""Wir brauchen Leute, denen es Spaß macht, neue Felder zu erobern." "
Christian Elger über Führungskräfte
Stuttgart - Das Gerechtigkeitsempfinden ist bei den meisten Menschen stärker als das Streben nach dem eigenen Vorteil, sagt Hirnforscher Christian Elger. Doch nicht alle seien so bescheiden.
Herr Professor Elger, was können die Neurowissenschaften zum Verständnis wirtschaftlicher Prozesse beitragen?
Die moderne Hirnforschung benutzt Methoden wie die Magnetresonanztomografie, mit der man dem Hirn quasi beim Denken zusehen kann. Damit kann man auch erkennen, welche Hirnareale aktiv sind, während die Probanden sich mit ökonomischen Fragestellungen befassen. Von zentraler Bedeutung ist dabei das sogenannte Belohnungszentrum des Gehirns, dessen Aktivierung ein Wohlgefühl erzeugt, das durch nichts zu überbieten ist und das deshalb alle Entscheidungsprozesse dominiert. Wenn Sie einem Tier da eine Elektrode reinpflanzen und ihm beibringen, diese Hirnregion selbst elektrisch zu reizen, hört es damit nicht mehr auf - egal ob es Hunger oder Durst hat oder ob ein paarungsbereiter Artgenosse in der Nähe ist.
Gilt das auch für Menschen?
Natürlich. Wir wissen, dass zum Beispiel Drogen wie Kokain beim Menschen zu einer besonders starken Stimulation des Belohnungssystems führen. Eine ähnliche Wirkung kann auch Schokolade haben.
Oder ein fetter Bonus?
Der auch.
Wie kann man als Hirnforscher konkret ökonomische Fragestellungen untersuchen?
Wir legen zum Beispiel zwei Versuchspersonen in den Hirnscanner und stellen ihnen die Aufgabe, die Anzahl von Punkten zu schätzen, die ihnen über eine Videobrille gezeigt werden. Wer richtig liegt, erhält dafür eine Belohnung in Form von Geld. Dabei haben wir zwei Varianten getestet: In der ersten bekommen beide Probanden jeweils 60 Euro, in der zweiten bekommt nur einer die 60 Euro, während der andere entweder 30 oder 120 Euro erhält.
Was passiert dabei im Gehirn?
Die Freude über die Belohnung, die wir an der Stärke der Aktivierung des Belohnungssystems ablesen können, hängt nicht vom absoluten Geldbetrag ab, sondern vor allem davon, wie der eine Proband im Vergleich zum anderen abschneidet. Am schwächsten ist die Aktivierung, wenn die andere Person mehr bekommt. Deutlich stärker ist sie, wenn man selbst die höhere Summe einstreichen kann. Überraschend ist allerdings, dass sich die Mehrheit der Versuchspersonen am wohlsten fühlt, wenn beide gleich viel bekommen. Das heißt, dass die meisten Menschen im Prinzip gleich behandelt werden wollen. Einige finden es dagegen besser, wenn sie mehr als ihr Gegenüber erhalten.
Sind das die Leute, die in den Chefetagen von Unternehmen und Banken sitzen und sich schon wieder über Millionenboni freuen?
Wir wissen, dass bei einem Teil der Menschen das Gewinnstreben stärker ausgeprägt ist als beim Rest der Bevölkerung. Aber die Frage, ob diese Leute bevorzugt in Führungspositionen kommen, ist schwer zu beantworten. Ich kenne keine wissenschaftlichen Studien, in denen das untersucht wurde. Klar ist aber, dass das Bonussystem die besonders stark gewinnorientierten Leute in ihrem Verhalten bestärkt. Da sie über die Bonuszahlungen eine unmittelbare Belohnung haben, verstärkt sich dieser Reflex permanent. Wenn Sie einen Hund belohnen, weil er eine Aufgabe gelöst hat, lernt er ja auch schneller.
Werden Investmentbanker also durch die Aussicht auf hohe Boni ähnlich konditioniert wie ein Pawlow'scher Hund?
Den Vergleich kann man durchaus ziehen.
Warum ist das Gewinnstreben bei den Menschen unterschiedlich ausgeprägt?
Genetische Faktoren spielen dabei auf jeden Fall eine wichtige Rolle. Wir wissen, dass es Genvarianten gibt, die eine veränderte Struktur des Dopaminrezeptors im Belohnungssystem bedingen. Dopamin ist ein Botenstoff, der für diese Prozesse von zentraler Bedeutung ist. Die genetischen Unterschiede bedingen eine unterschiedliche Empfindlichkeit für Dopamin. Und je empfindlicher ein Proband für Dopamin ist, desto stärker reagiert sein Belohnungssystem. Wenn wir Probanden allein aufgrund der genetischen Unterschiede auswählen, stellen wir fest, dass sich damit ihr Verhalten - etwa bei Gewinnspielen - zu einem erheblichen Teil vorhersagen lässt.
Sind gierige Manager nur hilflose Sklaven ihrer Gene?
Nein. Wir denken, dass die Erblichkeit dieser Persönlichkeitsmerkmale bestenfalls bei 50 Prozent liegt. Der Rest ist auf Umwelteinflüsse wie Erziehung und persönliche Erfahrungen zurückzuführen. Unser Gehirn ist ja nicht schon bei der Geburt fertig verdrahtet. Die Verbindungen zwischen den Nervenzellen sind vielmehr hochdynamisch und hängen stark von dem ab, was wir tun und erleben.
Entscheidet jemand mit besonders stark ausgeprägtem Gewinnstreben anders?
Ja. Vor allem, wenn es in seiner Persönlichkeit keine hohen ethisch-moralischen Schwellen gibt. Und die sind sicher auch im Bankenwesen niedriger geworden. Früher waren Banker sehr vorsichtige Leute, die bei der Kreditvergabe oder Geldanlage keine unverantwortlich hohen Risiken eingegangen sind. Heute wird alles vom Renditedenken dominiert. Und da hohe Renditen wegen der massiven Zunahme variabler Gehaltsbestandteile heute auch mit einem hohen persönlichen Gewinn für die Manager verbunden sind, handelt es sich hier um ein selbstverstärkendes System.
Wie müsste man die Strukturen im Management ändern, damit sich eine gesundere Mischung von Persönlichkeiten einstellt?
Man braucht auf jeden Fall ein paar Alphatiere und Visionäre. Sonst würde wahrscheinlich unser gesamtes Wirtschaftssystem zusammenbrechen. Das beruht schließlich zu einem guten Teil darauf, dass es Menschen gibt, die mehr haben wollen als andere. Auf der anderen Seite brauchen diese Leute aber ein Korrektiv, das verhindert, dass sie überziehen und zu hohe Risiken eingehen. Diese Rolle könnten die eher introvertierten Persönlichkeiten spielen, deren Belohnungssystem nicht so leicht erregbar ist und die von den Visionären oft als Buchhaltertypen und Bedenkenträger abgestempelt werden. Bei Abstimmungen könnten man solchen Leute mehr Einfluss geben - etwa durch eine höhere Gewichtung ihrer Stimmen.
Selbst namhafte Ökonomen fordern eine Abkehr von der einseitigen Wachstumsorientierung. Brauchen wir dafür andere Manager?
Auch wenn es um die schwierige Aufgabe geht, unser Wirtschaftssystem auf eine neue Basis zu stellen, brauchen wir Leute, die nach oben wollen und denen es Spaß macht, neue Felder zu erobern. Ich glaube, dass niemand 12 oder 14 Stunden am Tag arbeitet, ohne irgendeine Aktivierung seines Belohnungssystems dafür zu bekommen. Das heißt nicht, dass dafür immer größere finanzielle Anreize nötig sind. Es gibt auch Menschen, die sich vor allem wegen der Aussicht auf Macht und Ansehen anstrengen. Nehmen Sie zum Beispiel unsere Politiker.
Wir haben jetzt viel über Gewinnorientierung gesprochen. Manchmal verhalten sich Menschen aber auch sehr unökonomisch.
In der Tat. Wenn Sie jemandem Geld anbieten und ihn vor die Wahl stellen, entweder 100 Euro sofort zu bekommen oder 110 Euro in einer Woche, dann wird er sich in 80 Prozent der Fälle für die 100 Euro entscheiden, obwohl das ökonomisch völliger Unsinn ist. Die Aussicht auf einen unmittelbaren Gewinn ist offenbar für die meisten Leute attraktiver als die Erwartung eines in der Zukunft erzielbaren Gewinns. Ein Stück weit kann man das durch Erziehung und persönliche Erfahrung überwinden. Das merken wir zum Beispiel, wenn wir Seminare mit Profis aus dem kaufmännischen Bereich machen. Die rechnen kühl nach und entscheiden sich öfter für die ökonomisch sinnvollere Variante - also für die 110 Euro in einer Woche. Ein anderes Beispiel für ökonomisch unsinniges Verhalten ist das sogenannte altruistische Bestrafen.
Was verbirgt sich dahinter?
Angenommen, ich habe 100 Euro und muss die mit Ihnen teilen. Sie erwarten dann zu Recht, dass ich Ihnen 50 abgebe. Ich will Ihnen aber nur 30 Euro abgeben und 70 behalten. Nun können Sie wählen, ob Sie sich mit den 30 Euro zufriedengeben oder ob keiner von uns etwas von dem Geld bekommt. In so einem Fall entscheiden sich die meisten für die zweite Variante, obwohl sie dann statt 30 Euro gar nichts bekommen - nur um sicherzustellen, dass Ihr Gegenüber nicht besser abschneidet. Bei rein ökonomischer Betrachtung ist dieses Verhalten völlig unsinnig.
Was passiert dabei im Gehirn?
Im Hirnscanner kann man zeigen, dass durch das altruistische Bestrafen das Belohnungssystem so stark stimuliert wird, dass das negative Gefühl des entgangenen Gewinns kompensiert wird. Mit anderen Worten: das Gerechtigkeitsempfinden ist bei den meisten Menschen stärker als das Streben nach dem eigenen materiellen Vorteil. Das ist evolutionär wichtig, weil der Mensch ein soziales Wesen ist, das in hohem Maße auf Kooperation innerhalb einer Gruppe angewiesen ist. Da kann sich ein zu stark ausgeprägtes individuelles Gewinnstreben kontraproduktiv auswirken.
Warum geht es bei Firmen und Banken heute anders zu als früher?
Ich bin überzeugt davon, dass es da auch heute eine ganze Reihe seriöser Leute gibt. Ich kenne zum Beispiel den Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Und der macht auf mich nicht den Eindruck, dass er seinen Job vor allem des Geldes wegen macht. Ich denke, die absolute Höhe seines Gehalts - ob er nun fünf oder zehn Millionen Euro bekommt - ist für Herrn Ackermann nicht das Entscheidende. Es muss nur vergleichbar mit dem sein, was ein anderer in ähnlicher Position bekommt, oder besser noch ein bisschen mehr. Da gibt es so eine Art Gruppenzwang. Hinzu kommt, dass die Millionen, die ein Banker bekommt, keiner anderen Person weggenommen werden - zumindest nicht unmittelbar. Wenn die Banker die Leute persönlich kennen würden, die durch die ungezügelte Spekulation in der Finanzkrise ihren Job oder ihr Geld verloren haben, würden sie sich wahrscheinlich anders verhalten.
Banker sind demnach auch keine schlechteren Menschen?
Nein. Das Bestreben, von allem immer schneller immer mehr haben zu wollen, ist in der gesamten Gesellschaft vorhanden. Die Banker haben nur mit deutlich größeren Summen zu tun.