Interview mit Cro „Indie ist, was wir alles abgesagt haben“

Von Die Fragen stellte

Jetzt zu ein bisschen Kritik. Der Konzertveranstalter Berthold Seliger hat vergangenes Jahr ein Buch über die Probleme der Musikindustrie geschrieben. Im Interview hat er mir unter anderem gesagt: Wenn vor zehn Jahren einer für H&M, McDonald’s und Axe Werbung gemacht hätte, wäre der unten durch gewesen und künstlerisch nicht mehr glaubwürdig. Er hat dich gemeint.
Es gibt zwei Typen von Menschen. Die einen sagen: Na gut, dann hängt er halt auf nem Plakat in der Stadt. Die anderen sagen: „Sellout! Du verrätst du Kultur!“ Ich zähle zur ersten Gruppe. Bei H&M dachte ich: Geil, ich bin Modedesigner und habe die Chance, mit denen eine Modekollektion zu machen. Was geht, ist doch super.

Was ist mit McDonald’s?
Schmeckt irre gut und war ein witziges Konzept.

Axe?
Die Axe-Kampagne wirbt natürlich für ein Produkt, aber eben auch für Frieden.

Dein Album wird mit dem „Red Bull Tag am See“ präsentiert. Berthold Seliger wird bei der Vorstellung vermutlich schlecht, dass ein Energy-Drink einer Album-Releaseparty den Namen leiht.
Wir wollten schon zum ersten Album mit einem Boot über den Neckar fahren und Konzerte spielen. Leider machen einem da Behörden leicht einen Strich durch die Rechnung. Jetzt kommen unsere Kumpels von Red Bull und sagen: wenn ihr was machen wollt, wir kriegen es hin. Die haben uns den Tag am See ermöglicht. Voll geil. Es geht darum, dass wir machen, was wir machen wollen. Wie kann man dagegen sein? Klar man kann auch ein Buch schreiben, alles scheiße finden und immer nur meckern oder zu einem Interview mit einem Veranstalter, in dem einmal mein Name fällt, als Aufhänger ein Cro-Foto posten, damit mehr Leute drauf klicken. Ich finde das schräg. Man kann ja nicht gegen alles sein.

Indie-Haltung halt.
Was ist daran denn Indie? Indie ist, was wir alles abgesagt haben. Hier kommen zwei Angebote die Woche rein, für die andere alles machen würden. Indie ist zehn Jahre buckeln ohne Geld zu sehen und dann ohne Major-Label Doppelplatin holen und die Schleyer-Halle ausverkaufen.

Wie würdest du den typischen Cro-Hörer beschreiben?
Eigentlich genau wie ich, nur vielleicht ein paar Jahre jünger. Er hat den Pulli an wie ich, Skinny Jeans, zerrissene Skaterschuhe und das Cappie nach hinten.

Wie hält man junge Hörer bei der Stange? Sie laufen erfahrungsgemäß schnell weg.
Du musst halt fresh bleiben. Wenn die Musik stimmt, läuft das schon. Ich war ja selbst mal jung und hatte Vorbilder und fand die cool. Ich springe da erst ab, wenn mir die Musik nicht mehr gefällt. Wenn er plötzlich anfängt, Reggae zu machen. Wenn es mich aufregt und ich mich frage: Warum bleibt der nicht einfach cool? Vielleicht fange ich ja selbst irgendwann mal an, Heavy Metal zu machen und tunke meine Maske in schwarze Farbe. Dann verliere ich auf jeden Fall alle Fans, die ich bis dahin habe. Dafür habe ich dann andere, haha.

Deine erste Single "Melodie" ging ja schon gut ab. Du kannst für das zweite Album also entspannt bleiben. Hattest du Muffensausen?
Ja, am Tag, bevor es losging. Und am Tag, an dem ich den Titelsong „Melodie“ geschrieben habe. Ich gehe immer ran an die Musik, mache fünf Tage was und es kommt nix raus und am letzten Tag läuft es ganz gut. Dann mache ich zwei Wochen Pause und es geht wieder fünf Tage lag nix. Aber dann kommt wieder ein Song. Das ist so der Rhythmus.

Der Song "Melodie" klingt so ein bisschen nach Disco.
Wegen dem Saxofon, was gerade jeder in seiner Musik drin hat. Das klingt ein bisschen nach Pharrell-Disco. Das ist schon das, was gerade abgeht. Aber genau so wollte ich es.

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