InterviewInterview mit Florian Sieber „Märklin bleibt ein separates Standbein“

Von tht 

Seit dem Frühjahr gehört der Göppinger Modelleisenbahnhersteller Märklin zum größten deutschen Spielzeugkonzern, der der Simba-Dickie-Gruppe. Der nur 28-jährige Geschäftsführer Florian Sieber erklärt die Pläne des Familienunternehmens.

Florian Sieber, Spross der Familie hinter Simba Dickie, im Interview. Foto: Horst Rudel
Florian Sieber, Spross der Familie hinter Simba Dickie, im Interview.Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Michael Sieber und sein Sohn Florian haben den Göppinger Modellbahnbauer Märklin im Frühjahr übernommen. Es ist der Versuch, eine Traditionsmarke neu zu beleben und gleichzeitig eine Erfolgsstory in der Spielzeugwelt zu wiederholen: Der Senior hatte einst mit seinem Vater eine Spielzeugmanufaktur gegründet und später unter dem Namen Simba Dickie zum größten Spielwarenherstellers der Republik aufgebaut. Im Gespräch verrät der Junior seine Pläne.

Herr Sieber, Sie sind als Sohn des Spielwaren-Fabrikanten Michael Sieber mit etwas mehr Spielsachen um sich herum aufgewachsen als andere Kinder. Wie war das?
Es war eine schöne Kindheit. Meine drei Geschwister und ich sind mit vielen verschiedenen Spielzeugen aufgewachsen. Die kamen aber nicht unbedingt nur aus dem eigenen Haus. Unser Vater hat auch immer Konkurrenzprodukte mitgebracht, um Reaktionen darauf zu testen. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich eines der ersten Kinder gewesen bin, die in der Öffentlichkeit Gameboy gespielt haben. Es gibt die Geschichte, wie ich damit in einem Restaurant sitze und sich eine Menschentraube um mich herum bildet. Alle wollten wissen, was ich da Neues habe.
Welche Rolle haben Modelleisenbahnen in ihrer Kindheit gespielt?
Sie waren zur damaligen Zeit mindestens genauso interessant für mich wie der Gameboy. Zusammen mit meinem Großvater habe ich eine Anlage aufgebaut und relativ viel Zeit damit verbracht. Damit sind auch schöne Erinnerungen an meinen Opa verbunden, der leider schon verstorben ist. Mein ganzer Stolz war eine Bahn von Märklin: Zuvor hatte ich schon ein paar Dampflokomotiven für die Wechselstromanlage, und an einem Weihnachten bekam ich den ICE.
Ihr Vater hat auf der Pressekonferenz zur Übernahme gesagt, Sie hätten ihn überzeugt, Märklin zu kaufen. Wie muss man sich das vorstellen?
Im Endeffekt waren wir uns beide einig. Wir haben positives Potenzial im Unternehmen gesehen, waren überzeugt von der Marke, von den Produkten und vor allem von den Mitarbeitern und ihrem Know-how. Mein Vater hätte die Entscheidung aber sicher nicht ohne meine Zustimmung getroffen, auch weil es sich um ein längerfristiges Engagement handelt und die nächste Generation solch einen Beschluss mittragen muss.
Wie fühlt es sich an, mit 28 Jahren Geschäftsführer eines Unternehmens mit mehr als 100 Millionen Euro Jahresumsatz und gut 1100 Beschäftigten zu sein?
Ich fühle mich durch mein Studium und meine bisherigen Erfahrungen in der Arbeitswelt ganz gut vorbereitet. Doch zunächst einmal habe ich großen Respekt vor dieser Aufgabe, da ich tatsächlich noch keine jahrelange Berufserfahrung gesammelt habe. Ich kenne aber den Konzern Simba Dickie seit meiner Schulzeit von Innen. Zudem werde ich sehr gut unterstützt, sowohl von den Kollegen in Fürth als auch von meinem Co-Geschäftsführer Wolfrad Bächle in Göppingen. Er ist ein Märklin-Urgestein, gehört dem Unternehmen seit mehr als 20 Jahren an und kennt hier jeden Winkel und jeden Produktionsschritt.
Bei Ihrem Antritt im Frühjahr haben Sie noch ein Geschäftsführer-Trio mit Bächle und Stefan Löbich gebildet, der das Unternehmen zwischenzeitlich verlassen hat.
Richtig. Geplant war zunächst, dass ich die Verzahnung der beiden Unternehmen (Märklin und Simba Dickie) gerade im internationalen Vertrieb begleiten sollte. Nach dem Weggang von Stefan Löbich, der auch für mich überraschend kam, wurden dessen Aufgaben unter den beiden anderen Geschäftsführern aufgeteilt. Außerdem musste die Ebene darunter mehr Verantwortung übernehmen. Für mich heißt das ganz konkret, dass ich nun die Bereiche Marketing und Vertrieb verantworte. Ich denke, dass wir in beiden Bereichen noch Verbesserungspotenziale haben, dabei kann ich auf enormes Wissen aus dem Haus Simba Dickie zurückgreifen.
Löbich hat das Unternehmen zusammen mit dem Insolvenzverwalter Michael Pluta durch eine schwierige Zeit gesteuert, in der die Existenz der Traditionsmarke Märklin auf dem Spiel stand. Bedauern Sie seinen Schritt?
(Überlegt lange) Es ist uns nicht gelungen, in den ersten Monaten der Zusammenarbeit eine vertrauensvolle Verbindung aufzubauen. Wir haben vielmehr festgestellt, dass wir nicht auf der selben Wellenlänge lagen. Dabei ging es nicht um konkrete Fehlverhalten auf der einen oder anderen Seite, sondern eher um unterschiedliche Vorstellungen zur strategischen Ausrichtung des Unternehmens.
Welche Rolle spielt Ihr Vater als neuer Eigentümer von Märklin im operativen Geschäft?
Die drei Geschäftsführer der Simba-Dickie-Gruppe – Manfred Duschl, Uwe Weiler und Michael Sieber – bilden seit der Übernahme den neuen Beirat von Märklin. Alle größeren Entscheidungen müssen von diesem Gremium genehmigt werden. Darüber hinaus ist mein Vater natürlich ein wichtiger Ansprechpartner, auf den ich bei allen Problemen und Fragestellungen zurückgreifen kann.
Wird es einen Nachfolger für Stefan Löbich in der Geschäftsführung geben?
Es bleibt vorerst bei der zuvor beschriebenen Arbeitsteilung. Trotzdem will ich nicht ausschließen, dass wir uns mittelfristig nach einem weiteren Geschäftsführer umschauen, um die momentane Geschäftsführung zu entlasten. Hierbei werden wir uns Zeit lassen und sorgfältig vorgehen.
Welche strategische Ausrichtung hat das Unternehmen?
Das Interesse an Modelleisenbahnen, das Kinder oft haben, geht über die Jugend verloren. Das ist ganz normal, und daran werden wir auch nichts ändern können. Was wir ändern wollen, ist die Kinder im Grundschulalter wieder für Modelleisenbahnen zu begeistern und das Zusammenspiel zwischen Jung und Alt, wie ich es noch erlebt habe, zu fördern. Die meisten Artikel kann sich kein Kind vom Taschengeld leisten, deswegen braucht es den Vater oder den Großvater, der dieses Hobby unterstützt. Kernzielgruppe für unsere Produkte bleiben jedoch die Männer 40-plus. Unsere Kommunikation muss aber an beide Seiten gerichtet sein – das Produkt muss sowohl die Kinder faszinieren als auch bei den Erwachsenen Emotionen wecken. Unser Ziel ist es, die Kinder im frühen Alter zu begeistern und später als 30 oder 40 Jahre alte Wiedereinsteiger zurückzugewinnen.
Sie gelten als Fachmann für den Auslandsvertrieb – was kann Märklin besser machen?
Märklin hatte in der Vergangenheit viele Niederlassungen vor allem im europäischen Ausland, die vor und während der Insolvenz sukzessive geschlossen wurden. Das Vertriebsnetz besteht momentan gerade noch aus Deutschland, der Schweiz und den USA. Wir sehen zwar keine Notwendigkeit, wieder neue Vertriebsgesellschaften im Ausland unter dem Namen Märklin zu eröffnen, aber wir können die Vertriebsorganisationen und Kontakte von Simba Dickie im Ausland nutzen, um Märklin-Produkte zu vertreiben. In Österreich haben wir bereits damit begonnen, weitere Länder werden folgen. Vor allem Osteuropa und Russland sind Märkte, die Märklin momentan überhaupt nicht aktiv betreut.
Sie investieren gegenwärtig auch in die Erweiterung des zweiten Märklin-Standorts im ungarischen Györ. Wie ist der Stand?
Wir haben vergangene Woche die Bauvergabe an ein ungarisches Unternehmen erteilt, in zwei Wochen erfolgt der erste Spatenstich. Die neue Produktionshalle soll im kommenden Juni fertig sein.
In der Branche wurde die Übernahme als „Traumhochzeit“ gefeiert: Bei der Pressekonferenz waren sich die Herren Sieber und Pluta jedoch nicht ganz einig, ob Märklin eine der verschiedenen Simba-Dickie-Marken wird oder nicht. Hat es eine andere Position als die Töchter der Fürther Gruppe?
Märklin ist und bleibt ganz klar ein separates Standbein. Anders als etwa bei Big oder Schuco, wo die gesamte Buchhaltung, das Controlling und die Logistik im Konzern gebündelt sind, übernimmt die Gruppe keine Aufgabenbereiche, die Märklin bereits abdeckt. Das Göppinger Unternehmen bleibt selbstständig. Trotzdem suchen wir natürlich nach Synergieeffekten, wie im beschriebenen Auslandsvertrieb, bei Verhandlungen mit Banken oder auch Zulieferern.
Die Mitarbeiter haben während und nach der Insolvenz Einbußen in Kauf genommen, etwa bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld oder durch längere Arbeitszeiten – was dürfen sie unter Ihrer Führung erwarten?
Mit der Übernahme haben wir die 2010 unter der Planinsolvenz getroffenen Vereinbarungen mit der Belegschaft für die nächsten fünf Jahre verlängert. 99 Prozent der Mitarbeiter haben dem zugestimmt. Das ist ein großes Zugeständnis der Belegschaft. Dafür garantieren wir im Gegenzug die Erhaltung aller Arbeitsplätze bis 2019. Das zeigt auch, dass wir langfristig mit jedem Einzelnen hier planen. Wenn wir zusammen als Unternehmen erfolgreich sind dann werden die Einschnitte der Mitarbeiter durch jährliche Bonuszahlungen ausgeglichen. In den vergangenen drei Jahren war das der Fall.
Ihr Großvater Fritz Sieber hat 1982 zusammen mit ihrem Vater den Grundstein für das Familienunternehmen gelegt. Sehen Sie Märklin für sich persönlich eher als Sprungbrett innerhalb oder außerhalb der Simba-Dickie-Gruppe?
Ich habe keinerlei Ambitionen, aus dem Familienunternehmen auszuscheiden, eher im Gegenteil. Es kann gut sein, dass ich mich irgendwann wieder in Richtung der Gruppen-Geschäftsführung bewege. Zunächst werde ich aber mit Sicherheit einige Jahre hier in Göppingen bleiben. Ich fühle mich sehr gut aufgenommen und bin froh, für eine tolle Marke zu arbeiten.