Interview mit dem Berlinale-Chef Konsolidierung nach dem Kraftakt
Katja Bauer, 28.01.2011 14:24 Uhr
Auch dem Glamour ist der Herr mit dem roten Schal nicht abgeneigt: Dieter Kosslick. Foto: dpa
Auch dem Glamour ist der Herr mit dem roten Schal nicht abgeneigt: Dieter Kosslick. Foto: dpa
""Wenn ein Film floppt, sagen alle: Hab ich gleich gewusst. Ich auch.""
Dieter Kosslick über Rituale im Auswahlgremium

Bald ist es wieder mal so weit. Vom 10. bis 20. Februar findet die Berlinale statt, neben Cannes und Venedig das wichtigste Filmfestival der Welt. Kunst, Glamour, Party und Geschäft liegen zwei Wochen lang eng beieinander. Doch mit Yoga, sagt der 62-jährige Dieter Kosslick, lässt sich das Pensum meistern.

Herr Kosslick, nehmen wir mal an, Sie wären amtsmüde - und wir würden überraschend Ihren Posten übernehmen. Können Sie uns mit ein paar Ratschlägen helfen?


Okay.

Als Erstes: Sie eröffnen dieses Jahr die Berlinale mit "True Grit" von den Coen-Brüdern. Wie haben Sie die nach Berlin gelockt?


Das ist eine lange Geschichte. Seit Frances McDormand 2004 Jurypräsidentin war, sind wir locker befreundet. Und Frances ist mit Joel Coen verheiratet. Als ich in New York war, gingen wir essen. Und ich habe Joel gesagt, er müsse ja nicht immer nach Cannes gehen. (lacht) Und dann kam der Film. Also versuchte ich, mit Paramount zu reden, das Studio, das den Film produziert hat. Dann saß ich in Los Angeles in der Flughafenlounge und notierte gerade ziemlich ratlos in mein kleines Tagebuch, dass ich auch nicht weiß, wie es jetzt weitergeht. Und in dem Moment geht, schwupps, die Tür auf, und der Londoner Studioboss von Paramount kommt herein. Ich dachte: Das gibt's doch nicht. Wir kamen ins Gespräch. Er sagte: "We are thinking about it, Dieter." Den Rest kennen wir.

Und wie lockt man die Schauspieler her?


Das ist immer eine spannende Frage... Bei "True Grit" kommen Jeff Bridges, Josh Brolin und die Coen-Brüder. Frances McDormand kommt nicht, da sie in New York Theater spielt. Aber ich habe ihr versprochen, dass ich ihrem Mann den Bürstenladen der Kreuzberger Blindenwerkstatt zeige. Sie liebt diese Bürsten.

findet man überhaupt die richtigen Festivalfilme?


Also, das ist ganz leicht, es hängt ja nur davon ab, ob der Film gut ist.

Und was ist gut?


Ein Festivalfilm muss irgendwie besonders sein, entweder formal oder inhaltlich oder philosophisch. Und wenn gleich ein paar Sachen zusammenkommen, dann wird es ein idealer Festivalfilm. So wie "Black Swan" in Venedig oder "True Grit" nun bei uns.

Und was ist ein K.-o.-Kriterium für Sie?


Wenn ein Film banal ist. Eines der größten Probleme ist die Beurteilung der Untergrenze. Oder wie wir immer fragen, wenn wir einen witzigen Film haben: Lachen wir jetzt, weil der Film witzig ist? Oder lachen wir unter unserem Niveau? Diese Grenze muss man finden.

Wie muss man sich den Prozess im Auswahlgremium vorstellen, wenn über die Filme im Wettbewerb entschieden wird?


Als endlose leidenschaftliche Diskussion, die eben so lange dauert, bis entschieden ist. Die letztgültige Entscheidung trifft der Direktor, also ich, aber eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gremium finde ich wichtig. Wir sind uns überhaupt nicht immer alle einig.

Und wenn der Film floppt, sagt dann jemand: "Das hab ich ja gleich gewusst?"


Ja, aber das haben jetzt alle schon einmal gesagt. Ich hab es auch schon öfters mal gleich gewusst.

Ein letzter Rat an uns Amtsnachfolger: Was sollen wir uns für die kommenden fünf Jahre vornehmen?


Wichtig ist es, das Publikum weiter zu begeistern. Ansonsten haben wir eigentlich ganz gute Voraussetzungen geschaffen, damit die Berlinale nie stehenbleibt, sondern sich selbst erneuert: wir haben die Perspektive deutsches Kino, den World Cinema Fund, der auch dieses Jahr drei Filme im Programm hat, und den Talent Campus, von dem das Festival und die Nachwuchsfilmer profitieren. Das wirkt, das schützt vor Kalk. Im vergangenen Jahr hatten wir im kompletten Programm vierzig Filme von Künstlern, die "Berlinale-Gewächse" sind.

Wird die Berlinale dieses Jahr einen thematischen Schwerpunkt haben?


Eher nicht. Während der Auswahl dachten wir mal, dass ein Schwerpunkt Social Media, Wikileaks und Datensicherheit sein könnte, aber es ist nicht so gekommen. Ich glaube, das ist der heterogenste Wettbewerb, den wir in den vergangenen zehn Jahren hatten.

Ist das nicht ein Risiko?
Doch. Aber anders hatten wir es ja schon öfters. Und das Entdecken neuer Talente und neuer Filmsprachen ist doch spannend.

Sie zeigen dieses Jahr mehrere 3-D-Filme. Mögen Sie das eigentlich?


Die 3-D-Filme, die wir da haben, sind toll. Alle sind sehr unterschiedlich. Der eine ist wie ein Scherenschnittfilm. Und bei Wim Wenders' Film über Pina Bausch hat man das Gefühl, zwischen den Tänzern zu sitzen. Werner Herzogs Dokumentation über die 30.000 Jahre alte Höhle in Südfrankreich zeigt sehr eindrucksvoll diesen Raum. Jeder dieser Filme ist auf seine Art faszinierend.

Was macht die Faszination von 3-D aus?


Nicht jeder Film ist für diese Technik geeignet. Manche funktionieren, andere nicht. Ich glaube, mit 3-D ist es wie mit Teflonpfannen. Manchmal benutzt man sie, weil sie geeignet sind, und manchmal nimmt man eben lieber Gusseisen. Und es gibt Leute, die sagen, dass die Bratkartoffeln aus dieser Pfanne besser schmecken.

Apropos Gusseisen: zu den faszinierenden Momenten der Berlinale im vergangenen Jahr gehörte die Übertragung von Fritz Langs "Metropolis" am Brandenburger Tor. Tausende von Menschen schauten da in Eiseskälte zu. Das hat vielleicht mehr Emotionen ausgelöst als mancher 3-D-Film, oder?


Jedenfalls war das magisch. Ich war selbst nachts da und, ehrlich gesagt, ganz schön gerührt. Wir wollten - zusammen mit der Aktion, die Berlinale in die Kinos der Kieze zu bringen - die Frage aufwerfen, was Film ohne das große, gemeinsame Kinoerlebnis wäre. Die Frage ist ja leider noch nicht beantwortet. Was aber das Screening am Brandenburger Tor angeht: wenn alles klappt, planen wir dort vom kommenden Jahr an regelmäßige Filmvorführungen.

Was ist mit diesem Jahr?


Wir konsolidieren uns ein bisschen. Die Jubiläums-Berlinale im vergangenen Jahr mitten in der Krise war ein gigantischer Kraftakt. Wir haben übrigens auch unser ganzes Geld investiert.

Wenn Sie noch mal auf das vergangene Krisenjahr schauen: Was hat Sie 2010 am meisten aufgeregt?


Eine Menge! Also, auf jeden Fall Stuttgart 21. Nicht nur, weil ich da landsmännisch betroffen bin, sondern auch, weil ich am Tag vor der Demonstration im Stuttgarter Schlossgarten war. Ich war für die Verleihung des Eckhart-Witzigmann-Preises in der Stadt. Ich durfte eben noch mal die Bäume sehen. Und wenn man dann diese Holzfälleraktion sieht, bricht es einem schlicht das Herz. Und aktuell regt mich natürlich - wie seit zwanzig Jahren schon - auf, was mit unseren Lebensmitteln los ist. Eins ist ja klar, wir verkünden das seit fünf Jahren in unserer Reihe "Kulinarisches Kino": was da aktuell passiert, ist kein Betriebsunfall, denn viele unserer Lebensmittel sind vergiftet. Das Dioxin haben wir alle schon lange gegessen und nicht erst seit ein paar Monaten. Bei diesem Thema packt mich seit zwanzig Jahren die kalte Wut.

Was noch?


Was mich auch unheimlich aufregt, ist die permanente Ungerechtigkeit und Stereotypisierung, die immer größer wird. Ich meine damit nicht nur die soziale Spaltung. Ich meine damit auch die Welt der Sarrazine!

Warum?


Nicht, dass man diese Themen nicht diskutieren könnte und sollte. Aber die Art und Weise, die Leute zu stigmatisieren, ist unerträglich und spaltet die Gesellschaft. Wir haben im Wettbewerb einen schönen Film mit dem Titel "Almanya", der von drei Generationen von Deutschtürken erzählt, die in Deutschland verzweifelt versuchen, ein bisschen türkische Identität zu behalten.

Und was sagt das Kino dazu?


Einiges. Wir zeigen im Rahmen der Perspektive einen Film über Stuttgart 21, den die jungen Regisseure Lisa Sperling und Florian Kläger von der Ludwigsburger Filmakademie gemacht haben. Sie haben bei den Demonstrationen gedreht. Der Film ist sehr interessant: Die Demonstranten in Stuttgart waren dermaßen passiv und friedlich. Und dann sieht man das absurde Interview des Innenministers Rech am Abend nach der Auseinandersetzung im Schlossgarten, als er sagte, die Menschen seien gewaltbereit gewesen. Es ist gut, das ganz ehrlich zu sehen: ganz normale, friedliche Menschen, die völlig entsetzt dastehen und auf einmal konfrontiert sind mit tausend Polizisten, die derart ausgerüstet sind, dass sie ebenso gut nach Afghanistan gehen könnten.

Das klingt so, als seien Sie gar nicht amtsmüde und als gäbe es noch Stoff für viele Festivals. Zum Schluss noch eine Bitte: Sie praktizieren Yoga. Können Sie uns eine gute Übung erklären, die gegen den Festivalstress hilft?


Ich habe eine super Übung für faule Yogaleute. Man legt sich auf den Rücken und stellt die Beine an. Dann irgendein Teil, zum Beispiel das Hotelhandtuch, eng falten und unter die Lendenwirbelsäule legen. Und dann drauflegen und die Arme seitlich vom Kopf nach hinten legen. Das machen Sie zehn Minuten - und dann können Sie jeden Film noch mal anschauen.
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