Interview mit Dieter Kosslick Zwischen Glamour und Globalisierung

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In zwei Wochen startet die Berlinale. Dieter Kosslick will große Stars ebenso präsentieren wie brisante Independentfilme. Und der gebürtige Pforzheimer „will, dass es ein bisschen durchdringt, dass Schwaben nicht nur Häuser am Prenzlauer Berg besitzen“.

Dieter Kosslick freut sich auf ein schönes Festival Foto: dapd
Dieter Kosslick freut sich auf ein schönes FestivalFoto: dapd
Stuttgart – Vom 7. Februar an rückt Berlin für zehn Tage wieder ins Zentrum der Filmwelt. Das ist auch ein Verdienst von Dieter Kosslick (64), der die Berlinale seit zwölf Jahren leitet. Kosslick hat das Festival nahe an die Realität geführt. Wettbewerbsbeiträge widmen sich der Lage homosexueller Priester in Polen, der Unfreiheit im Iran oder den Folgen der umstrittenen Erdgasgewinnung. Aber eines liegt dem gebürtigen Pforzheimer ganz besonders am Herzen: die Verteidigung schwäbischer Traditionen gegenüber falschen Vorurteilen.
Herr Kosslick, fühlen Sie sich eigentlich als Schwabe noch wohl in Berlin?
Ach, ich war etwas erstaunt, dass die nach den Türken größte ethnische Minderheit in dieser Stadt derart eins gedätscht bekommen hat von Wolfgang Thierse. Aber ich bin froh, dass die Diskussion mittlerweile auch produktive Ergebnisse hervorbringt. Ich finde es zum Beispiel wirklich gut, dass im Streit über Schrippen und Weckle nun das Schripple als Kompromiss erfunden wurde.

Sie könnten ja vielleicht als kleine Reverenz die Berlinale dieses Jahr einmal auf Schwäbisch eröffnen.
Das könnte durchaus sein, weil der Schwabe Ulrich Tukur mit seinen Rhythmus Boys diesmal auch dabei ist. Also falls Wolfgang Thierse auch kommt, werden wir vielleicht ein paar ordnungspolitische Worte sprechen. Wenn er da ist, könnte es sein, dass wir ihn als roten Schrippenzieher würdigen werden.

Klingt sehr politisch. Aber die Berlinale ist ja auch bekannt als politisches Festival. Haben Sie das Gefühl, es gibt dieses Jahr ein überwölbendes Thema?
Das kann man ja immer erst sagen, wenn man alle Filme gesehen hat. Aber ich glaube, nachdem wir in den letzten Jahren viele Filme gesehen haben, in denen der Einzelne Opfer großer Entwicklungen wie der Globalisierung wurde, sehen wir dieses Jahr nun eine Menge Kollateralschäden.

Inwiefern?
Wir haben viele Independentfilme aus Osteuropa, wo die Folgen eines unfassbaren Zusammenbruchs der Systeme zu beobachten sind. In einem rumänischen Film sieht man, wie die alte Nomenklatur die Finger im Spiel hat. Aber wir sehen nicht nur Opfer, sondern auch Menschen, die sich wehren. In dem russischen Wettbewerbsbeitrag geht es genau wie bei „Promised Land“ von Gus van Sant darum, dass den Menschen ihr Land weggenommen wird. In „Promised Land“ wird es ihnen weggenommen wegen „Fracking“, dieses umstrittenen Erdgasbohrens, das auch in Deutschland geplant ist. In dem russischen Film sieht man, wie den ehemaligen Kolchosearbeitern durch irgendwelche Neukapitalisten mit brutalen Tricks ihr Land abgenommen wird. Beide wehren sich.

Kann man sagen, Antikapitalismus ist ein Thema dieser Berlinale?
Ich würde eher sagen, solche Labels sind nicht mehr präzise. Wir sehen, wie brutal die Systeme sind, in denen die Menschen auf dieser Welt in der Zwischenzeit leben. Sie verselbstständigen sich gegen die Menschen. Was ja ein wirklich komischer Satz ist, weil die Menschen sich ihre Systeme selber machen. Man muss sich nur mal überlegen, dass wir im Jahr 2013 leben und die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

Also düstere Aussichten?
Es ist auffallend, wie nah unsere Filme an der Realität sind. Dass nun gerade aktuell im Bundestag „Fracking“ diskutiert wird und Gus van Sant zugleich seinen Film fertig hat, ist allerdings eher Zufall. In Amerika kennt man Fracking seit 50 Jahren mit allen katastrophalen Folgen für die Umwelt. Die Realitätsnähe sieht man aber auch zum Beispiel in dem Film der polnischen Malgoska Szumowska, der von homosexuellen Priestern in der katholischen Kirche Polens handelt. Das ist ein ziemlich harter Film, der hoffentlich nicht in den Archiven verschwindet. Und er ist eigentlich der Kommentar zur aktuellen Diskussion über die Studie zu Missbrauch in der Kirche und ihrer Opfer.
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