Interview mit einem chinesischen Künstler Das Leben in der Diktatur
Bernhard Bartsch, 13.03.2010 09:31 Uhr
Ai Weiwei gilt als bedeutendster chinesischer Gegenwartskünstler. Foto: dpa
Ai Weiwei gilt als bedeutendster chinesischer Gegenwartskünstler. Foto: dpa
Der chinesische Künstler Ai Weiwei spricht im Interview über seine Kunst und wie er gegen die Missstände in seinem Land ankämpft.

Herr Ai, Sie haben in Köln bei der Lit-Cologne mit der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller über "Politik und Kunst" diskutiert. Hatten Sie vorher schon einmal etwas von ihr gelesen?


Ich habe zwei Bücher und ihre Nobelpreisrede gelesen - aber nur, weil ich sie treffen sollte. Ich bin kein guter Leser, habe kaum Vergleichsmöglichkeiten. Trotzdem finde ich ihre Werke einzigartig und habe großen Respekt davor, wie hartnäckig und leidenschaftlich sie ihre Themen behandelt.

Hartnäckigkeit, Leidenschaft werden auch Ihnen nachgesagt, und das Hauptthema Ihrer Arbeit ist das gleiche wie bei Herta Müller: das Leben in der Diktatur. Ist Unterdrückung ein Katalysator für große Kunst?


Ich glaube, Kunst entsteht, wenn man das Chaos auf der Welt betrachtet und trotzdem nicht den Glauben daran verliert, dass es eigentlich anders sein sollte. Das möchte ich zeigen, mit Aktionen, die einfach sind, aber gerade dadurch stark und verständlich.

In Ihrer jüngsten Aktion haben Sie vergangene Woche eine Klage gegen Chinas Ministerium für Zivile Angelegenheiten eingereicht, weil es nicht auf Ihre Fragen zum Sichuan-Erdbeben geantwortet hat, wo vor zwei Jahren mehr als 5000 Kinder in maroden Schulgebäuden getötet wurden.


Ja, mit Freiwilligen und Anwälten habe ich über ein Jahr lang die Umstände untersucht, die zum Tod von so vielen Kindern geführt haben. Daraus haben sich über tausend Fragen ergeben, die wir den zuständigen Behörden schriftlich gestellt haben. Nach Chinas Gesetzen müssen Ämter Fragen aus dem Volk beantworten, aber sie kommen dieser Verpflichtung nicht nach.

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