Interview mit Ex-Frauenministerin Kristina Schröder „Die Dinge zu verschweigen ist brandgefährlich“

Von Bernhard Walker 

Die frühere Familienministerin Kristina Schröder (CDU) fordert nach den Übergriffen von Köln im Interview mit der Stuttgarter Zeitung eine tabulose Debatte über Gewalt gegenüber Frauen.

Die Kölner Polizei hat nach den Übergriffen in der Silvesternacht ihre Präsenz am Bahnhof verstärkt. Foto: dpa
Die Kölner Polizei hat nach den Übergriffen in der Silvesternacht ihre Präsenz am Bahnhof verstärkt.Foto: dpa
Berlin – - In muslimisch geprägten Kulturkreisen herrscht nach Auffassung von Kristina Schröder ein männlicher Ehrbegriff, der Gewalt rechtfertigt. Die frühere Bundesfrauenministerin verlangt eine tabulose Debatte, weil sonst die Integration von Zuwanderern scheitern könne.
Frau Schröder, nach den Vorfällen von Köln haben Sie gesagt, dass wir uns mit „gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen“ in der muslimischen Kultur auseinandersetzen müssten. Was meinen Sie damit?
Die frühere Frauen- und Familienministerin Kristina Schröder (CDU) fordert gegen frauenfeindliche Übergriffe vorzugehen. die Foto: dpa
Jede Kultur hat eine Vorstellung davon, wie sich ein Mann oder eine Frau verhält. Das ist etwas völlig Normales. In muslimisch geprägten Kulturkreisen herrscht aber oft ein Ehrbegriff, nach dem der Mann auf keinen Fall als schwach gelten darf. Diese vermeintliche Ehre wird dann oft auch mit Gewalt verteidigt. Und das wirkt sich indirekt leider auch auf Frauen aus.
Inwiefern?
Erscheint eine Frau als „unehrenhaft“, glauben manche, sich ihr auch unehrenhaft nähern zu dürfen. Als „unehrenhaft“ gilt in dieser Vorstellung, wenn eine Frau nicht zurückhaltend-passiv auftritt oder wenn sie sich zum Beispiel in ihrer Kleidung so ausdrückt, wie sie es gerne möchte. Diese archaische Vorstellung, die der Gleichberechtigung von Mann und Frau Hohn spottet, müssen wir dringend angehen.
Ist das Phänomen, das Sie schildern, muslimisch? Oder nicht eher kulturell oder sozial begründet?
Kulturelle Normen wurzeln in der religiösen Tradition. Das ist eine alte Erkenntnis der Soziologie. So besagt zum Beispiel Max Webers berühmtes Diktum, dass der Kapitalismus aus dem Geist des Protestantismus entstand. Mir leuchtet nicht ein, warum es diese Verbindung zwischen Religion und menschlichen Verhaltensweisen im Islam prinzipiell nicht geben sollte. Natürlich kann man sagen, das seien doch alles patriarchalische Normen, die mit Religion nichts zu tun hätten. Aber dann frage ich mich, warum sich weltweit patriarchalische Kulturen in muslimischen Ländern so besonders hartnäckig halten.
War es tabu, über gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen zu sprechen?
Ja, das war es, keine Frage. Im Jahr 2010 habe ich als Familienministerin ein Gutachten von Professor Ahmet Toprak über Gewaltphänomene bei männlichen muslimischen Jugendlichen aus Zuwandererfamilien vorgelegt. Damals wurde ich als islamophob oder gar rassistisch gescholten. Bis heute wollen viele lieber verschweigen, abwiegeln und wegdefinieren, statt die Dinge klar beim Namen zu nennen. Und das ist brandgefährlich.
Warum?
Weil eine Tabuisierung von Fehlentwicklungen nur den Rechtspopulisten in die Hände spielt. Ich möchte aber, dass die demokratischen Kräfte die Missstände ansprechen und anpacken. Sonst haben wir bei der Integration ein massives Problem.
Sie meinen die Integration der gut eine Million Flüchtlinge, die 2015 zu uns kamen?
Nicht     nur. Ich meine auch die Enkel der ersten Zuwanderergeneration, die hier geboren und aufgewachsen sind und bei denen wir die Probleme, von denen ich sprach, auch teilweise noch haben. Wir brauchen eine große gemeinsame Kraftanstrengung, um Normen, die Gewalt legitimieren, zu überwinden.
Wie soll das funktionieren?
Durch eine tabulose Debatte über Gewalt gegenüber Frauen, wie es sie beispielsweise auch beim Thema Zwangs-Verheiratungen immerhin schon mal in Ansätzen gab. Durch eine klare Ansage, was die Werte des Zusammenlebens in Deutschland sind – dass also die Werteordnung des Grundgesetzes unbedingte Achtung verlangt. Durch ein stärkeres Engagement der Verbände der Muslime und ihre Bereitschaft, diese Themen auch offen anzusprechen. Durch konsequente Polizeiarbeit und harte Strafen: Wer sich selbst über Normen von Stärke und Schwäche definiert, nimmt einen schwachen Staat nicht ernst. Bewährungsstrafen gelten dann nicht als zweite Chance, sondern als Beweis dafür, dass der deutsche Staat nicht Ernst zu nehmen sei. Ich halte daher den so genannten Warnschussarrest für sinnvoll. Ein solcher Arrest kann auch mit einer Bewährungsstrafe verhängt werden. Dieses neue Instrument wird in einigen Ländern leider viel zu zögerlich angewendet.