Interview mit Christoph Dreher Die Drehbücher sind der Schlüssel

Eva-Maria Manz, 30.01.2013 12:33 Uhr

Stuttgart - Christoph Dreher hat für seinen Dokumentarfilm „It’s not TV“ über amerikanische Autorenserien die Macher von Breaking Bad, Tremé und The Wire in den USA besucht. Seit 2001 lehrt er als Professor für Film und Video an der Merz Akademie in Stuttgart. Zusammen mit der Autorin Christine Lang hat er jetzt auch das Buch „Breaking Down – Breaking Bad“ veröffentlicht. Sein Dokumentarfilm wird im Frühjahr bei arte ausgestrahlt. Buch und Film sind am Dienstag in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz vorgestellt worden.


Herr Dreher, Sie haben den Machern der preisgekrönten Autorenserien aus den USA bei ihrer Arbeit über die Schulter geschaut. Wie funktionieren diese Serien und was machen sie anders als andere Serien, die man aus dem Fernsehen kennt?
Christoph Dreher: Sie arbeiten häufig mit einem Team von mehreren Autoren und Autorinnen. Es geht um einen Plausibilitätsanspruch. So leicht wie früher macht man es sich beim Drehbuchschreiben heute nicht mehr. Ein Beispiel: Die Babysitterin, die in den dunklen Keller geht, nachdem der sie verfolgende Killer den Strom abgestellt hat, anstatt auf die Straße zu laufen und Hilfe zu holen - so billig kommt man bei solchen Serien nicht davon, nur um eine bestimmte Handlung – wie etwa einen Mord im Keller – vorzubereiten. Es muss schon plausibel und nachvollziehbar sein, die Autoren kritisieren sich da auch gegenseitig

Wie unterscheiden sich die Inhalte von bisherigen Formaten?
Mit den neuen Serien will man nicht mehr jedem gefallen. Es geht entschieden um Qualitätskonzepte. HBO hat mit der Gefängnisserie „Oz“ vor mehr als fünfzehn Jahren den Anfang gemacht. Die Autoren und Schöpfer haben dabei weitgehend freie Hand, vieles anders als bisher zu machen. Eben gerade, was die Handlung angeht: die einzelnen Episoden sind nicht in sich abgeschlossen, sie bauen aufeinander auf. Diese Serien erinnern an Romane, frei nach dem Motto von HBO ,It’s more than TV’.

Welche dieser amerikanischen Autorenserien schätzen Sie als die Beste ein?
Es ist sinnlos, das so einzuteilen. Jede Serie – sei es Breaking Bad, The Wire oder Mad Men – will etwas anderes. Der Erfolg entspricht unterschiedlichen Absichten und Prämissen. Bei Breaking Bad ist das Besondere beispielsweise die enorme Entwicklung der Charaktere. Das ist völlig konträr zu früheren Serien, in denen ein Protagonist immer der Gleiche geblieben ist. Heute kann der gute Ehemann schon mal der Bösewicht werden – das ist ja gerade das Interessante.

Die Serien sprechen häufig eher die Kritiker und ein Nischenpublikum an. Wieso lohnen sie sich also für die Sender offenbar trotzdem?
Die Sender sind alles andere als Altruisten, Sie können also sicher sein, dass es sich für sie lohnt. Aber es hat ein Umdenken stattgefunden. Heutzutage ist es klar, dass man mit einer Serie oder einem Angebot sowieso nicht mehr das ganz große Geld machen kann. Vielen geht es auch um das Image und bei den Pay-TV-Sendern um einen treuen Abonnentenstamm– und das lohnt sich, am Ende amortisiert sich das, nicht zuletzt durch die weltweiten DVD-Verkäufe.

Welche Hoffnungen hegen Sie für Deutschland: wird man auch hierzulande anfangen, Serien im Format von Mad Men oder Breaking Bad zu erfinden?
Zu Optimismus in dieser Richtung besteht bisher kein Anlass. Die neuen Serienformate sind allerdings auch hier in den Feuilletons schon lange ein Thema – vielleicht ist das den Sendern irgendwann mal Anlass genug, darüber nachzudenken, so etwas zu realisieren. Wir wollen auch im Herbst wieder in Stuttgart ein Symposion dazu veranstaltet und planen, Verantwortliche der deutschen Sender dazu einzuladen und ihnen Lust auf diese neue Art des Fernsehens zu machen.