Berlin - Auch das ist gelebte Integration: Deutschtürken haben gelernt, Reaktionen von Gesprächspartnern einzuordnen. Ein typischer Ausruf lautet: "Sie sind ja ein Einzelfall! Wenn alle Türken so wären wie Sie, hätten wir keine Probleme!" Viele Einzelfälle gehen souverän über solche Kommentare hinweg. Anerkennung hilft. Die Deutschen, stellte Bundesministerin Schavan kürzlich fest, könnten sich glücklich schätzen, "eine wachsende Gruppe türkischstämmiger Leistungsträger haben". Nicht wenige wirken mit am Lernprojekt Integration, das Aufgaben mit sich bringt - und Erfolge, wie eine Studie des Sachverständigenrats Integration und Migration zeigt: Deutsche und Migranten stimmen vielfach überein. Eine Annäherungsgeschichte:
Es herrscht weithin Konsens, dass die Zuwanderungsgeschichte auch eine Geschichte der versäumten Gelegenheiten ist. Die 70er, 80er und 90er Jahre vergingen, ohne dass wichtige Weichenstellungen gelangen. Politik und Gesellschaft gaben sich der Nachkriegsillusion hin, Ausländerpolitik sei Arbeitsmarktpolitik. So war das in der Ära der Anwerbeabkommen, die 1955 begann: Integration vollzog sich scheinbar wie von selbst am Arbeitsplatz. Doch die Wirtschaftswunderzeiten vergingen. Die Ölkrise 1973, die zum Anwerbestopp führte, und auch der Fall des Eisernen Vorhangs 1989, der zur sich alsbald entfaltenden Globalisierung und Migration beitrug, veränderte die Lage. Nach 1973 setzte der Familiennachzug ein. Und nach 1989 wiederum stieg die Zahl der Asylbewerber und auch der Aussiedler deutlich an. Die Politik rang um Begrenzungsmaßnahmen: Rückkehrerabkommen, Aussiedlerquoten, Asylkompromiss - an diesen Themen rieb sich die Gesellschaft bis weit in die Neunziger auf.
Deutschkenntnisse als Voraussetzung für Integration
Der einmillionste Gastarbeiter kam 1969 am Münchener Hauptbahnhof an. Als Geschenk wurde dem Türken ein Fernsehgerät überreicht. Keiner wäre auf die Idee verfallen, ihm einen Sprachkurs zu schenken. Und heute? Deutschkenntnisse gelten als Grundvoraussetzung für Integration. Der Weg zu dieser Erkenntnis war von Debatten begleitet. Auf höchster Ebene losgetreten hatte sie die rot-grüne Bundesregierung 1998. Gestritten wurde über Doppelpass und Leitkultur, über die Selbstdefinition als Einwanderungs- oder als Nichteinwanderungsland.
Ergebnis war die Neuausrichtung der Migrationspolitik: Das Staatsbürgerschaftsrecht sieht nun erleichterte Einbürgerungen vor (2000); das unter dramatischen Umständen errungene Zuwanderungsgesetz (2005) verankert erstmals ein umfassendes Eingliederungskonzept. Teil seines Kerns: Sprach- und Integrationskurse. Die Große Koalition setzte den Kurs fort. 2005 wurde der Integrationsgipfel einberufen, 2006 die Islamkonferenz. Die Bedeutung von Integrationspolitik in Zeiten schrumpfener Mittel wächst.