November teilte der gelernte Biologielehrer dem verdutzten Publikum mit, was er auf dem Mercedes nach langen Autobahnfahrten findet: fast nichts. Noch vor wenigen Jahren hätten da hunderte tote Insekten geklebt.

In der politischen Szene nimmt man diese Sorge nicht so ganz ernst. Die Grünen mutierten zur „CDU mit Insektenschutzprogramm“, witzelte einmal der Journalist Jakob Augstein. In der biologischen Fachwelt jedoch hält man solchen Spott für pure Ignoranz, denn das Insektensterben gilt mittlerweile als apokalyptische Gefahr. „Das sind Ausmaße von der Dimension des Waldsterbens“, sagt André Baumann, promovierter Biologe und Staatssekretär im Stuttgarter Umweltministerium. Beim Natur- und Umweltschutz werde ja oft von Katastrophen geredet, sagt der frühere Landeschef des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) – „das ist jetzt eine“.

Insekten ohne Lobby

Dass die Öffentlichkeit noch kaum Notiz davon nimmt, hat einerseits mit dem psychologischen Igitt-Effekt gegenüber Insekten zu tun. Mücken, Larven und Fliegen haben keine große Lobby. Für die gut 30000 Arten in unseren Breiten gibt es außerdem nur wenige Spezialisten. Und nicht zuletzt mangelt es in Deutschland an verlässlichen Zahlen. Baumann: „Es gibt kein durchgängiges Monitoring.“ Lediglich in Nordrhein-Westfalen verfolgen Wissenschaftler mit Hilfe zahlreicher Ehrenamtlicher seit Jahrzehnten systematisch die Entwicklung. Sie stellen große Netze auf (sogenannte Malaise-Fallen) , in denen sich die Tiere verfangen. So kann man sie zählen.

Das Ergebnis ist niederschmetternd: „Nicht nur die Zahl der Arten, sondern auch die der Individuen hat in den vergangenen Jahren dramatisch abgenommen“, heißt es in einem Bericht des Umweltausschusses des Deutschen Bundestags, der sich mit dem Ergebnissen des Entomologischen Vereins Krefeld auseinandergesetzt hat. Vor allem seit der Jahrtausendwende verschwinden die Schmetterling, Käfer und Spinnen rasant: Es gibt einen Rückgang von bis zu 80 Prozent. „Für das Ökosystem ist das fatal, denn Insekten sind die Grundlage für viele Tiere “, sagt Baumann. Insektenmangel sieht er denn als eine wichtige Ursache für den aktuellen Mangel an Vögeln.

Das Gift wirkt

Die Wissenschaft nennt mehrere Gründe für das Sterben der Insekten, so etwa die Zerstörung natürlicher Lebensräume und eine intensive Landwirtschaft: „Man hat festgestellt, dass die Spinnen umso kleiner werden, je häufiger man die Wiesen mäht“, sagt Baumann. Auch mit Klimawandel und Düngung scheint es Zusammenhänge zu geben. Vor allem aber gelten so genannte Neonicotinoide als Belastung für die Insektenwelt. Sie enthalten synthetisch hergestellte Wirkstoffe, die bei Insekten die Weiterleitung von Nervenreizen blockieren und so zu ihrem Tod führen.

Für die den Anbau von Kulturpflanzen ist diese Wirkung willkommen, denn mit Präparaten wie Clothianidin oder Imidacloprid lassen sich die Pflanzen sowohl vor beißenden als auch vor saugenden Insekten schützen. Nicht von ungefähr sind diese Insektizide in den vergangenen Jahren in der Landwirtschaft immer beliebter geworden – auch wenn in der EU detaillierte Statistiken über den Verbrauch von Neonicotinoiden fehlen. Der Tierwelt jedenfalls scheint der Wirkstoff zu schaden. Es gibt mittlerweile zahlreiche Studien aus verschiedenen Ländern, die einen direkten Zusammenhang zwischen dem Einsatz der Insektizide und dem Rückgang von Insekten belegen.

Weil es den begründeten Verdacht gibt, dass sie Bienen schädigen, hat die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) drei umstrittene Pestizide vor dreieinhalb Jahren teilweise untersagt. Die Hersteller, darunter Bayer und BASF, halten das Verbot jedoch für ungerechtfertigt und klagen vor dem Europäischen Gerichtshof. Dort wird die Sache in diesen Tagen verhandelt.

Für mehr Ökolandbau

Unabhängig davon zieht Grünen-Staatssekretär Baumann den Schluss, dass sich eine neue Bundesregierung dringend dieses Themas annehmen und eine Strategie erarbeiten muss. Er spricht sich zum Beispiel für ein entschiedenes Umsteuern in der Agrarpolitik aus – hin zu einem Kurs, der den Ökolandbau stärker fördert. Dazu wird sich demnächst Gelegenheit bieten, denn Bund und Länder beraten, ob in der Agrarförderung ab 2018 Mittel zu Gunsten einer umweltschonenden Bewirtschaftung umgeschichtet werden. Schon seit 2015 machen Bund und Länder von diesem Recht zur Umschichtung Gebrauch. Die grün-schwarze Koalition hat vereinbart, den Spielraum dafür noch weiter zu nutzen. „Zirka sechs Prozent“ der Mittel (derzeit sind es 4,5 Prozent) sollen also nicht direkt als Flächenprämie an die Bauern fließen, sondern in die sogenannte zweite Säule. Daraus werden zum Beispiel Umweltprogramme gefördert. Baumann meint: „Eigentlich müsste man noch mehr tun.“

Doch wie schwierig ein solcher Kurs in der grün-schwarzen Koalition ist, zeigt die Auseinandersetzung um die „modernen Bauernregeln“ von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. „Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm“, ließ die SPD-Politikerin zum Beispiel reimen. Während Umwelt-Staatssekretär Baumann darin eine zugespitzte, aber korrekte Problembeschreibung sieht, verwahrt sich Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) gegen diese „Diffamierung“ der Bauern. Er hat den Rücktritt der SPD-Frau gefordert.