Integration in Weinstadt Dolmetscher in Sachen Alltagskultur

Von Holger Niederberger 

Die Evangelische Gesellschaft möchte mit ihrem neuen Projekt „Angekommen und angenommen“ Flüchtlingsfamilien dabei unterstützen, hilfreiche Alltagsstrukturen aufzubauen, um sich in ihrem sozialen Umfeld besser orientieren zu können. Damit sollen die vorhandenen Integrationsangebote ergänzt werden.

Der Deutschen Liebe zu Hunden ist für Menschen anderer Kulturkreise oft unverständlich. Foto: dpa
Der Deutschen Liebe zu Hunden ist für Menschen anderer Kulturkreise oft unverständlich. Foto: dpa

Weinstadt - Ich habe einfach angefangen, mit den Menschen um mich herum Deutsch zu sprechen, das hat geholfen.“ Abir stammt aus dem Libanon und lebt seit 27 Jahren in Deutschland. Sie ist eine von mehreren Mentoren, die in dem neuen Projekt der Evangelischen Gesellschaft (Eva) „Angekommen und angenommen“ den Kontakt mit Flüchtlingsfamilien sucht, um ihnen die Teilhabe am öffentlichen Leben zu erleichtern.

Sprache ist der Schlüssel

Abir ist Mutter von vier Kindern, die alle in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Sie spricht Arabisch und Deutsch. Als ihre erste Tochter in den Kindergarten kam, konnte sie sich nicht mit den anderen Eltern über ihre Kinder unterhalten. „Für mich stand fest: Wenn ich in diesem Land bleiben und meine Kinder hier groß ziehen möchte, muss ich die deutsche Sprache lernen, da führt kein Weg vorbei“, erklärt die 42-jährige Abir. In ihrem Bekanntenkreis hätte es damals viele Frauen gegeben, die nur sehr schlecht oder gar kein deutsch gesprochen. „Es ist eben auch einfacher, sich mit seinen Landsleuten in der Muttersprache zu unterhalten“, bestätigt sie.

Man käme aber nur in einem Land wirklich an, wenn man sich mit den Menschen vor Ort unterhalten könne, sagt die Muslimin, die seit der Geburt ihrer ersten Tochter Kopftuch aus Überzeugung trägt. Abir aktivierte die Frauen, untereinander Deutsch zu sprechen und sich auch beim Einkaufen zuzutrauen, mit den Menschen in der Landessprache zu reden.

Während der Flüchtlingskrise ging Abir in deren Unterkünfte und hat oft übersetzt oder die Menschen zum Arzt begleitet. Sie ist überzeugt davon, dass es den Geflüchteten Halt gibt, auf jemanden zu treffen, der ihre Sprache spricht und sie versteht.

Eine Ergänzung zu den vorhandenen Integrationsangeboten

Genau darauf zielt das neue Eva-Projekt „Angekommen und angenommen“ ab. Es soll vornehmlich Flüchtlingsfamilien dabei unterstützen, Alltagsstrukturen aufzubauen, sich in ihrem sozialen Umfeld zu orientieren und letztendlich sich zu integrieren. Das Projekt startete am 1. April diesen Jahres und ist auf drei Jahre angelegt. Neben Weinstadt läuft das Projekt auch in Fellbach sowie im Weissacher Tal.

Die Angebote der Eva seien jedoch nur eine Ergänzung zu den Angeboten, die die Stadt oder der Landkreis anböten, unterstreicht Gunhild Schmidt. Sie ist Familienhebamme und hauptamtliche Koordinatorin des Projekts in Fellbach und Weinstadt. Die Angebote orientierten sich immer am jeweiligen Bedarf vor Ort, sagt Gunhild Schmidt. „Wir bieten zum Beispiel eine Krabbelgruppe an, wenn die vorhandenen Angebote nicht ausreichen oder eine Vater-Kind-Gruppe, in der aktuelle Themen und persönliche Erfahrungen ausgetauscht werden können“, berichtet Gunhild Schmidt.

Ein Labrador hilft Ängste vor Hunden zu nehmen

Das Neue und Besondere an dem Projekt seien die ehrenamtlichen Mentoren, die die geflüchteten Menschen aufgrund ihres eigenen Migrationshintergrunds ganz anders abholen könnten und eventuell vorhandene Hemmnisse deutlich leichter abbauen könnten. Dabei werden auch unkonventionelle Ansätze ausprobiert.

In Fellbach konnte die Schulung „Unser bester Freund – Hunde in Deutschland“ beispielsweise Flüchtlingskinder, die in ihren Heimatländern oft kulturell bedingte Angst vor Hunden nehmen. Ein Labrador-Retriever konnte einen fünf-jährigen Jungen aus Syrien so für sich einnehmen, dass er seinen neuen besten Freund am liebsten gar nicht mehr hergegeben hätte.

Die ehrenamtlichen Mentoren im neuen Projekt sollen vor allem auch als Vorbild fungieren, erklärt Gunhild Schmidt. „Sie sind der Beweis dafür, dass es möglich ist, in Deutschland anzukommen und sich zu integrieren.“