Interview "In Stuttgart fehlt der Leidensdruck"
Jörg Nauke, Thomas Braun, Holger Gayer., 19.10.2010 13:10 Uhr
 Foto: Zweygarth
Foto: Zweygarth
""Glauben Sie mir: jede Alternative würde eine neue Protestbewegung hervorrufen.""
Udo Andriof, Sprecher des Projekts Stuttgart-Ulm

Stuttgart - Nach fast einem Monat an der Spitze des Kommunikationsbüros fürs Bahnprojekt Stuttgart-Ulm sind Udo Andriof und Wolfgang Dietrich darin einig, die Bürger besser über Stuttgart 21 informieren zu müssen. Viele Gegner wollten aber gar nicht überzeugt werden, sagen die Nachfolger von Wolfgang Drexler.

Stuttgart 21 ist zum Inbegriff des Kommunkationsdesasters geworden, und Bahn-Chef Grube sagte, er wolle nie mehr ein solches mit einem Projekt erleben. Was sagen Sie als neue Sprecher dazu?


Andriof:
Ich will die Kommunikation der Vergangenheit nicht bewerten. Ich glaube, dass das Problem woanders liegt. In Auseinandersetzungen über andere Großprojekte gibt es einen Zwang zum Handeln. Man will Verbesserungen, weil man die Nachteile spürt. Hier aber haben wir es mit dem Fall zu tun, dass die Bürger sagen, es funktioniert doch alles. Es fehlt also der Leidensdruck. Dabei wird übersehen, dass wir Vorsorge für die Zukunft treffen.

Wie schwer fällt es, eine 16 Jahre alte Planung als Zukunftsprojekt zu verkaufen?


Dietrich:
Das fällt uns gar nicht schwer. Stuttgart 21 ist ständig weiterentwickelt worden. Das Problem ist, dass die meisten Befürworter und Gegner noch immer unzureichend informiert sind und dass die Debatte so emotional aufgeladen ist . Den pauschalen Vorwurf des Kommunikationsdesasters, den ich vor Beginn meiner Tätigkeit hier selbst erhoben hatte, kann ich nicht mehr so stehenlassen. Es wurde kommuniziert, es gab unzählige Wahlkämpfe, in denen die Gegner das Thema hochgehängt hatten. Stuttgart 21 ist so transparent dargestellt wie kein zweites Projekt.

Sie überraschen uns. Noch mal: selbst der Bahn-Chef sieht das mittlerweile anders.


Dietrich:
Man kann natürlich alles besser machen. Das trifft auf die Projektträger zu, aber auch auf die Gegner, die die Emotionen in den Vordergrund stellen und weniger die Inhalte.

Die Gegner versuchten bisher oft vergebens, an Informationen zu kommen.


Andriof:
Man muss aber zwischen echtem Aufklärungswillen und reinem Widerstand unterscheiden. Leider erkennt ein Teil der Bevölkerung den Sinn der Veränderung noch nicht. Und es machen sich viel zu wenige Gedanken darüber, was wäre, wenn man das Projekt aufgeben würde: Wir hätten in den nächsten Jahren gleichwohl eine Großbaustelle, weil die veralteten Gleise im Vorfeld erneuert werden müssten. Dies zu realisieren, wäre sehr viel schwieriger, weil man alles unter Verkehr ändern müsste. Man müsste mehr als eine Milliarde Euro in die Hand nehmen, ohne dieVorzüge für den Regionalverkehr zu erhalten und umsteigefrei durchfahren zu können. Insbesondere hätte mannicht freie Flächen, die man wieder bebauen kann.

Es fällt Ihnen schwer, der Bevölkerung zu vermitteln, dass man den Park abholzen muss, um ihn in zehn Jahren aufzuforsten?


Andriof:
Sie sprechen das an, was die Kommunikation so schwierig macht. Die Bürger sehen nur die Nachteile, nämlich was abgerissen und gefällt wird. Dass 5300 Bäume gepflanzt werden, sieht man nicht.

Dietrich:
Ich bin auf dem Land aufgewachsen und finde, dass man nicht immer nur davon reden kann, wie schön Bäume sind, die 300 Jahre alt sind. Es gibt auch eine Schönheit von Bäumen, die wachsen.

Der erste Kahlschlag und der vorherige folgenschwere Polizeieinsatz waren am ersten Tag, an dem Sie durften. Musste das sein?


Andriof:
Der frühestmögliche Tag für das Fällen der Bäume sollte die Sicherung der Bauflächen durch die Polizei erleichtern.

Dietrich:
Es war einfacher zu fällen, solange die Demonstranten auf den falschen Bäumen saßen. Kommunikationspannen gibt es offenbar auch auf der anderen Seite.

Kommentare (137)
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NOV
01
Ralf K., 00:45 Uhr

Wolfgang Dietrich

War bis 1995 Geschäftsführer der straessle Unternemhmensgruppe mit rund 500 Mitarbeitern. 1995 wurde er seiner Postition enthoben, trotzdem war der Konkurs nicht mehr abwendbar. Nur zur Richtigstellung, weil immer so getan wird, wie wenn er ein erfolgreicher Geschäftsmann wäre.

OKT
21
Ulli, 10:08 Uhr

an Beobachter

Hätten Sie das Interview gelesen von Andriof und Dietrich müßten Sie erst nachdenken und dann schreiben. Andriof verweist ausdrücklich darauf, daß durch freiwerdende Kapazitäten Platz werde für den Güterverkehr auf der alten Filstalstrecke!!!!!!!! Schade, daß dieses nicht in allen Tageszeitungen abgedruckt wurde, dann würden die letzten Schlafmützen der Befürworter entlang dieser Strecke endlich aufwachen.

OKT
21
Rechner, 00:27 Uhr

widersprüchliche Aussagen

Sehr geehrter Damen und Herren, mit Erstaunen habe ich gelesen, dass die beiden neuen Projektsprecher von Stuttgart21 auf die Frage, was passiert, wenn Stuttgart21 nicht gebaut wird, zwei sich widersprechende Antworten gegeben haben: http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2675446_0_9223_-interview-in-stuttgart-fehlt-der-leidensdruck-.html Herr Andriof, der sicher gut mit der Materie vertraut ist, da er über Jahre hinweg aus dem Regierungspräsidium das Projekt begleitet hat, meint, dass in diesem Fall die Deutsche Bahn im laufenden Betrieb das Gleisvorfeld sanieren müsste, während Herr Dietrich, der sich erst in jüngerer Zeit einarbeiten konnte, ein paar Fragen weiter meint, dass erstmal 10 Jahre lang gar nichts an diesem Bahnhof passieren wird. Zitat von Herr Andriof: "Und es machen sich viel zu wenige Gedanken darüber, was wäre, wenn man das Projekt aufgeben würde: Wir hätten in den nächsten Jahren gleichwohl eine Großbaustelle, weil die veralteten Gleise im Vorfeld erneuert werden müssten." ein paar Fragen weiter Zitat von Herrn Dietrich: "Die Botschaft muss lauten: Es gäbe jahrelangen Stillstand. Die Folgen davon müssen wir uns vor Augen führen." Ja was denn nu? Festzuhalten bleibt für mich erst einmal, dass die Deutsche Bahn es offensichtlich Jahrzehnte nicht für nötig befunden hat, in die Filstalstrecke zu investieren und viele andere Schienenstreckenn im Land vernachlässigt hat. Gleichzeitig sind fast jedes Jahr die Preise im Nahverkehr gestiegen und mit der Verwirklichung von Stuttgart21 werden sie zwangsläufig noch mehr steigen. Durch eine teure Trasse und einen teuren Bahnhof, wird sich das Land weniger Bahnkilometer leisten können, wenn es zu den vom Bund gedeckelten Regionalisierungsmittel nichts hinzuschießt. Dann kann sich die Bahn auch keinen S-Bahn-Express zum Flughafen mehr leisten, für alle die nicht mit dem teuren ICE zum Flughafen fahren wollen. Ökologische Zukunft sieht anders aus. Erstaunlich finde ich es, dass Sie als angeblich "Unabhängige Zeitung" diesen Widerspruch zwischen den Behauptungen der beiden Projektsprecher nicht erkannt haben. Je mehr ich auf diese Art über Stuttgart21 erfahre, desto größer werden meine Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Projektbefürworter und in Folge wachsen auch meine Zweifel am Projekt selbst. Selbst wenn Stuttgart21 sinnvoll ist, so stellt all das, was man dazu von den Befürwortern in Politik und Medien erfährt, eine Offenbarung für jeden Bürger dar, der sich noch einen Funken an kritischem Geist bewahrt hat und noch nicht gewillt ist, nach dem Leitspruch zu leben, Vertrauen ist alles, Kontrolle ist schlechter. Dieses Prinzip ist im Übrigen einer stabilen Demokratie, die auf dem gegenseitigen Kontrolle von Exekutive, Legislative und Judikative beruht, abträglich. (Mittlerweile zeigt sich doch recht deutlich, dass unsere Regierung nicht in der Lage ist, die Einhaltung von Gesetzen zu kontrollieren, weil ihre Bundesbehörden nicht hinreichend bemächtigt und ausgestattet sind - Bundesbehörden, wie z.B. das Eisenbahnbundesamt, Umweltbundesamt, die Bafin, die Bundesnetzagentur... welche die Einhaltung von Gesetzen kontrollieren sollen, verkommen so zu zahnlosen Papiertigern ) Für mich gibt es momentan leider nur zwei Schlussfolgerungen zu Stuttgart21: Entweder sind die Verantwortlichen unfähig, die breite Bevölkerung von der Sinnhaftigkeit einer Milliardeninvestition in die Bahninfrastruktur zu überzeugen oder aber Tricks und Täuschungen waren nötig, um den Bürgern ein für sie nachteilhaftes Milliardenimmobolienprojekt unterzujubeln, an dem sich nur eine Clique korrupter Akteure auf Kosten der Steuerzahler dumm und dämlich verdient, wobei willige Helfershelfer aus Politik und Medien von Anfang an Gewehr bei Fuß standen. Da aber alles irgendwann mal ans Licht kommt, sind viele Bürger inzwischen aufgewacht. Ich tendiere auch vor dem Hintergrund anderer teurer Skandale in Baden-Württemberg in den letzten Jahrzehnten (Birkel, Flowtex, CossBorderLeasing, ...) in letzter Zeit eher zur letzteren Schlussfolgerung. Unter diesen Umständen haben Sie hoffentlich Verständnis dafür, dass ich momentan kein Geld für die Stuttgarter Zeitung ausgeben will. Freundliche Grüße, Rechner

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