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Interview mit Anja Plaschg Nähe zum Tod ist normal, oder?

Michael Werner, vom 19.02.2010 07:39 Uhr
Sängerin im Kornfeld: Anja Plaschg möchte wieder nach Hause ziehen. Foto: Veranstalter
Sängerin im Kornfeld: Anja Plaschg möchte wieder nach Hause ziehen. Foto: Veranstalter
""Ich wurde von den anderen Kindern ausgeschlossen." "
Anja Plaschg über ihre Kindheit in der Steiermark

Stuttgart - Anja Plaschg (19) aus dem steirischen Zweitausendseelendorf Gnas macht unter dem Projektnamen Soap & Skin Furore. Ganz geheuer ist ihr der Rummel um ihre Person aber nicht.

Frau Plaschg, wie fühlt man sich, wenn man mit neunzehn sein erstes Album veröffentlicht hat und von den großen deutschsprachigen Feuilletons recht einhellig als "Sensation" oder als "Genie" gefeiert wird?


Das weiß ich nicht. Was denkt man sich dabei? Dass mir das Druck macht? Das tut es aber nicht. Ich habe immer versucht, diese Kritiken nicht an mich heranzulassen - auch weil sie teilweise ins Absurde übergegriffen haben. Und ich muss daran denken, dass die Kritiker - wenn sich das alles so hochstapelt - nur darauf warten, alles ins Gegenteil umkippen zu lassen.

Wenn man Ihre Songtexte lesen will, muss man die CD-Hülle zerstören und dann auf deren Innenseite mit der Lupe suchen. Was haben Sie mit dieser Verpackung bezweckt?


Bezweckt habe ich gar nichts. Ich habe einfach versucht, das ästhetisch so darzulegen, wie es für mich am ehesten passen würde. Dafür, wie ich meine Texte selbst wahrnehme, erschien mir diese Form der Verpackung sinnvoll.

Woher kommt die Düsternis in den Texten?


Ich verstehe diese Frage nie. Ich verstehe nicht, woher das kommen sollte, weil dies doch jeder kennt, und das ist doch normal, oder?

Na ja, die Texte anderer junger Musiker kommen heutzutage meist sonniger daher.


Ja, aber abgesehen von der Musik gibt es beispielsweise Thomas Bernhard.

Aber woher kommt Ihre Inspiration zu solchen Todessongs?


Es ist mir wahnsinnig unangenehm, darüber reden zu müssen. Aber gut: ich bin nur in bestimmten Lebenssituationen fähig, Musik zu machen. Wenn ich glaube, dass ich zu gar nichts mehr fähig bin, ist die Musik das Einzige, was mir bleibt. Sie rettet mich, aber das macht mir auch Angst, denn ich bin davon abhängig. Ich weiß nie, wann es das nächste Mal kommt, oder ob es überhaupt wiederkommt.

Und woher kommt die überwältigende Schönheit Ihrer Musik?


Meinen Sie den Willen zur Schönheit? Der ist natürlich gegeben. Aber es ist unerträglich banal auszusprechen, weshalb. Das hat es ja alles schon gegeben: Ich suche einfach diese enorme poetische Kraft in einem Lebensgefühl, das an den Tod herankommt. Die Schönheit, die darin steckt, möchte ich begreifen. Das kann man aber nicht. Deshalb bleibt es immer ein Versuch.

Sie meinen, die Schönheit liegt im Tod?


Sie liegt in dem Lebensgefühl, in dem man sich dem Tod nahefühlt.

Ihre Musik ist bei all ihrer Schönheit nicht für die Zehntausenderhallen gemacht. War das eine bewusste Entscheidung?


Ich hätte es nicht ertragen, wenn die Resonanz noch größer geworden wäre. Es ist für mich schon unglaublich, welch ein Publikum diese Musik jetzt hat. Davon bin ich nie ausgegangen. Ich selbst hätte überhaupt kein Problem, wenn es nach wie vor fünfzig Leute wären, die zu meinen Konzerten kommen. Und ich rechne damit, dass mir die Zukunft das auch so zeigen wird.

Ihre Eltern betreiben eine Schweinezucht in der Steiermark. Wie gefällt ihnen die Platte?


Wunderbar. Sie war ein Glück für sie.

Ihr Song "Spiracle" handelt von einer Außenseiterkindheit. Hatten Sie selbst eine solche Kindheit?


Ich hatte eine Außenseiterkindheit. Da war eine Ambivalenz: Einerseits wurde mir nachgeeifert, andererseits wurde ich von den anderen Kindern ausgeschlossen und verarscht und so weiter.

Und diese anderen Kinder stehen jetzt vor Ihrem Hof und wollen Autogramme?


So schlimm ist es nicht. Die wissen wahrscheinlich nicht mehr, wie das damals war.

Sie haben bei Ihrem ersten Album alles alleine gemacht - von der Komposition über die Produktion bis zum Abmischen und dem Artwork. Weshalb eigentlich?


Es war für mich ein Tabu, nicht alles alleine zu machen, obwohl mich das viel Kraft gekostet hat. Nach den vier Jahren, in denen ich das Album zu Hause aufgenommen hatte, habe ich mich dafür entschieden, es in einem Studio abzumischen. Das war schon überfordernd für mich. Andererseits war es ein intensives Erlebnis, nach all diesen Jahren auf diese Weise mit dem Material abzuschließen.

Im Stuttgarter Theaterhaus treten Sie mit einem Kammermusikensemble auf. Fürchten Sie da nicht, die Kontrolle zu verlieren?


Nein. Im Frühling 2009 habe ich die Arrangements gemacht und sie vom Cellisten des Ensembles notieren lassen. Bei den Proben habe ich immer wieder gesagt, wie es klingen soll. Ich sehe die Instrumente auch als Maschinen an, als Verlängerung von mir, weil ich die Wahrhaftigkeit der Musik mit den Instrumenten auf der Bühne viel stärker spüre. Natürlich hatte ich Angst, dass ich mich von einer Menschlichkeit auf der Bühne bedrängt fühlen würde. Aber bei den ersten Konzerten war es nicht so.

Bei einem Ihrer ersten Konzerte in Graz sollen Sie zwischen sich und dem Publikum Klopapierstreifen aufgehängt haben, um sich dahinter zu verstecken. Warum?


Weil ich damals mit fünfzehn nicht wusste, was ich mache. Das war ein zwanzigminütiges Konzert vor dreißig Leuten, und ich hatte einfach Angst. Die war auch berechtigt: Nach dem Konzert konnte ich drei Monate lang nichts tun.

Stimmt es auch, dass Sie während Ihrer drei Semester an der Wiener Akademie der Bildenden Künste kein Bild gemalt haben?


Ja, aber das war keine bewusste Entscheidung. Durch den Freiraum, nach Wien zu ziehen, habe ich einfach begonnen, nur noch Musik zu machen, und meine Arbeiten waren dann eben Videos zu meiner Musik. Meinen Professor Daniel Richter hat meine Musik auch deutlich mehr interessiert als meine Bilder.

Wie stellen Sie sich eigentlich Ihre nächsten zwanzig Jahre vor?


Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich werde wieder nach Hause nach Gnas ziehen und dort ein Studio bauen. Ab dem Sommer werde ich mich zurückziehen, und ich weiß noch nicht, wann ich dann wieder rauskomme.

Sie treten am Sonntag als Hauptattraktion des Festivals Wiener Woche in Stuttgart auf. Repräsentieren Sie Wien?


Nein.
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