Interview mit einer Comiczeichnerin Eine schmutzige Geschichte
Rupert Koppold, 25.06.2010 07:42 Uhr
Ulli Lusts Autobiografie ist von brutaler Offenheit. Foto: Verlag
Ulli Lusts Autobiografie ist von brutaler Offenheit. Foto: Verlag
""Die hören nicht zu, die sehen mich nur als Sexpuppe.""
Ulli Lust über die Männer in Sizilien.

Stuttgart - In ihrer mitreißenden und mehrfach preisgekrönten Graphic Novel "Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens" erzählt Ulli Lust von einer Reise, die sie als 17-Jährige unternommen hat. Damals war sie in den Süden getrampt.

Frau Lust, in Ihrem Comic stürzt sich die junge Ulli rücksichtslos in ein Abenteuer, das von der Wiener Punkszene nach Italien führt. Dort wird sie vergewaltigt und landet in einer Mafia-Villa in Palermo. Ist das die Geschichte einer Überlebenden?


Ja, zuerst hieß das noch "gezeichnet und überlebt von Ulli Lust". Das war mir dann zu aufgetragen. Aber es gab brandgefährliche Situationen, es hätte schiefgehen können. Doch mit 17 ist man ja relativ belastbar. (lacht)

Es sind 25 Jahre vergangen, inwieweit bestimmt dieser Abstand die Erzählung?


Sehr. Viele Aspekte sind mir erst im Nachhinein klargeworden. Etwa die Sexualität einer 17-Jährigen. Ich fühlte mich damals erwachsen und aufgeklärt, aber als Vierzigjährige habe ich erkannt, dass ich enorm unreif und romantisch war. Ich war zwar schon lange keine Jungfrau mehr - das wäre in Punkkreisen uncool gewesen - aber in Wirklichkeit habe ich mich gesehnt nach Küssen und Händchenhalten. Den Rest habe ich nur mitgemacht, weil die Jungs das wollten.

Ullis Motto lautet so wie der Buchtitel: "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens". Sie sagt, das bedeute Freiheit, Furchtlosigkeit, man könne Spaß haben. Steckt aber nicht auch Todessehnsucht drin?


Genau. Die Pubertät ist ja eine ambivalente Zeit. Ein wahnsinniger Lebenshunger, aber auch extreme Verzweiflung. Dass Mädchen sich heute die Arme aufschlitzen, was man damals noch nicht kannte, illustriert diese Gefühlslage zwischen Schmerzlust und Ekstase. Ullis Motto bedeutet: Unbedingt leben und von keinerlei Sicherheitsbedenken ausgebremst werden, weil es ohnehin egal ist - morgen gibt's nicht mehr.

Schwingt in Ihrer Geschichte auch die Sehnsucht mit, ein Mann zu sein?


Das ist nur eine von außen oktroyierte Sehnsucht, weil ich mich in Sizilien nicht frei bewegen konnte. Ich habe mich in Österreich nie unterprivilegiert gefühlt, ich habe die Jungs eher bemitleidet. Aber als ich mich in der archaisch-patriarchalischen Gesellschaft in Sizilien behaupten musste, habe ich gemerkt: die sprechen mit mir, doch die hören mir nicht zu, die sehen immer nur so eine komische Sexpuppe. Die Präsenz meiner Brüste war offenbar so irritierend für die armen Männer, dass ich nicht als Person gesehen wurde.

Sie setzen das zeichnerisch um mit Männeraugen, aus denen grapschende Hände herausschießen...


Ja. Und die Frauen müssen immer den Blick senken. Das habe ich verweigert, und das war sofort eine Aufforderung. Ein Clash der Kulturen. Ich wollte rumreisen, Leute kennenlernen oder einfach meine Ruhe haben - und das ging nicht.

Irgendwann will Ulli "zurückkehren zu den Lebenden". War diese Reise, die auch in Drogenräusche und in eine Art "Vernuttung" führt, ein Trip in die Hölle?


Ja, das war aber Absicht. Ich wollte etwas Extremes erleben. Ohne Pass über die Grenze, Kiffen. Aber keine Gewalt, ich war schwer dagegen, als irgendwelche Punkfreunde jemanden ausrauben wollten. Ekstase ist für Teenager eher negativ konnotiert. Ich komme aus einem katholischen Haus, alles, was ein wenig gefährlich ist, wurde abgelehnt. Da begehrt man auf. Allerdings hat mich Heroin nie wirklich interessiert, auch die Prostitution nicht, ich habe das aber nicht moralisch verurteilt.

Steckt im Buch trotzdem eine Moral drin?


Ich halte Moral für eine gesellschaftliche Abmachung. Wirklich wichtig sind Empathie oder Freundschaft. Aber noch mal zur Hölle: ich habe viel gelesen, Märchen und Sagen, da gab es das Motiv des dunklen Turms, die Helden gehen auf Reise und erleben schreckliche Dinge, unter anderem müssen sie durch den Turm, der die Hölle repräsentiert, und wie Orpheus dürfen sie sich nicht umschauen. Ich habe meine Reise als Heldenreise empfunden, auch wenn das natürlich jugendliche Selbstüberhöhung war.

Eine andere literarische Assoziation wäre die Beat-Generation, allerdings ohne deren Heroisierung.


Jack Kerouacs Roman "On the Road" habe ich gern gelesen. Da geht es auch um Entäußerung, das ist schon aus denselben Bedürfnissen geboren.

Als Männer hatten die Protagonisten damals aber mehr Freiheiten.


Das ist der große Unterschied, deshalb finde ich auch meine Geschichte relevant, weil es für eine Frau ganz anders ausschaut. Es hat sich aber viel gebessert. Na, ja, in Sizilien wohl nicht, da hat man immer noch so eine große physische Begeisterung. (lacht) Aber vielleicht sind die auch nur Opfer ihrer Kultur.

Sie erzählen brutal offen. Haben Sie mal daran gedacht, alles zu fiktionalisieren?


Diese räudige und schmutzige Geschichte ist perfekt inszeniert vom richtigen Leben, hätte ich angefangen zu fiktionalisieren, wäre ich schnell der Versuchung erlegen, Dinge zu schönen. Ich habe das Buch geschrieben, das ich selber gerne lesen möchte - und ich lese gerne ehrliche Bücher.

Warum spielt eigentlich das, wovor Ulli flieht, im Buch keine Rolle?


Sie flieht ja nicht wirklich vor einer böse-spießigen Familie, es ist Abenteuerlust. Ich mochte meine Eltern gern, aber etwas ist passiert, so mit 15 oder 16. Ich habe mir extreme Freunde gesucht. Und da war meine künstlerische Disposition und das Gefühl, dass es so viel mehr gibt, als brav sein und zur Schule gehen.

Auf der letzten Seite ist Ulli wieder bei den Eltern, sie reihen lakonisch ein paar Panels aneinander: sauberes Zimmer, Lampe, Heizung. Dann ein großes, schwarzes Schluss-Panel. Die schreckliche Bürgerwelt hat Ulli wieder eingefangen?


(zögert) Es ist ja nicht schrecklich, es ist einfach nur sehr sauber. Das war ein 350-Seelen-Dorf, nichts los, aber auch gar nichts!

Die Panels sind klar umrandet, das Layout eher konventionell. Braucht man eine äußere Ordnung, wenn man ein so unordentliches Abenteuer erzählt?


Vielleicht, ja. Bei einer so langen Geschichte ist es für den Leser leichter, wenn er einen Rhythmus zum "eingrooven" findet. Ich wollte so ein Stampfen, wie eine Lokomotive, die immer schneller wird.

Ulli trifft in Italien einen illegal eingereisten Schwarzafrikaner, der nach Norden will. Sie sagt zu ihm: "Die Österreicher sind ein unfreundliches, hässliches und langweiliges Volk. Und es sind Rassisten." Würden Sie da heute etwas zurücknehmen?


Hm. Unfreundlich stimmt leider, jedenfalls untereinander. Hässlich? Es klingt blöd, aber die Österreicher sind kein wirklich hübsches Volk. Rassisten? Stimmt auch noch. Langweilig? Nein, das hat sich gebessert. Aber das ist natürlich alles die extreme Sicht eines Österreichers! Die schimpfen lieber, als sich selbst zu loben.

Im Nachwort von "Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens" schreiben Sie über Ihren Sohn: "Ich freue mich, dass er so vernünftig ist." Darf man ergänzen: So vernünftig, dass er so eine Reise nicht nachmacht?


Ganz genau. (lacht)
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